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Mit "Skyfall" feiert James Bond sein 50. Dienstjubiläum im Geheimdienst Ihrer Majestät, während es für Daniel Craig die dritte von den insgesamt 23 offiziellen Doppel-Null-Missionen ist, Dame Judi Dench als "M" einen würdevollen Ausstieg aus der Reihe feiert und gleichzeitig den Platz für Ralph Fiennes frei macht, der von nun an die Amtsgeschäfte als Bonds Vorgesetzter übernehmen wird.
Und die Umbesetzung auf dem Chefsessel ist nicht die einzige Neuerung, die der aktuellste Bond-Film zu bieten hat.
Nach der temporeichen Action- und Krawallorgie "Ein Quantum Trost", die für viele Fans der Reihe eine einzige Katastrophe darstellte (ich zähle mich eher zu den Befürwortern dieser Episode), nimmt Sam Mendes ("Road To Perdition") auf dem Regiestuhl Platz, kehrt zu den Anfängen der Craig-Ära zurück und liefert mit "Skyfall" einen klassischen Agentenfilm ab, der sich der aktuellen Bedrohungsthematik "Cyber-Terrorismus" annimmt und den Actiongehalt des Vorgängers aufs nötigste minimiert.
Mit einer Laufzeit von knapp 145 Minuten ist "Skyfall" eine ganze Dreiviertelstunde länger als "Quantum" und nutzt die Zeit, den dargestellten Figuren und der Story um Verrat, Loyalität und Rache Konturen zu verleihen.

Bond-typisch beginnt das neueste Abenteuer des Superagenten mit einer rasanten und atemberaubenden Verfolgungsjagd mit Motorrädern auf den Dächern eines türkischen Basars, setzt sich auf dem Dach eines fahrenden Zuges fort und endet für Bond - getroffen von einer Kugel - in den Tiefen eines Wasserfalls um den Zuschauer in die obligatorische Main Title-Sequenz zu entlassen, die von Adeles Titelsong begleitet wird.
Nach Chris Cornell ("You Know My Name" aus "Casino Royale") und dem Duett von Jack White und Alicia Keys ("Another Way To Die" aus "Ein Quantum Trost") liefert Adele hier einen klassischen Bond-Song ab, der sich trotz seiner Klasse wie fast jeder andere Titel aus vergangenen Tagen anhört: gute Melodie, tolle Stimme - aber insgesamt fehlt etwas Pfeffer.
Cornells rockiger Song passte da eher zur knallharten, beinahe rüpelhaften Performance Daniel Craigs, während das Duo White/Keys das Publikum fast in den Schlaf sang.
Komponist Thomas Newman ersetzt David Arnold und steuert einen frischen und unverbrauchten Score bei, der sowohl die Dynamik als auch die Tragik der Story adäquat untermalt.

Bereits Brosnans letzter Kampfeinsatz in "Stirb an einem anderen Tag" stellte ein Jubiläum innerhalb der ältesten und erfolgreichsten Kinofilmreihe dar - und zwar den 20. Bond-Film. Die Tradition, diesen Geburtstag mit liebevollen Zitaten und ironischen Brechungen zu würzen, wird in "Skyfall" fortgesetzt und auch ein neuer "Q" ist wieder mit an Bord: Ben Wishaw ist der klassische Nerd, der bestens zur zeitgemäßen Inszenierung passt und die peinlichen Komikeinlagen von John Cleese vergessen lässt.
Mit Naomie Harris wird trotz ihrer dunklen Hautpigmentierung eines der blassesten Bondgirls ever an Craigs Seite gestellt - ein guter Schachzug sie im Finale als "Miss Moneypenny" einzuführen.
Die rassige Berenice Marlohe bringt schon eher das Blut der männlichen Bond-Fans zum Kochen, stirbt aber recht schnell den obligatorischen Filmtod.
Und nachdem Mathieu Almaric ein mehr als schwacher Gegenspieler in "Quantum" war, liefert in "Skyfall" ein blondierter und mit homoerotischen Tendenzen angehauchter Javier Bardem den wohl eindrucksvollsten und charismatischsten Bödewicht seit langer Zeit. Seine Worteduelle mit Bond zählen mit zum Besten, was die ruhigen Momente dieses Films zu bieten haben. Bardem als Ex-MI6-Agent Raoul Silva lässt ebenso tief blicken wie Bond und "M" und vor allem Craig kann seiner Darstellung neue Facetten abgewinnen.
In "Skyfall" ist er weniger eine Mischung aus Prolet und Türsteher als vielmehr ein angeschlagener Held mit trauriger Kindheit und grenzenloser Loyalität zu "M", die für Waisenkind Bond wie eine zweite Mutter ist. Craigs Bond ist nachwievor ein Mann aus Fleisch und Blut - der Realismus der beiden vorangegangenen Filme wird - Gott sei Dank - konsequent beibehalten. Craig schwitzt, Craig blutet, Craig muss einstecken und Craig weint - spätestens im dramatischen Finale ist die Figur Bond mit allen Höhen und Tiefen ausgereift.

Und auch der letzte Akt ist eher Bond-untypisch, aber da unterscheidet sich Craigs dritter Einsatz auch nicht von den beiden vorherigen Missionen. Bislang bot kein Bond der neuen Ära ein Finale, wie man es von früher kennt. Keinen spektakulären Zweikampf Gut gegen Böse, Mann gegen Mann - und gerade den hätte ich mir angesichts zweier harter Kerle, die beide aus dem gleichen Stall stammen, gewünscht. Dass es letzten Endes das klassische Messer ist, dass Bond als zielsicher auszeichnet, und Silva unspektakulär ins Reich der Toten befördert, zählt zu den Schwachpunkten dieses Bond-Films. Dabei ist die Idee, das Finale als eine Art "Stirb langsam" auf Bonds Elternhaus "Skyfall" zu inszenieren, wirklich nicht schlecht und bietet einiges an pyrotechnischen Budenzauber und mit Albert Finney als "Kincaid" einen weiteren wunderbaren Charakter, der sich mühelos in die Reihe der unvergesslichen Rollen eingliedert, die "Skyfall" zu bieten hat.

Sam Mendes Werk hat Klasse - keine Frage. Es gelingt ihm die vielen sehr guten Ansätze wunderbar zu einem Ganzen zu verbinden und das Potential auszuschöpfen - dennoch fehlt "Skyfall" genauso wie seinem Titelsong die Würze.
Trotz aller Charakterentwicklung ist die profane Rachestory, die das Thema "Cyber-Terrorismus" lediglich ankratzt, etwas zu sehr in die Länge gezogen. Es fügt sich alles irgendwann zusammen - und die Betonung liegt tatsächlich auf "irgendwann".
Mangelt es "Ein Quantum Trost" an Tiefenschärfe und Charisma in den Rollen der Charaktere, so wird dem Zuschauer jedoch ein fulminanter Action-Höhepunkt nach dem anderen geboten - ohne lange Wartezeiten und ohne Leerlauf.
"Skyfall" dagegen nimmt sich sehr viel Zeit und wirkt stellenweise - trotz seiner ausgefeilten Charakterzeichnung - sehr geschwätzig.
Die souverän inszenierte Action macht das selbstverständlich wieder wett - auch wenn der anvisierte Realismus unter einigen Unwahrscheinlichkeiten zu leiden hat - die aber nun einmal das Gesetz der Serie sind.

Zusammenfassend lässt sich nach dreimal Bond mit Daniel Craig folgendes Fazit auf "Skyfall" ziehen: Würde man alle positiven Ansätze vereinen und alle Schwachstellen ausschalten hätte man den ultimativen Bond kreiert: den Titelsong aus "Casino Royale", die Action und das Tempo aus "Ein Quantum Trost", den genialen Gegenspieler und die perfekte Charakterzeichnung aus "Skyfall" und Craigs neueste Mission wäre nicht mehr zu toppen gewesen.
Und so ist "Skyfall" ein guter, zu "sehr gut" tendierender Agentenfilm, der leider zu oft ins Stocken gerät und der den "Wow"-Effekt vermissen lässt.

Minimal besser als "Casino Royale" und nah dran an "Ein Quantum Trost"!

7,75/10

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