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Als Drehbuchautor des von Guillermo del Toro produzierten „Julia’s Eyes“ hatte sich Oriol Paulo auch außerhalb Spaniens einen Namen gemacht, mit „The Body“ legt er nun in Doppelfunktion als Schreiber und Regisseur nach.
Das moderne Schauerstück beginnt im strömenden Regen, durch den ein zu Tode verängstigter Wachmann flieht, der danach einen Unfall hat. Bar jeder Erklärung für seinen Schrecken schaltet „The Body“ zu seinem Arbeitsplatz, dem Leichenschauhaus: Hier ist die Leiche der reichen Mayka Villaverde (Belén Rueda) verschwunden. Eine Tat, die vermutlich in Zusammenhang mit dem Verhalten des nicht ansprechbaren Wächters zu tun haben muss. Ein geschickter Schachzug, der offen lässt, ob er der Film eines oder beiden der zueinander durchaus affinen Genres Horror oder Thriller bedient, schließlich würde ein Horrorfilm auch übernatürliche Phänomene zulassen.
Inspektor Jaime Peña (José Coronado) übernimmt den Fall und lässt Álex Ulloa (Hugo Silva), den Ehemann der kürzlich Verstorbenen, zur Leichenhalle bringen. Ein Verdächtiger, der von dem Tod Maykas profitieren würde, zumal die Leiche just vor der erkenntnisbringenden Autopsie verschwand. Peña zwingt den Gatten zum Bleiben, der sich von da an als Vermittlungsfigur für den Zuschauer entpuppt: Man ist fast immer auf seinem Wissensstand in Sachen Mordfall, während Rückblenden erklären, was zuvor geschah.

Und schon in einer der ersten Rückblenden stellt sich heraus, dass Álex seine Frau tatsächlich vergiftet hat. Zumindest glaubt er das. Doch ist Mayka noch am Leben und will sich an ihm rächen? Seltsame Vorfälle passieren, während es für Álex immer enger wird…
„The Body“ ist ein kompakter Spannungsfilm, der Handlungszeit und -ort effektiv begrenzt: Im Laufe einer Nacht spielt das Geschehen fast ausschließlich im Leichenschauhaus, während nur die Flashbacks und wenige andere Szenen außerhalb stattfinden. Der Dauerregen, die hohe Gesellschaft, die so einige unfeine Geheimnisse und recht verdorben ist, das beschwört Images des klassischen Gothic-Horrors herauf, der in ein modernes Setting verlegt wurde. Denn Álex und Mayka waren sich bei weitem nicht grün, eine herrische Frau gegen einen windigen, ehebrechenden Mann, das gibt reichlich potentiellen Zündstoff und natürlich auch verschiedene (falsche wie richtige) Fährten in Sachen Lösung des Rätsels.
Einer der Kniffe des Films ist sicherlich der, Álex zum engsten Vertrauten des Zuschauers zu machen: Dieser ist kein besonders netter oder sympathischer Typ, aber Sympathien braucht „The Body“ gar nicht. Durch die Nähe zu Álex hofft der Zuschauer, eventuell sogar ganz ungewollt, dass dieser heil aus der Sache herauskommt oder zumindest herausfindet wie ihm gerade geschieht. Wenn Indizien ihn des scheinbar perfekten Verbrechens zu überführen drohen, er sich gegenüber dem misstrauischen Inspektor immer mehr in Lügengebilde verstrickt und ein Unbekannter regelrecht mit ihm spielt, dann weiß „The Body“ Profit aus diesen Szenen zu schlagen, kleine Spannungshöhepunkte zu kreieren und den Zuschauer zu einem gewissen Grad mit Álex hoffen zu lassen.

Viele direkt eingeführte Verdächtige gibt es nicht, doch stattdessen weiß „The Body“ den Zuschauer rätseln zu lassen, während er seine Hauptfigur durch ein minutiös getaktetes Martyrium schickt, ehe am Ende der gewohnte Surprise-Twist die Geschichte auflöst und das mehr als zufriedenstellend. Wobei „The Body“ dabei vor dem gleichen Problem steht, mit dem auch andere Thrillerstoffe, wie etwa „The Game“, „Saw“ oder „Non-Stop“, zu kämpfen haben: Am Ende entpuppt sich der Plan als abenteuerliche Konstruktion, bei welcher der Verantwortliche diverse kaum abwägbare Eventualitäten miteinberechnet haben muss, damit alles funktioniert wie gedacht. Damit muss man leben können, ebenso mit den wenigen Chancen zum Miträtseln, da der Film kaum Hinweise auf den Täter und sein Motiv liefert. Die wenigen, die er gibt, verdichtet „The Body“ dann allerdings wenige Minuten vor seiner Auflösung derart, dass es einem dann fast wie Schuppen von den Augen fällt.
Immerhin kann der Film sich auf starke Hauptdarsteller verlassen. Zum einen ist dort Hugo Silva, der souverän auf einer feinen Linie zwischen dem Drecksack mit nicht netten, aber meist nachvollziehbaren Motiven und dem Opfer wandelt, das zumindest an dem Verschwinden der Leiche schuld ist. Dazu kommt Belén Rueda, die als Femme Fatale mit Deluxe-Bitch-Attitüde richtig stark aufspielen darf, während José Coronado als knurriger, nachhakender Inspektor Präsenz zeigt. Neben dem starken Trio bleibt Aura Garrido als vierte Hauptdarstellerin etwas zurück, kann aber ebenfalls überzeugen.

So erweist sich „The Body“ als starker Beitrag des spanischen Genrekinos, der zwar mit seiner eigenen Konstruiertheit und einem leichten Mangel an Verdächtigen nicht ganz den Thrill-Olymp erreicht, aber dennoch stimmig und durchweg spannend mit seinen räumlichen und zeitlichen Begrenzungen arbeitet und auch am Ende nicht in sich zusammenfällt. Starkes Genrekino, das sich 7,5 Punkte meinerseits sichert.

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