Review

Mmmh…“Hitchcock and the Making of Psycho…“ – was für ein Sujet, da muß man sich als Filmliebhaber doch die Finger lecken und wenn man einmal den Blick über die Besetzungsliste schweifen läßt, kriegt man eine talentinduzierte Kreativerektion. Dazu noch basierend auf Stephen Rebellos berühmten Filmbuch, da dürfte doch eigentlich nichts schiefgehen.
Tut es aber doch, wobei die Verkürzung des deutschen Titels einfach auf ein knappes „Hitchcock“ schon praktisch erahnen läßt, wo hier das Problem gelagert wird: es wird sich auf Teufel komm raus an einer Charakterstudie des auch heute noch etwas mysteriösen Regisseurs versucht, nicht faktenbasiert, sondern schön fiktiv zusammengeschustert, weil es so bunter und vielschichtiger wird. Und im übrigen auch noch viel uninteressanter.

Daß Hitchcock ein Kontrollfreak war – bekannt!
Daß Hitchcock auf unterkühlte Blondinen stand und sie nach seinen (vermutlich unterdrückten) sexuellen Bedürfnissen ausstaffierte und bisweilen auf sie eindrang – ebenfalls so langsam im historischen Kontext verankert.
Daß „Psycho“ ein großer kreativer Moment und ein inszenatorisch und finanziell noch größeres Wagnis war – ebenfalls im Volke angekommen.
Dennoch sollte das eigentlich ausreichend Basis für einen interessanten, kontroversen und wunderbar historischen Exkurs in den Kopf eines seltsamen Mannes und seiner kreativen Genialität bieten, doch was Gervasi daraus macht, ist eine seltsam aufgeblähte Starparade, die unglaublich spekulativ Hitchcocks seelische Abgründe umkreist und gleichzeitig die Produktion des eigentlichen Filmwerks im Handstreich nebenbei erledigt, wobei in der Wiedererschaffung der Dreharbeiten zu diesem Klassiker der Hauptschauwert gelegen hätte.

Während also ziemlich berühmte Mimen in ihren 30-Sekunden-Auftritten wunderbar aufgeregt behaupten dürfen, wiederum andere ziemlich berühmte Mimen zu sein, postuliert das wirre, irgendwo zwischen Psychothriller, Ehedrama und historischer Komödie schwankende Skript stattdessen eine (vermutlich) fiktive Beinaheaffäre von Hitchcocks Ehefrau mit einem schmierigen Romanschreiber wegen akuter Vernachlässigung und läßt den Regisseur aufgrund seiner sexuellen Frustration und wirrer Parallelen zu Robert Blocks literarischer Vorlage „Psycho“ irgendwelche sinn- und folgenlosen Hinterkopfphantasiegespräche mit dem realen Ed Gein führen.
Zwischendurch gibt’s immer mal wieder Häppchen von den Dreharbeiten oder Probleme rund um die Produktion oder die Zensur des Films, wird die geschickte Werbekampagne gestreift oder das kreative Schnitttalent Hitchs beim Dreh bewundert, aber letztendlich nimmt es das Skript mit den historischen Tatsachen eh nicht so genau und präsentiert höchstens bekannte Momente von beachtlichem Kuriositätenwert einfach noch mal neu.

Der zentrale innere Konflikt Hitchcocks kommt einfach nie zum Tragen, weil er eh an den Haaren herbeigezogen ist und nie richtig aufgelöst wurde, weswegen die Läuterung des Künstlers am Ende auch noch extra verlogen daherkommt (Hitch führte seinen Kontrollterror von „Psycho“ beim nächsten Werk „Die Vögel“ gleich am selben Objekt der Begierde aufs Schlimmste weiter, etwas, was hier nicht mal ironisch angedeutet wurde). Anstatt die sexuelle Frustration also subtil zu visualisieren, greift man aus windigen Eifersuchtsgründen auf den salbadernden Psychopathen Gein zurück, der natürlich nichts Produktives beisteuern kann.
Nebenbei darf Hitch fleißig mittels Essen Ersatzbefriedigung betreiben und sich ansonsten als moppelige Sphinx nie in die Karten schauen lassen. Das bringt dem Film natürlich auch nicht mehr Spannung, wenn die Hauptfigur kreativ stets alles so lässig unter Kontrolle hat.

Undankbar ist der Job auch für Hauptdarsteller Anthony Hopkins, der vermutlich die Rolle seines Lebens gewittert hat, dem aber dank der Durchschnittlichkeit des Skripts nichts anderes übrigbleibt, als vielsagend und aufgebläht dreinzuschauen. Sein Hitch ist zwar an den mimischen Manierismen relativ nah dran – auch wenn er den Regisseur viel fetter spielen muß, als dieser zu Zeiten von „Psycho“ wirklich war – aber dennoch sieht er stets so aus wie ein als Hitch verkleideter Hopkins im Fatsuit.
Helen Mirren als seine Ehefrau Alma kommt da wesentlich besser weg, die frustrierte Ehefrau liegt ihr gut und sie reißt den Film problemlos an sich – andere starke Rollen gibt es auch eigentlich keine. Der Rest ist Namedropping mit jeder Menge Facedropping: Danny Huston gibt den fiktiven Schreiberling mit einer Portion verdächtiger Öligkeit; Toni Collette muß sich durch einen Sekretärinnenbitpart schludern, Michael Wincott muß mit den Augen rollen, James D’Arcy gibt in zwei, drei Kurzauftritten einen überraschend treffenden Anthony Perkins; Scarlett Johansson darf würdevoll Janet Leigh keimfrei runterspielen, während Jessica Biel einfach nicht wie Vera Miles ausschauen will. Am meisten wird Ralph Macchio als Drehbuchautor Joseph Stefano in einem Kurzinsert mit Augenzwinkern verschwendet.

Anstatt also etwas zu riskieren und jemand ggf. mit eher gewagten Theorien zum Thema „Hitch und Sex“ zu überraschen oder brüskieren, betreibt Autor John McLaughlin stattdessen lieber auf Nummer Sicher kreative Schaumschlägerei und umkreist das Sujet möglichst vage und sensationsheischend, in der Hoffnung, daß das eher rudimentär historisch oder biographisch informierte Publikum es nicht merkt und trotzdem interessant findet. Das Ergebnis: hochspekulative und zunehmend redundante Kolportage und handverlesen vogelgepicktes Kuriositätenamüsement.

So gerät „Hitch“ zu einem Film, der ständig Substanz vortäuscht, wo keine ist. Ist man in Unkenntnis über den Menschen Hitchcock, findet man das vielleicht sogar erhellend bis unterhaltsam, für Kenner ist der Film fast durchgängig ein grobes und beliebiges Ärgernis. Nett, daß so etwas mal gedreht wurde, aber wenn das Publikum diesen an den Haaren herbeigezogenen Wust für bare Münze nehmen, geräts dann doch eher fatal. (5/10)

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