Staffel 6
Der Horror & die Technik
In den letzten Jahren war „Black Mirror“ nicht mehr ganz das, was es einst war und wie es uns zu Beginn umgehauen hat. Manche sagen Charlie Brooker gehen Kreativität und Genie aus, andere sagen die Heirat mit Netflix tat nicht gut und hat weichgespült, wiederum andere sagen die reale Welt hat viele Ideen und Horrorszenarien bereits überholt. Vielleicht kommt einfach das Eine zum Anderen. Die glorreichen, britischen Jahre sind jedenfalls längst vorbei. Doch selbst in den schwächeren Jahren gab’s für mich immer wieder herausragende Episoden, Ideen und Momente. Von „San Junipero“ bis zum „Black Museum“.
Was können also die fünf neuen Episoden? Geht’s weiter bergab und gen durchschnittlicher Anthologie oder kann die legendäre TechnoHorror-Kollektion nochmal an die Glanzzeiten anschließen, die sie in Gesamtbetrachtung trotz allen jüngeren Unkenrufe zu einer meiner Lieblingsserien und der modernen, technisierten „Twilight Zone“ gemacht haben?
————————
JOAN IS AWFUL
8/10
Eine mittelalte Frau entdeckt auf Netflix eine Serie, die ihr Leben wiedergibt. Ziemlich flott nachdem es in echt geschehen ist, von Selma Hayek gespielt, sehr nah an der Realität. Und schnell erkennen diese frappierenden Ähnlichkeiten natürlich auch Bekannte, Arbeitskollegen und Familie - was ihr Leben ziemlich aus der Bahn wirft…
Eine sehr typische und spaßige „Black Mirror“-Folge. Technologisch, warnend, humorvoll. Die Kirchenszene vergisst man nicht, ist aber auch gehörig drüber. Momentan passen natürlich auch der „Streamberry“-Selbstbezug und der sehr weibliche Blickwinkel. Erst recht das Einbinden von CGI, Deep Fakes und dem Verkauf von Persönlichkeitsrechten. Hätte man zwar noch verschachtelter und besser hinbekommen können - dennoch ist das Charlie Brooker pur und fast wie zu den Anfängen der Serie. Nur minimal softer.
LOCH HENRY
8,5/10
Ein junges Mädchen besucht für ein Dokufilmprojekt mit ihrem Partner dessen abgeschieden und allein lebende Mutter im schottischen Hinterland. Doch schnell holt die düstere Vergangenheit des gottverlassenen Orts die beiden ein…
Sehr nah an heftigen Horrorthrillern, anfangs kommen leichte „Get Out“-Vibes auf. Das schottische Hinterland sieht sensationell hübsch aus, kann sein dunkles Unterholz aber nie komplett mit seiner grün-moosigen Aura überdecken. Die jungen Darsteller samt Beziehung fühlen sich echt an. Die Auflösung samt „Heimvideo“ ist bitterböse. Etwas wenig Technikbezug ausser Drohnen und VHS', aber das muss ja nicht immer der Kern sein. Der letzte Schwenker wieder Richtung Netflix- und Film-„Selbstreferenz“, True Crime-Parodien, ist nett, aber auch nicht wahnsinnig treffend. Dennoch mit echt sau spannenden Momenten. Hätten andere sicher einen Genrelangfilm draus gemacht.
BEYOND THE SEA
9/10
Zwei Astronauten auf einer weit entfernten Raumstation loggen sich jeden Tag die meiste Zeit in ihre Alter Egos auf der Erde ein, die eine Art hochmoderne Cyborgs sind, die genau nach den beiden designt und von den echten Menschen kaum zu unterscheiden sind. Doch ein grausamer Schicksalsschlag für den einen setzt die Parameter für die eigentlich neutral zueinander stehenden Kollegen komplett neu…
Für mich die beste Episode der neuen Staffel - von der genialen Besetzung über die emotionale Spannung bis zum unangenehmen Home Invasion-Teil, der natürlich etwas an „Once Upon a Time In… Hollywood“ erinnert. Nur in böser. Sehr gut. Etwas zu lang, ein besserer, knackigerer Schnitt hätte noch gut getan. So gibt’s ein wenig Längen. Aber insgesamt ist das für meinen Geschmack fast bei den „Black Mirror“-Sternstunden. Und Paul und Hartnett machen das unvergesslich.
MAZEY DAY
6,5/10
In einer Mischung aus 90s-Paparazziparabel und Werwolfhorror erzählt man hier von einem Starlet mit dunkler Seite und einer Fotografin mit Sinnkrise, irgendwie etwas halbgar zwischen Lady Di und „The Howling“…
Die 90er-Vibes sind cool, außer Kameras und DSL-Internetverbindung keine Technik, Zazie Beetz sehe ich immer gerne. Mit einem Werwolfstück hatte ich in dieser Deutlichkeit nicht gerechnet. Muse gehen immer. All in all eher eine der schwächeren Folgen. Immerhin knackig kurz im Gegensatz zu manch einer ausufernderen Episode dieses Jahr.
DEMON 79
7,5/10
Am ehesten als satirischer Retrohorror zu beschreiben, beschwört hier eine oft rassistisch angefeindete Kaufhausverkäuferin in den späten 70ern einen charismatischen Dämon herauf, der die Form des „Boney M“-Frontmanns annimmt. Groovy! Aber es ist nun ihre Pflicht, in den kommenden drei Tagen je einen Menschen zu töten - um nicht weniger als den atomaren Weltuntergang zu verhindern…
Auch etwas zu lang. Eher Horrorkomödie als TechSatire. Sollte ja eigentlich auch eine der ersten „Red Mirror“-Episoden sein. Schöner Retrostyle. „Ma Baker“ geht immer. Ohnehin ein paar richtig lässige Songs in dieser Staffel. Brooker kann sich also auch Horror ausdenken - aber nicht ganz so gut wie sein Sci-Fi-Stoff. Süße Protagonistin. Ein Dämon wie kein anderer. Knall am Ende. Hoffnung am Ende. Vielleicht sogar Liebe? „Demon 79“ hätte noch etwas böser und brutaler sein können, ist aber dennoch ein solider Abschluss.
————————————
Fazit: auch wenn die Technikaspekte etwas kurz kommen zwischendurch, gibt’s in dieser sechsten Staffel sehr viel Abwechslung, einen krassen Horrorruck und einige bitterböse, düstere Entscheidungen - wogegen ich sicher nichts habe! (8,5/10)