Staffel 7
Schwarz wie die Nacht - bis die technologische Schwarte kracht!
„Black Mirror“ ist als nerdig-techno-apokalyptische Netflix-Flagschiff-Serie zurück und liefert mit Staffel 7 ein paar echte Höhepunkt seiner Historie, die in jeder Epoche dieser wegweisenden Anthologieserie herausstechen würden und beweisen, dass weder das Konzept noch die Macher all ihr Schießpulver verbraucht haben… Noch immer die „Twilight Tone“ unserer Zeit!
—————————————————
COMMON PEOPLE
9/10
Ein schon länger zusammen gehörendes, eingespieltes und sympathisches Paar feiert Jubiläum, versteht sich weiterhin gut und würde (obwohl die dreißigsten Geburtstage schon etwas länger her sind) gerne ein Kind kriegen. Doch als die Frau durch einen Hirntumor überraschend außer Gefecht gesetzt wird, wird dem Mann ein neues, experimentelles Verfahren vorgestellt, wie er seine Liebste retten und wiederbekommen könnte. Jedoch nicht ohne Preis - im Abomodell… Classic „Black Mirror“. Böse, düster, bitter, traurig, tragisch, denkbar. Zudem mutig von Netflix derart deutlich Abomodelle, Preiserhöhungen, „Corporate Gier“ - und somit auch sich selbst! - in den Mittelpunkt zu stellen, auf 13 zu drehen und zu kritisieren. Stark gespielt. Ein toller Beginn der Staffel. „Black Mirror“ wie es sein muss. Das Ende ist noch fieser als man zuerst checkt. Das bleibt noch lange bei einem.
BÊTE NOIR
8/10
Die neue Mitarbeiterin in einer Firma für Süßigkeiten kommt der versierten Maria bekannt vor. Und ja, sie war einst eine unscheinbare und gemobbte Mitschülerin von ihr. Doch irgendetwas an ihr ist gefährlich anders. Und sie scheint sogar die Realität verändern können, sodass der Mandela-Effekt eigentlich direkt nach ihr benannt werden könnte… Ich habe in den letzten Jahren ein kleines Faible für den Mandela-Effekt entwickelt. Zwischen Witz, Faszination, Neugier und Angst. Und da kommt „Bête Noir“ (von dem es scheinbar sogar zwei Versionen auf Netflix gibt, die zufällig abgespielt werden und genialerweise eben Kleinigkeiten wie „Barnies/Bernies“ vertauschen) natürlich genau richtig. Ziemlich cool. Alles kann, nichts muss. Nur das Ende fühlt sich etwas an wie ein Copout. Aber ein spektakulärerer.
HOTEL REVERIE
6,5/10
Ein schwarzer, aktueller Hollywoodstar wird in ein computergeniertes Remake eines alten, britischen Schwarz-Weiß-Klassikers gesteckt. Und sie muss irgendwie das Script so hinbiegen, dass die filminterne Realität und Logik und Schicksale nicht ins Wanken geraten… Deutlich zu lang. Ich weiß nicht, warum das jetzt über 70 Minuten gehen musste. Aber für Filmnerds wie uns hat das „Abtauchen“ in einen Klassiker natürlich seinen Reiz. Romantisch, zeitbewusst, stilvoll. Aber irgendwie fehlt es dann doch deutlich an Boshaftigkeit und Tempo. Nicht übel - aber nur mit „Filmklassikerfan“-Bonus. Zudem hilft Awkwafina dem Ganzen mal wieder nicht…
PLAYTHING
8/10
Call back zu „Bandersnatch“. Einer für die Gamer. Über einen introvertierten Computerspieletester in den Neunzigern, den (auf Drogen!) digitale Wesen aus einem neuen Spiel kontaktieren… Schöne 90s-Videospiel-Überdosis. Zwischen „Age of Empires“, Cronenberg und dem Tamagotchi. Wie gemacht für mich - zumindest auf dem Papier. In der Realität auch - ohne jetzt der allergrößte Standout zu sein. Toll gespielt. Viele kleine Easter Eggs. Eine Zeit lang fehlt's ein wenig an Bedrohung und Spannung. Dann wird’s aber doch noch richtig schön böse. Und etwas meta. Und wie gesagt mit krassen Gamer-Bonuspunkten - vom Jaguar bis zum Dreamcast!
EULOGY
9,5/10
Zur überraschenden Beerdigung einer alten Geliebten und Freundin nutzt ein Mann eine neue Technik, die ihn in alte Bilder ihrer Beziehung und Leben wortwörtlich eintauchen lässt - um dabei einiges über Perspektive und Subjektivität zu lernen… Giamatti ist einer der Größten aktuell. Und er ist auch für „Eulogy“ ein echter Anker und Gewinn. Aber auch so ist die Idee der Vergangenheitsaufarbeitung durch „interaktive“ Fotoarchivierung absolut stark. Persönlich, intim, privat, emotional, ehrlich. Starke Folge, gar keine Frage. Ich hatte eine überraschend heftige emotionale Reaktion dazu. Das will man doch. Eternal Darkness of a Spineless Mind.
USS CALLISTER: INTO INFINITY
8,5/10
Zwar gab's schon Anspielungen, Easter Eggs oder gar Spin-Offs von älteren Episoden - aber das hier ist straight up eine waschechte Fortsetzung. Und zwar von einer der coolsten „Black Mirror“-Episoden überhaupt. Und nun muss die USS Callister sich mit neuem Captain und alter Chemie gegen einen Pool von Millionen virtueller Spieler bewehren… Die längste und sicher teuerste Episode. Ever. Spielfilmlänge. Gewicht oder Vorteil „zweiter Teil“ zu sein? In jedem Fall brauchte die Story etwas um in Gang zu kommen. Ich weiß nicht, ob das wirklich fast 90 Minuten gehen musste. Aber dann findet man zum Glück doch noch seinen Weg. Folgegeschichte. Vorgeschichte. Dogfights. Starke Effekte. Sehr viele Themen und Techniken, die „Black Mirror“ ausmachen. Funktioniert. Sieht edel aus. Frau Milioti ist momentan eh on fire. Trotzdem insgesamt nicht ganz so beeindruckend und immanent wie die Vorgängerepisode… Aber nah genug dran.
————————————————————
Fazit: einige echt heftige, creepy, emotionale (!), schwarzhumorige und geniale Momente, Ideen, Folgen helfen „Black Mirror“ mit Nachdruck aus seinem gefühlten, kleinen Tief. Es gibt zwar auch hier Aufs und Abs - aber die Highlights überwiegen seit langem mal wieder! Erst recht wenn man (wie ich und viele andere Zuschauer) Filmnerd und/oder Gamer ist. (9/10)