Review

Verbrechen und Vergewaltigungen an Frauen sind die schlimmsten "Nebeneffekte" eines schon unmenschlichen Krieges seit Anbeginn der Menschheit. Die anfängliche Einblendung "Balkan 1996" in THE SEASONING HOUSE, die grauen-braune dreckige Atmosphäre und die Zeitlupenbilder mit verstörendem Soundtrack bei dem ein junges Mädchen durch die Flure eines Hauses schleicht und auf gierige Augen nicht vertrauensvoll schauender Männer stößt, machen gleich am Anfang in sehr deutlicher Form klar, dass THE SEASONING HOUSE keine neue Folge einer TV-Reisesendung darstellt. Die Reise für die Mädchen des Films, die im Kontext des Balkankrieges zur Prostitution gezwungen werden, ist erwartungsgemäß leider meistens eine Einbahnstraße.

In der Mitte dieser Ereignisse ist die junge taubstumme Angel (Rosie Day), die von dem Boss und Zuhälter Viktor (Kevin Howarth) Vertrauen bekommt und sie neben der Funktion als private Geliebte auch zur Drogenverabreichung für andere Frauen und Neuankömmlinge zwingt. Es ist eine Frage der Zeit und braucht ein einschneidendes Erlebnis, bis sie sich gegen ihre Peiniger auflehnt…….dabei ist die grafische Gewalt anfangs nicht gerade hoch, diese wird aber von der psychologischen Komponente, die THE SEASONING HOUSE weit über ähnliche TorturePorn Beiträge hinaushebt, mehr als kompensiert. Dies nur um den Film mal von seinem derzeitigen Ruf etwas abzugrenzen.

Wir haben es hier nicht annähernd mit einem Splatterbeitrag zu tun, sondern mit einem filmischen Dokument der Gewalt an Frauen am Rande und in der Mitte eines Krieges, der nicht irgendwo im fernen oder nahen Osten stattfand, sondern nur unweit vor unserer Haustür und vor noch nicht einmal 20 Jahren. Sicherlich nutzt der Film diese Fakten für einen sehr zeigefreudigen und prätentiösen Beitrag eines Independent-Genrefilms zum großen Teil in fast fetischhafter Form aus. Die böse Seite der Handlung ist dermaßen grobschlächtig, formelhaft und schwarz-weiß gezeichnet, dass die vordergründigen Schockabsichten klar ersichtlich werden und zeitweise übertrieben wirken.

Dies ändert nichts daran, dass THE SEASONING HOUSE trotz dieser Herkunft und Absicht erfolgreich an die Verbrechen an Frauen in diesem Zusammenhang und aller Kriege erinnert. Sehr atmosphärisch sind die dunklen, aber hier und da von dünnen Lichtkegeln durchflutenden Räume und die stets in grobem Kunstlicht gehaltenen Bilder, die verrottende Ausstattung und die Hohlräume durch die Mädchen gehen müssen, ein guter Baustein in der psychisch und räumlich klaustrophischen Anatomie der Angst dieses Gebäudes. Effektseitig gibt es circa ab Mitte des Films zunächst derbe Stichwunden und Durchtrennung von Körperteilen mit spitzen Gegenständen, bei denen auch mal deutlich sichtbare CGIs benutzt werden die nicht top sind, aber ihren Dienst tun.

Aber die gefühlte Gewalt ist deutlich höher und hier tritt auch mal der TCM-Effekt in Kraft. THE SEASONING HOUSE zieht konsequent seinen Look, seine intellektuell ballastfreie Struktur sowie seine Fokussierung auf vordergründige Gewalt ohne narrativen Hintergrund durch, dass es schon wieder eine Beachtung verdient. Der Film ist grob, kühn, klobig, dreist, schroff und verwegen und frech und versteckt sich dafür nicht. Regisseur Paul Hyett hat noch nicht große Erfahrung auf dem Regiestuhl und war wohl mal als Schauspieler in DOOMSDAY zu sehen. Dafür ist die Leistung von umso beachtlicher und auch handwerklich gibt es kaum etwas zu bemängeln und so reiht sich THE SEASONING HOUSE als angenehm derber Beitrag aus oben genannten Gründen fairerweise leicht über Mittelklasseniveau ein.

5,5/10 Punkten

Details
Ähnliche Filme