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Die Italienerin Sandra (Claudia Cardinale) fährt mit ihrem amerikanischen Ehemann Andrew in ihre alte Heimat auf Familienbesuch. In dem weitläufigen Anwesen, in dem sie mit ihrem Bruder Gianni aufgewachsen ist, begegnet sie alten Bekannten, Verwandten – und den abgestreift geglaubten Verbindungen der Vergangenheit. Ihre inneren und äußeren Dämonen holen sie hier schnell wieder ein und machen den Aufenthalt mit fortlaufender Entwicklung zur Tortur...

Mit diesem dem Neorealismus nahestehenden und ihn doch auch überhöhenden Werk bewies der italienische Regisseur Luchino Visconti seine ganze künstlerische Meisterschaft. Da ist zum einen die Inszenierung: Bereits der Vorspann begeistert mit einer Kamera, die die Perspektive eines Autos einnimmt, das über endlose Straßen und Autobahnen durch Italien fährt, spektakuläre Landschaftsaufnahmen und Städtebilder mit einer elegant gleitenden Bewegung einfängt, die zur Entstehungszeit des Films ihresgleichen sucht. Auch im weiteren Verlauf erweist sich die Kameraführung immer wieder als erstaunlich flexibel – flüssige Gleitfahrten durch die weitläufigen Räume des Anwesens wechseln ab mit Nahaufnahmen auf Gesichter oder originellen Perspektiven – wenn etwa die Geschwister an einer großen Pfütze stehen und die Kamera hinabgleitet, um nur noch die Spiegelung auf dem Wasser zu betrachten. Auch die Beleuchtung ist hervorragend durchdacht, lässt immer wieder Gesichter im Dunkeln verschwinden, spielt gekonnt mit Licht und Schatten, Schwarz und Weiß und erzeugt so innerhalb kürzester Zeit eine leicht beklemmende Atmosphäre der Abgeschiedenheit und des Geheimnisvollen. Rein formal kann „Sandra – Die Triebhafte“ so durchgehend unterhalten und immer wieder mit starken Momenten begeistern.

Das eigentliche Highlight aber sind die Darstellenden, und allen voran natürlich: Claudia Cardinale. Ihre von unterdrückten Gefühlen und Ängsten gebeutelte Figur gibt sie mit einer solchen emotionalen Kraft, dass einem immer wieder Hören und Sehen vergehen kann. Mit ausdrucksstarker Mimik (und vor allem unglaublich intensiven Blicken) lässt sie den schwierigen Charakter ihrer Sandra von Anfang an durchschimmern und im Verlauf der tiefenpsychologisch aufgeladenen Handlung immer stärker hervorbrechen. Zugleich wird sie immer wieder ungeheuer sinnlich in Szene gesetzt – wenn sie etwa nur mit einem Handtuch bekleidet ein Gespräch mit ihrem Mann führt oder mit gewagtem Ausschnitt durch die dunklen Gängen der Villa schlendert. Diese lasziven Eindrücke entstehen dabei wie nebenher, wirken niemals bemüht oder unpassend ins Bild gerückt, sodass hier eine enorm naturalistisch wirkende Atmosphäre entsteht, der man sich kaum entziehen kann. Es mag altmodisch erscheinen, eine Frau so gleichermaßen geheimnisvoll wie erotisch darzustellen, aber selten ist es so vollendet geglückt wie in diesem Film.

Dass die Geschichte sich immer stärker um tabuisierte psychologische Themenbereiche dreht – inzestuöse Gefühle inbegriffen – war einer der Gründe, warum der Film seinerzeit stark angefeindet wurde. Doch genau dieser Wagemut macht ihn erst zu dem Ereignis, das er ist. In geschliffenen Dialogen tasten sich die Figuren Stück für Stück an die lange unterdrückten Emotionen und Erinnerungen heran, bis es zum Finale schließlich drastisch eskaliert. Darstellerisch und erzählerisch werden die Andeutungen, dass zwischen den Handelnden viel mehr vorgegangen ist, als an der Oberfläche erzählt wird, hervorragend ausgespielt. Als Zuschauender ahnt man von Beginn an, dass hier vieles nicht ausgesprochen wird, und wer mit tiefenpsychologischer Symbolik vertraut ist, findet auch in den Settings und der Ausstattung immer wieder kryptische Hinweise.

Dass „Sandra – Die Triebhafte“ im Schlussteil ein wenig zu langgezogen wird und der tragische Ausgang auch einen Hauch zu melodramatisch daherkommt, kann man angesichts dieses grandios durchdachten Konzepts schnell verzeihen (ebenso wie den dämlichen deutschen Titel). Visconti legt mit diesem düsteren, erotisch aufgeladenen Psycho-Drama ein Meisterstück in Sachen vielschichtiger, auf mehreren Ebenen zugleich funktionierender Filmerzählung vor, das auch bei mehrmaligem Ansehen mit Sicherheit noch Neues zu enthüllen weiß. Ein sträflich unterschätzter Klassiker des italienischen Neorealismus.

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