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Die 90er Jahre - Fun, Koks, Sex, Kohle ohne Ende, neuer Markt, Handy, Hedonismus, Ego-Trip - als Roland Suso Richter seinen Film 1997 drehte, war er auf der Höhe der Zeit. Geprägt und motiviert durch die Wiedervereinigung entstand ein Denken, in dem es nur Aufwärts gehen konnte - zukunftsorientiertes Wirtschaften und Haushalten stand nicht auf dem Tagesprogramm, sondern Konsumieren, Konsumieren, Konsumieren....

"Buddies - Leben auf der Überholspur" ist reine Polemik. Richter zeigt kein differenziertes Zeitbild einer Gesellschaft kurz vor der Jahrtausendwende, sondern präsentiert einen Haufen Arschlöcher - mal vollkommene, mal etwas kleinere und vielleicht auch ein wenig unfreiwillige. Das Leben in seinem Film besteht nur aus Winnern und Losern, und wenn man nicht aufpasst, kann man ganz schnell in die Loser-Gruppe abgeschoben werden. Mitleid mit Anderen, Selbstreflexionen oder über das eigene Weltbild hinaus reichende Erkenntnisse, werden regelrecht gemieden, denn Nachdenken ist gleichbedeutend mit dem Verlust der eigenen Machtposition.

Vordergründig handelt der Film von der Freundschaft dreier junger Männer, die in den 80er Jahren gemeinsam ihre Freizeit verbrachten. Dabei spielt der Wert tieferer sozialer Kontakte keine grosse Rolle, denn schon damals ging es nur darum, sich einen möglichst grossen Kick zu verschaffen, weswegen es auch nicht überrascht, dass sich ihr Kontakt über viele Jahre verliert, nachdem Einer von ihnen bei einer nächtlichen Aktion von der Polizei erwischt wurde. Richter zeigt hier eine nach männlichen Klischees geprägte Gruppe, die praktisch zusammenhält, aber sich emotional nicht kennt, weil über das gemeinsame Tun nie hinausgehende Gespräche geführt werden.

Als Henrik (Jürgen Vogel) zehn Jahre später beim Notverkauf seines alten Porsche auf einen sehr spendablen Käufer trifft, ahnt er noch nicht, dass sich dahinter sein alter Kumpel Rimkeit (Gregor Törzs) verbirgt, der ihm einen Job in seiner Firma anbieten will. Rimkeits Grosszügigkeit hat Hintergedanken. Er erinnert sich an den redegewandten Freund von einst und setzt diesen als Anbahner für seine windigen Geldtermingeschäfte ans Telefon. Die alte Freundschaft ist dabei durchaus von Nutzen, denn in einem Geschäft, in dem Keiner dem Anderen trauen kann, hat eine solche Verbindung besondere Qualitäten.

Wie Henrik bald feststellen muss, ist auch der dritte Freund nicht weit - Phil (Pierre Besson) arbeitet inzwischen als Staatsanwalt und nimmt eine wichtige Funktion in Rimkeits Geschäftsleben ein. Dessen Deals sind eindeutig kriminell und er bedarf der Protektion seines alten Freundes. Trotz dieses Kniffes ist es kaum vorstellbar, dass man so lange und erfolgreich solche Geschäfte machen kann, ohne das ihm Jemand auf die Schliche kommt, denn Rimkeit versucht gar nicht erst, mit dem erbeuteten Geld Gewinn zu machen, sondern gibt alles für sein Luxusleben mit Ferrari und drogengeschwängerten Parties aus.

Das Bild, dass Roland Suso Richter hier entwirft, ist eine Ansammlung von Klischees. Rimkeit ist nicht nur kriminell, sondern ein menschenverachtender Egoist ohne Gleichen, der ständig dicke Geldscheine zückt und alles für käuflich hält. Die mit ihm zusammenarbeitenden Personen wie Heino Ferch als sogenannter "Opener", der nach dem ersten Kontakt die Neugierde der Geldanleger weckt, stehen ihm nur wenig nach, können aber in Sachen Rücksichtslosigkeit nicht mit Rimkeit mithalten. Die Geldanleger selbst bestehen nur aus reichen Geldsäcken, denen vor lauter Geldgier der Verstand flöten geht. Einzig die Freunde Phil und Henrik werden etwas differenzierter betrachtet, wobei Phil kaum in Erscheinung tritt.

Jürgen Vogel, der zuerst skeptisch auf die Geschäfte seines alten Freundes sieht, agiert als Gegenspieler. Aber keineswegs auf moralischer Ebene, sondern nur im Kampf um den grösseren Erfolg. Schnell wandelt sich Henrik angesichts des materiellen Überschwangs zum knallharten Abzocker, den es auch nicht kratzt, als seine Freundin Dina (Nele Mueller-Stöfen) ihn verlässt. Stattdessen schnappt er sich Patricia (Aglaia Szyszkowitz), die sexuell sehr aktive Freundin seines Kompagnons, und überbietet ihn auch im Geschäftserfolg.

Im Gegensatz zu Rimkeit, kann Henrik immer noch gewisse Sympathien beim Betrachter aufrecht erhalten, da ihn Vogel ohne die für Rimkeit typischen Erniedrigungen anderer Menschen spielt. Seine Veränderung zum Geschäftemacher wird von Richter ohne Anspruch auf Nachvollziehbarkeit vollzogen, weshalb der Film in seiner gesamten Inszenierung zwar ein zwiespältiges und zum Contra aufforderndes Szenario abgibt, aber in seiner Beschreibung einer dekadenten Gesellschaft konsequent bleibt.

Zum Zeitpunkt seines Erscheinens mag der Film angesichts der wenig differenzierten Sichtweise polarisiert haben, aus heutiger Sicht muss man Richter - drei Jahre vor dem Zusammenbruch des neuen Marktes - Weitsicht zugestehen. Sein auch in der szenischen Abfolge schneller, optisch gefälliger Film ergibt ohne zu Moralisieren durch die einseitigen Charaktere ein schlüssiges und entlarvendes Bild einer Denkweise, die in ihrer Asozialität nur scheitern kann, aber auf Grund ihrer oberflächlichen Attraktivität nichts von ihrem Reiz verloren hat - bis heute (8/10).

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