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„Freaks“ erzählt die Geschichte eines Wanderzirkus', dessen Attraktion eine Gruppe von eben jenen Missgestalteten ist, die ihre körperliche Abnormität dem voyeuristischen, teils angeekelten Publikum zur Schau stellen. Besonderes Augenmerk fällt allerdings auf das Leben hinter den Kulissen, wo normale und abnormale Menschen mit den gleichen geistigen Eigenschaften doch nicht gleichberechtigt miteinander, sondern nebeneinander leben. Stellvertretend für die Arroganz der Norm ist die Trapezartistin Cleopatra, die für ihre egoistischen Zwecke den Liliputaner Hans betörend um dessen Beziehung mit seiner ihn liebenden, ebenfalls kleinwüchsigen, Verlobten bringt. Der Hohn und Spott, den die hochnäsige Cleo sät, soll sich rächen, als die Freaks, wie sie auch genannt werden, den Respekt für ihre Gemeinschaft zurückfordern… Der Film, wie wir ihn heute kennen, wirbt im Vorwort mit der Erkenntnis um den allumfassenden, verschwörerischen Ehrenkodex, den die Freaks untereinander haben und den zu missachten einem Fluch gleichkäme. Tatsächlich wird dem Zuschauer darüber ein beängstigendes Moment der Benachteiligten angedichtet, ähnlich der Verifikation späterer Mondofilme, die auch im Vorhinein die Echtheit des Gezeigten beteuerten, um den Schrecken zu verstärken. Dies mag in solcher Form hier nicht der Fall sein, dennoch schuf Tod Browning ein für seine Zeit außerordentlich unübliches Werk, das, als Horrorfilm betrachtet, ohne übernatürliche Elemente wie Vampire, Werwölfe etc. auskommt, sondern sich mit monströsen Mitmenschen auseinandersetzt und damit eine ungeahnte Übertragbarkeit auf die reale Welt erreicht. Als Parabel betrachtet teilen viele Randgruppen das Schicksal von diesen Freaks, die sich ihren eigenen sozialen Mikrokosmos innerhalb der gesamten Welt aufgebaut haben, sich mit Respekt begegnen und einen Schutz zugelegt haben, um diesen auch von außen gewahrt zu wissen. Als Drama ähnelt das vielleicht für den normalen Betrachter einem Schreckgespenst, für andere einem rebellischen Überlebenskampf in der Gesellschaft, als kombiniertes Horrordrama funktioniert es blendend. Gerade für die damalige Zeit muss das Gezeigte schockierend und verstörend gewesen sein, ein Gruselkabinett als Moralitätenstück. Dazu tragen vor allem neben den zwar guten, doch kaum spektakulären Schauspielern die Darsteller der Freaks bei, gespielt von tatsächlich missgestalteten Darstellern, ein Experiment von Tod Browning, das sich auszahlte, doch damals leider einiges Federnlassen bei der Auswertung kostete. Noch heute ist der Voyeurismus kaum abzuschalten angesichts solch obskurer Verstümmelungen, Stecknadelköpfe oder siamesische Zwillinge, sicher ein Tribut an Tod Brownings eigene Zeit als Schlangenmensch beim Zirkus. Selten wurde das Thema um körperliche Außenseiter so ergreifend und magisch anziehend nahe gebracht wie hier, am ehesten vielleicht noch in David Lynchs „Der Elefantenmensch“ oder in Alejandro Jodorowskys „Santa Sangre“.

Fazit: Ganz, ganz großes Kultkino mit erschreckend zeitloser Thematik. 10/10 Punkten

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