Meisterwerk, Meisterwerk! Wobei man natürlich den Begriff nicht übertreiben darf, denn auf den ersten Blick ist die Story eher durchschnittlich und auch die Kinematographie nur routiniert, doch in diesem Fall ist es das Gezeigte selbst und nicht etwa dessen Form, das dem Film seine Wucht verleiht.
Tod Browning, eher bekannt als Wegbereiter des klassischen Horrorfilms, der erste US-Dracula, sowie zahlreiche weit weniger bekannte Dramen und Halbhorrorfilme (in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts war dieses Genre per se noch nicht so klar definiert wie heute) gehen auf sein Konto, hat im vorliegenden Fall sein pièce de résistance abgeliefert, das aufgrund seiner ungewöhnlichen Cast immer in das Horrorgenre gesteckt wird, wobei es aber ein durchaus ergreifendes Drama über Außenseiter ist, die, zusammengeschweißt durch ihre "Abnormalität", zusammenhalten (müssen) und sich schließlich gegen die "normalen", aber seelischen "Freaks" zur Wehr setzen. Ungewöhnlich, zumal für die dreißiger Jahre, die Tatsache, dass Browning fast ausschließlich mit wirklichen Zirkusartisten drehte, die tatsächlich die Deformitäten aufwiesen, die sie im Film haben. Dadurch entsteht, trotz des bisweilen etwas theatralischen Schauspiels (das aber durchaus professionell ist), eine einzigartige Atmosphäre der Authentizität, die einem die Distanz zur Handlung schnell nimmt.
Diese Direktheit war wohl auch dafür verantwortlich, dass "Freaks" zu einem der traurigsten Zensurskandale wurde, den die Filmgeschichte zu bieten hatte. Dieser führte zu einem völligen Verschwinden des Films, bis er in den 60ern von Andy Warhols "Factory" wieder entdeckt wurde und seitdem einen Status als Kultfilm genießt. Es gibt Gerüchte von einer über 90minütigen Version, die aufgrund der "Unzumutbarkeit" des Gezeigten gekürzt werden musste, wahrscheinlicher ist aber, dass das erzkonservative MGM Studio "Freaks" als double Feature Beitrag für ein betrunkenes Drive-in Publikum verheizen und das Ganze also genau wie im Film zu einer Sideshow-Zirkusattraktion machen wollte. Doch auch in seiner 64minütigen, sehr straffen Version ist alles gesagt und immerhin vermeidet die gut einstündige Laufzeit Längen, so dass man einem ziemlichen Parforce-Ritt ausgesetzt ist.
Besonders erschreckend ist, dass in den letzten Jahren einige Studien erschienen sind, in denen von Eugenik-Projekten in den USA die Rede ist, deren Vehemenz den Gräueln des Dritten Reiches nur wenig nachstand. Glücklicherweise wurden diese im Anschluss an die Befreiung Europas nachhaltig desavouiert. Doch man kann erahnen, welchen Schrecken ein solcher Film einem Publikum bereitet haben mag, dem ideologisch das Verwachsene, das biologisch nicht Geglückte als persönliches Versagen, als "Strafe Gottes" insinuiert worden ist. Aus dieser Sicht bekommt "Freaks" nahezu eine politische Dimension. Auch heute noch, wann immer ich den Film in einem Kino sehe, kommen Lacher an "falschen" Stellen, Lachen, das zum Teil Ekel, zum Teil aber auch Angst verrät - das Grauen davor, dass körperliche und geistige Integrität nur glücklicher Zufälle sind und Zustände, die sich schnell ins Gegenteil verkehren können. So gesehen ist "Freaks" ein verpflichtendes Kulturerlebnis im wahrsten Sinne des Wortes.
Zum Zeitpunkt des Abfassens dieser Kritik ist eine RC1 DVD in Planung, die, so lauten die Gerüchte, Teile der verschollen geglaubten geschnittenen Szenen beinhalten soll. Darauf lohnt es sich zu warten. Doch auch im Qualitätsfernsehen wie Arte oder 3Sat bzw. den öffentlich-rechtlichen Sendern kann man in Deutschland "Freaks" bisweilen erwischen, einen weiteren Film meiner 10 besten in der Geschichte der belichteten Bilder.