Obdachlosigkeit ist ein zunehmendes soziales Problem in Deutschland, welches es zu bekämpfen gilt. Im Kino anscheinend auch: Kaum eine deutsche Produktion in den vergangenen 10 Jahren thematisierte dieses Milieu - abgesehen von „Fette Welt". Obwohl dieser Titel an metaphorischen Assoziationen bezogen auf die postmoderne Wegwerf- und Konsumgesellschaft reich ist, gelingt es auch diesem Film nicht, als eine aufrüttelnde, politisierende Anklage an die Wohlstandsgesellschaft zu funktionieren - im Gegenteil: Penner zu sein scheint gar nicht so schlimm, trifft man nur die richtigen Leute.
Zur Story: Der Obdachlose Hagen (Jürgen Vogel, „Nackt") lebt mit seinen Kumpels unter einer Brücke in München und fristet ein trostloses Dasein zwischen Melancholie, Arbeitslosigkeit und Armut. Bis eines Tages die 15-Jährige Judith (Julia Filimonow, „Die Braut"), eine Ausreißerin aus Berlin, in sein Leben tritt. Nach anfänglicher Abweisung entwickelt sich zwischen den beiden eine zarte Liebe, welche jedoch nach kurzer Zeit jäh unterbrochen wird...
Regisseur Jan Schütte ("Abschied - Brechts letzter Sommer") legte „Fette Welt" als eine Kreuzung aus melancholischem Sozialdrama mit Augenzwinkern und elegischer Romanze an, ohne dass diese beiden Genres wirklich miteinander harmonieren würden. Beginnend als trostlose Großstadtballade, welche die Schattenseiten unseres Wohlfahrtsstaates zu beleuchten scheint, wandelt sich der Film alsbald zum unreflektierenden Buddy Movie, welches so etwas wie Kameradschaft unter Schicksalsgenossen zeigt. Nach dem Suhlen in plumpen Klischees (Obdachlose sind prinzipiell Alkoholiker und klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist - nicht ohne leise Ironie inszeniert) setzt dann auch irgendwann die Love-Story ein, welche die zuvor aufgebaute, bedrückende und nachdenkliche Stimmung - auch durch düstere Bilder und melancholisch-trauriger Musikuntermalung generiert - konterkariert und dem Milieudrama eine hoffnungsvolle Note gibt, welche zuweilen romantisierend wirkt. Das wirkt bisweilen etwas daneben. Jürgen Vogel indes wirkt in seiner Rolle als abweisendes, beinahe schon polemisches Raubein Hagen glaubwürdig und spielt so eindringlich, dass sich in seinem Gesicht sein ganzes unglückliches Leben widerspiegelt, obwohl seine Figur wie auch die anderen Charaktere ziemlich eindimensional gezeichnet sind. Dabei wird vergessen, dem Elend, den „Opfern" der Obdachlosigkeit, ein Gesicht zu geben und mit der erforderlichen Stringenz anzuklagen, um einen wirklichen Anspruch auf Anspruch erheben zu können. Doch „Fette Welt" zeigt nur unterkühlt und ohne emotionale Tiefe das Milieu der Obdachlosen, deren Lebenssituation und -umstände, ohne dass über weite Strecken eine echte, kontinuierliche Handlung existiert. Das wirkt zwar planlos, verfehlt aber den Aufbau einer melancholischen, nachdenklichen Stimmung nicht - auch ohne politisierende Wirkung.
Fazit: „Fette Welt" ist ein löblicher, aber zu unambitionierter Film über einen sozialen Brennpunkt: das Obdachlosen-Milieu. Über weite Strecken bedrückend und trist gelingt es dem Film dennoch nicht, als Politikum die Schattenseite der Wohlstandsgesellschaft zu skizzieren und zu stigmatisieren. Eine politische Wirkung wird auch aufgrund Hoffnung generierenden Schlussteils verfehlt, was allerdings nicht heißen soll, dass „Fette Welt" als ein nachdenklich stimmendes Sozialdrama - wenn auch mit einigen Schwächen - dennoch durchaus zu überzeugen vermag.