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„München heute: Stadt der Kunst, der Wissenschaft, der Industrie. Studentenstadt. Olympia-Stadt. Stadt, in der die Zukunft schon begonnen hat!“

Produzent: Wolf C. Hartwig, Drehbuch: Günther Heller, Regie: Walter Boos – da weiß man, was einen erwartet. „Mädchen, die nach München kommen“ aus dem Jahre 1972 ist ein weiter Pseudo-Report-Sexploitation-Episodenfilm, der im Fahrwasser von „Schulmädchen-Report“ und Konsorten entstand.

„Hier ist die Lebenslust das Thema Nummer eins.“

Ein Voice-Over-Erzähler führt in die damalige Olympiastadt München ein, in die junge Frauen zum Studieren ziehen – und für mehr, wie der Film zeigen wird. Schöne Bilder der sommerlichen bayrischen Metropole, ein spaßiger Gag um Ausländer und eine launige Titelmelodie leiten zur ersten Episode über, in der die junge Cecile (Elfriede Payer, „Schulmädchen-Report, 4. Teil – Was Eltern oft verzweifeln lässt“) als Fremdenführerin eine Touristengruppe durch die Stadt führt. Sie erzählt uns, wie sie an den Job kam, was die reportfilmtypische teilkommentierte Rückblende einläutet, die sich hier um ein wenig Culture Clash, Sprachbarrieren und Gefummel dreht – und sexy Cecile splitterfasernackt präsentiert. Der Sohn ihrer Gastfamilie und auch andere prahlen, sie habe sie „reingelassen“, und ein Jungspund fensterl – eines von vielen Bayernklischees. Cecile täuscht vor, ihn verführen zu wollen, parkt ihn aber im Schuppen zwischen. Das Gleiche tut sie mit zig anderen potenziellen Stechern, was komödiantisch in beschleunigten Bildern gezeigt wird. Sie verhohnepiepelt die geilen Böcke nach Strich und Faden. Der Hausherr schießt gar eine Ladung Schrot auf einen von ihnen, woraufhin diese miteinander zu streiten beginnen. Nur mit dem Sohn des Hauses treibt Cecile es dann wirklich. Ein recht klamaukiger Auftakt.

„Mädchen, Mädchen, Mädchen – eine hübscher und knackiger als die andere!“

Ina Kaufmann (Ulrike Butz, „Der Krankenschwestern-Report“) kam 17-jährig vor zwei Jahren aus dem Ruhrpott nach München. Sie arbeitet als Erzieherin und kam zunächst als Kinderschwester bei den reichen Brüggemanns (Marlene Rahn, „Der neue heiße Report: Was Männer nicht für möglich halten“ und Harald Baerow, „Ich, das Abenteuer, heute eine Frau zu sein“) unter; deren Tochter, die kleine Sylvie, und Ina verstanden sich auf Anhieb. Frau Brüggemann ist eine MILF, die Ina in einen Bikini steckt – ihr Mann sehe „so was sehr gern“. Beim Spielen im opulenten Garten am Pool zieht Frau Brüggemann schließlich erst sich und dann Ina ganz aus, die Kamera tastet ihre Körper ab. Frau Brüggemann stürzt sich auf Ina, doch diese will nicht und protestiert. Herrn Brüggemann hingegen findet sie toll. Sie geht mit ihm aus, verliebt sich in ihn und wird seine Geliebte, was in eine Softsexszene mündet. Sie werden von Frau Brüggemann erwischt, woraufhin sich Ina am nächsten Morgen davonschleicht, aber von Sylvie aufgehalten wird. Frau Brüggemann treibt’s dafür mit ihrem Friseur (André Eismann, „Laß jucken, Kumpel!“), wie eine weitere Softsexszene veranschaulicht, und wird dabei wiederum von Ina erwischt. Frau Brüggemann will, dass Ina bleibt, doch diese zieht empört von dannen. Inzwischen ist sie glücklich verheiratet. Ulrike Butz spielt ihre Rolle ziemlich gut, wenngleich diese Episode Altherrenfantasien vom willigen Kindermädchen bedient.

„Hat die a Fotzerl!“

Im Biergarten läuft Blasmusik, ein alter Knacker zeigt dem Kamerateam dort die Sexanzeigen der Münchner Abendzeitung und gibt sich als Gerichtsvollzieher Gründl (Ludwig Wühr, „Schulmädchen-Report, 3. Teil – Was Eltern nicht mal ahnen“) zu erkennen. Also erzählt er seine Geschichte: Im Büro hatte er eine Sekretärin aus Hamburg, für ihn eine „Preußin“. Ellinor Grünewald (Dorit Henke, „Blutjunge Verführerinnen“) heißt die Gute, die übern spitzen Stein stolpert und sehr sexy ist. Oberinspektor Huber (Josef Fröhlich, „Lehrmädchen-Report“) versucht, sie zu vergewaltigen, was der Film bemüht humoristisch darzustellen versucht und im Ergebnis eine alberne Farce ist. Glücklicherweise wird der Kerl gestört. Anschließend streicht er „Mausis Massagesalon“ an, was Gründl durch Zufall entdeckt. Dort trifft Huber Ellinor und kommt mit ihr ins Geschäft. Gründl spioniert ihr nach und wir sehen in einer Point-of-view-Perspektive Hubers, wie ihre nackten Brüste über ihm baumeln. Seine schwankende Erektion unterm Handtuch wird begleitet von „lustigen“ Geräuschen, er hat Erektionsprobleme. Nach etwas Gefummel führt Gründl weiter aus, dass Ellinor bald gekündigt habe und nun hauptberuflich Masseuse sei. Am Ende taucht der Huber mit seinem Drachen von einer Frau im Biergarten auf. Dieser bekommt hier also sein Fett weg, wobei der Versuch der lustigen Darstellung einer Vergewaltigung unter aller Kanone ist.

„Die Damen wollen halt auch leben!“

Anja (Christina Lindberg, „Verbotene Früchte der Erotik“) kommt aus einer Kleinstadt bei Hannover und lebt seit einem Dreivierteljahr in München. Sie zog auf eine Annonce, dass eine Stenotypistin gesucht werde, in die bayrische Hauptstadt. Doch das Unternehmen existiert gar nicht mehr. Als sie dort vor verschlossener Tür steht, schimpft ein urbayrisches Kittelschürzengroßmütterchen (wie immer: Rosl Mayr, „Paragraph 218 – Wir haben abgetrieben, Herr Staatsanwalt“) irgendetwas Unverständliches, dem ich zumindest entnehmen konnte, dass die Unternehmer jetzt wohl gesiebte Luft atmen. Sie empfiehlt Anja die Hostessenagentur Herrn Weigands (Karel Otto, „Tatort: Kressin stoppt den Nordexpress“), der sich als schmieriger Typ mit schlechten Scherzen heraus-, Anja aber stehenden Fußes einstellt. Für 40 Mark soll sie ihre Kundschaft drei Stunden lang begleiten, angeblich ohne Anrüchiges. Ihr erster Kunde ist der dicke Herr Brettschneider (Joachim Hackethal, „Wir hau'n die Pauker in die Pfanne“) aus Berlin, mit sie erst antike Bilder angucken geht und dann von Bar zu Bar zieht. Der Film zeigt, wie er betrunken eine Striptänzerin befummelt und dirty talkt, angemessen widerlich von Hackethal gespielt. Anja reagiert entsprechend angewidert. Zudem habe er sich in sie verliebt und wolle sie zu sich holen, was sie natürlich nicht will. Auch hier kommt die Männerwelt nicht gut weg.

„Jaja, die Mädchen und München gehören zusammen!“

Die blonde Hessin Irma (Karin Götz, „Erotik im Beruf – Was jeder Personalchef gern verschweigt“) erzählt von ihrem Besuch bei ihrer Schulfreundin Annette (Erika Binder). Annette haut mit Irmas Klamotten ab und lässt sie in Unterwäsche allein zurück. Da stürzt sich ein Maler (Dagobert Walter, „Psychologie des Orgasmus“) auf sie - aber der will sie nur malen: „Für meine Collage brauch‘ ich genau so ‘ne Primel wie dich! Verklemmte Sinnlichkeit, weißt du?“ Annette kommt mit reichlich Speis und Trank zurück, denn sie hat Irmas Reisekasse auf den Kopf gehauen. Eigentlich wollte sie weiter zum Bergsteigen nach Garmisch, nun bleibt sie zum Nackttanzen in der Künstler-WG, darunter eine neckische Schwarze. Irma wird schließlich doch noch vom Maler angebaggert, plötzlich gerät die Zusammenkunft zur Orgie und als sich dann auch noch der Maler auf Irma legt, sucht sie aufgebracht das Weite. Am nächsten Morgen hat sie einen Kater und fällt doch noch auf ihn herein, wobei man sie nackt zu Gesicht bekommt. Die Episode endet mit einer Softsexszene und der Information, dass sie ihn geheiratet habe – das kam unerwartet… Diese Episode verrät vor allem, was sich verklemmte und zugleich ferkelige Deutsche damals so unter einer Künstler-WG vorstellten.

Verlagsrezeptionistin Ilse (Monica Fleischer, „Schulmädchen-Report, 4. Teil – Was Eltern oft verzweifeln lässt“) erzählt von ihrer Freundin Betty (Ingrid Steeger, „Der lüsterne Türke“), die plötzlich aufgetaucht sei. Diese wirft sich in ihrer Episode dem Fotoreporter Knut Bergedorf (Wolfgang Reinhard, „Gefährlicher Sex frühreifer Mädchen II. Teil“) an den Hals und lässt Aktfotos, unter anderem beim Nacktreiten, von sich anfertigen. Sie nimmt ihn mit zu sich nach Hause und tanzt dort fast nackt wild durch die Wohnung – muss man gesehen haben! Eine akrobatische Softsexnummer folgt, Steeger (mit schwarzer Perücke) spielt völlig entfesselt und furios auf. Knut gibt ihr anschließend den Laufpass. Daraufhin heiratet sie einen Bauern, mistet den Kuhstall aus und vergnügt sich mit dem Knecht, einem muskulösen Hünen.

„Mädchen, die nach München kommen“ ist kompetent und hübsch bunt fotografiert, sexploitiert den urbanen Zuzug junger Menschen und ist dabei nur selten wirklich frauenfeindlich. Viel mehr zielt die Handlung in erster Linie gegen die Männer, dies jedoch zumeist komödiantisch und somit kaum ernstzunehmen. Der Humor ist, nun ja, eben wenn man trotzdem lacht… Wie so oft in solchen Produktionen sind es die offenherzigen Darstellerinnen, die sich mir nichts, dir nichts und ohne jede Scham in ihre körperlichen Szenen stürzen und einen erfrischenden Gegenpol zum Altherren-Softsex-Schmonzes bilden, obwohl sie eigentlich mittendrin sind. Insbesondere Butz und Steeger stechen hier hervor. Ich muss zugeben, lediglich die offenbar um zehn bis 15 Minuten gekürzte FSK-16-Fassung gesehen zu haben, da der Film in seiner vollständigen Fassung nach wie vor indiziert ist. Gut möglich also, dass der ungekürzte Film weit weniger harmlos ist.

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