Jede Nation, so sagt man, hat ihre Monster. Was Schottland betrifft, stammen sie zumeist aus alten Mythen und bestehen aus schattenhaften Silhouetten. Geister, Giganten und andere übernatürliche Präsenzen, die an Berghängen, in Seen und Wäldern Schutz suchen, sind durch alte Schriftstücke oder vermeintliche Augenzeugenberichte dokumentiert. Allen voran steht natürlich das sagenumwobene Ungeheuer von Loch Ness, das Generationen von Touristen zum Narren hielt und längst zum Maskottchen geronnen ist, in dessen Schatten alle anderen schottischen Ungeheuer verblassen.
Für Serienkiller und andere Monster menschlichen Ursprungs sind dann auch eher die Engländer und hier speziell die Londoner berühmt. Jack hebt freundlich seinen Zylinder zum Gruß und fordert seine bis heute aktiven Nachahmer dazu, es ihm gleichzutun. Man munkelt, dass es auch die Engländer waren, die den schottischen Kannibalen Alexander „Sawney“ Bean erfanden. Mit ihm sollte den ungeliebten nordischen Nachbarn eine barbarische Natur unterstellt werden… und Bücher wollte man mit ihm verkaufen. Sawney, so sagt die Legende, habe im 15. Jahrhundert mit seiner 48-köpfigen Sippe über 1000 Menschen getötet und verspeist. Anscheinend war die Legendenbildung über die Inselgrenzen hinaus erfolgreich, denn Wes Craven erfuhr von ihrer Existenz in einer New Yorker Bibliothek, als er Mitte der 70er Jahre auf der Suche nach einem Stoff für seinen neuen Film war. Es sollte die Geburtsstunde von „The Hills Have Eyes“ werden, dessen britische Wurzeln vielen Cineasten womöglich gar nicht bewusst sind. Neben dieser wohl bekanntesten Adaption der Sawney-Legende haben sich natürlich auch britische Produktionen damit beschäftigt: So etwa „Tunnel der lebenden Leichen“ (1972) mit Donald Pleasence oder eben zuletzt „Sawney – Flesh of Man“ von 2012.
Der beginnt dann auch gleich bedeutungsschwanger mit kriechenden Nebelschwaden und einer herb-männlichen Erzählerstimme, als wolle man uns auf ein martialisches Epos der Marke „Highlander“ oder „Braveheart“ vorbereiten. Die eingeblendete Texttafel, die uns über die Grundzüge der Legende aufklärt, hat einen schweren Job zu erledigen, denn sie muss eine Brücke vom 15. Jahrhundert in die Gegenwart schlagen. Schließlich soll hier kein aufwändiger Historienfilm entstehen, der die Geschichte des originalen Alexander Bean erzählt, sondern eine zeitgenössische Schlachtplatte mit den Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkeln.
Man bedenke schließlich: Wir befinden uns noch Anfang der 10er Jahre. Die Torture-Porn-Welle rollt immer noch voran, auch wenn sie die Küste bereits kommen sieht. Ihre Vertreter verorteten das sehr reale Grauen in den entlegensten Winkeln der zivilisierten Welt, fern von allem Übernatürlichen – ob es die Charaktere dabei nun in fensterlose Todesfallen verschlug wie bei „Saw“ (2004), in osteuropäische Studentenunterkünfte wie bei „Hostel“ (2005) oder in den brasilianischen Dschungel wie bei „Turistas“ (2006). Seither ist viel geschehen. Inzwischen haben Regisseure wie James Wan und Mike Flanagan die Gänsehaut wieder salonfähig und die Magensäure-Achterbahn der 00er Jahre überflüssig gemacht. Der Genre-Fan ist im Grunde immer noch dabei, das Fleisch zu verdauen, das ihm vor zehn bis zwanzig Jahren in den Magen gestopft wurde. Als „Sawney“ gedreht wurde, hatte er es sogar noch bis zum oberen Rand im Hals stecken. Wer da wirklich noch etwas Besonderes bieten wollte, musste schon mehr im Köcher haben als ein Maximum an Blut und Innereien.
Die große Besonderheit ist bei „Sawney“ schnell ausgemacht: Es ist natürlich nicht seine Brutalität, sondern die wundervolle Kulisse. In der Anlage handelt es sich eigentlich um eine typische Trittbrettfahrerproduktion, die noch ein paar letzte Krümel von der Folterplatte abstauben will, während die Gelegenheit genutzt wird, noch ein wenig für das eigene Land und seine aufregende Geschichte die Werbetrommel zu rühren. Da erwartet man keine große inhaltliche Kunst, geschweige denn schöne Bilder. Was dieser Film allerdings an eindrucksvollen Aufnahmen liefert, übersteigt alles, was man sich von ihm in visueller Hinsicht erhofft. Die offenen, ungemein detailreichen, kristallklaren und in sattgrünen Farben abgelichteten Highlands ergeben einen willkommenen Kontrast zu der labyrinthischen Höhlenbehausung der Kannibalen irgendwo im Herzen dieses wunderschönen Fleckens Erde, was letztlich auf eine Blutsverwandtschaft mit australischem Outback-Horror der Marke „Wolf Creek“ (2006) schließen lässt. Anstatt auf völlige Desorientierung mit häufigen Close-Ups und beengenden Hintergründen zu setzen wie etwa der letzte große Backwood-Slasher „Wrong Turn“ (2003), nutzt Ricky Wood imposante Panorama-Portraits der umliegenden Natur, um Kontraste zu schaffen zur animalischen Unterkunft der Unzivilisierten – ähnlich wie „The Descent“ (2005), der zuerst viel aus der Vogelperspektive zeigte, um schließlich in einem unterirdischen Tunnelsystem die Klaustrophobie herauszufordern. Selbst die Treffpunkte, an denen sich die beiden Hauptfiguren beraten, laden trotz der drastischen Thematik zum Staunen und Verweilen ein. Anders als „Hostel“ oder „Turistas“ darf man „Sawney“ deswegen durchaus als Urlaubsbroschüre anstatt als Warnung verstehen, zumal die zugrundeliegende Geschichte trotz der Modernisierung wie ein Mythos wirkt, den man heute nicht mehr ernst nehmen muss.
Dazu passt auch die Darstellung der Sippe, die in vielerlei Hinsicht dem Phantastischen zugeneigt ist, ohne es freilich komplett auszuspielen. Das gilt insbesondere für die Kannibalenmutter, die nach dem Prinzip der unsichtbaren Bedrohung einen kompletten Film lang unter Verschluss gehalten wird. Sie macht sich lediglich durch Grunz- und Fresslaute bemerkbar, die auch zu einem Ork aus Tolkiens Fantasiewelten gehören könnten. Geschickter als fast alle jüngeren Big-Budget-Hollywood-Produktionen stellt sich dieser kleine Horrorstreifen an, als es darum geht, die Bestie zu entfesseln – denn selbst aus ihrem Kerker befreit sieht man immer nur gerade genug von ihr, um eine undefinierbare Bedrohung wahrzunehmen, die noch nicht analysiert werden konnte. Einem ähnlichen Konzept folgen die vielen kleinen Gehilfen, die mit Kapuze im Hintergrund agieren. Gegebenenfalls hat man es damit übertrieben, einige von ihnen mit Parcoursläufern zu besetzten, die lieber eine Rolle machen, anstatt wie ein ganz normaler Degenerierter von A nach B zu hüpfen – ein seltsamer Fetisch der späten 00er und frühen 10er Jahre, der sich auch in anderen Filmen beobachten lässt. Dafür haben wir noch David Hayman (Jack Ryan: Shadow Recruit), der in Tradition von Jim Siedow aus „Texas Chainsaw Massacre 2“ als Familienoberhaupt die Fäden zieht und seine Maske des Zivilisierten immer wieder exklusiv für den Zuschauer fallen lässt. Das ist nicht besonders innovativ, aber doch immer wieder aufs Neue wirkungsvoll, zumindest wenn ein fähiger Schauspieler am Zug ist.
Demgegenüber bleibt Samuel Feeney als neugieriger Ermittler relativ blass. Abgesehen von seiner mäßigen schauspielerischen Leistung liegt das auch daran, dass man versucht, ihm ein Trinkerproblem anzudichten, indem man in jede seiner Szenen einen griffbereiten Drink platziert, ohne jedoch die dahinter brodelnden Abgründe effektiv auszuleuchten. Er hat aber ein starkes Pendant an seiner Seite: Gavin Mitchell mausert sich nämlich im Laufe des Films vom unauffälligen Nebencharakter zum schauspielerischen Highlight und droht selbst Hayman fast die Show zu stehlen.
Wer auf Splatter und Gore aus ist, wird ebenfalls gut bedient. Eklig ist nicht nur das permanente Gewühle in Eingeweiden, sondern auch die Angewohnheit des Oberkannibalen, seine noch lebenden Opfer vorab schon mal abzuschmecken. Schön, dass man mit Blick auf die Mythologie auch auf einige Details geachtet hat, etwa die Schüssel, in denen die Wertgegenstände der Getöteten wie bei einer Wertstoffsammlung vom Fleisch getrennt werden – darauf anspielend, dass es ursprünglich die Wertsachen waren, wegen derer die Bean-Familie getötet hat und das Verspeisen des Fleisches später aus der wirtschaftlichen Not geboren hinzukam. Nicht so schön ist der partielle Einsatz von CGI, der zumindest bei einem abgeschlagenen Kopf negativ auffällt. Was leider auch nicht zur Geltung kommt, ist ein richtiges Terror-Gefühl, denn die Perspektive der Opfer wird kaum eingenommen und wenn man es doch versucht, dann werden sie nicht genug charakterisiert, damit man mit ihnen mitfühlt.
„Sawney“ überzeugt also vor allem durch seine für einen Horrorfilm besondere Kulisse in und um Aberdeen, die nicht etwa nur für Überblendungen genutzt wird, sondern auch für Handlungselemente. Einfache Dialogszenen wirken dadurch interessanter, eine Verfolgungsjagd bekommt dadurch sogar etwas Rituell-Erhabenes. Dass Ricky Wood im Vorfeld viel Erfahrung mit dem Editing gemacht hat, sieht man dem fertigen Ergebnis ebenso an. In Bezug auf den Genre-Kern bleibt allerdings vieles in den Standards verhaftet, und obwohl ein gesundes Maß an Härte geboten wird, kommt es durch die mythologische Ästhetik und Figurenzeichnung teilweise wieder zu einer Egalisierung, so dass man nie so ganz weiß, ob man es nun mit einem brutalen Schocker zu tun hat oder nur mit einem grimmigen Märchen. So oder so; den Spaß am Schottland-Urlaub kann „Sawney“ nicht verderben.