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"Schwarzer Markt der Liebe" entstand zwar ein Jahr vor "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" (1967), für den Produzent Erwin C.Dietrich José Bénazéraf als Regisseur verpflichtete, aber dessen frühe erotische Filme („L’enfer dans la peau“ (Sexus, 1965)) standen sowohl stilistisch, wie inhaltlich schon Pate bei Regisseur Ernst Hofbauers einziger Zusammenarbeit mit Dietrich. Ein Einfluss, der auf den Schweizer Produzenten zurückzuführen ist, auch wenn dieser in den Credits nicht als Drehbuchautor aufgeführt wurde, denn Hofbauers zuvor Anfang 1966 herausgebrachter Film "Die Liebesquelle" entfaltete seine frühen erotischen Einblicke noch vor dem Hintergrund einer colorierten Heimatfilm-Komödienhandlung, während die in stylischen Schwarz-Weiß-Bildern gedrehte Crime-Story, deren erotische Ausstrahlung nur wenig Nacktheit benötigt, so wirkt, als hätte sich Dietrich damit für ein zukünftiges Engagement Bénazérafs bewerben wollen.

Typische Bénazéraf-Elemente wie die obligatorischen Ami-Schlitten, coole, nicht über die infantilen Verhaltensmuster hinwegtäuschende Gangster-Posen oder erotisch verpackte Frauenkörper überraschen entsprechend wenig, viel mehr erstaunt es, dass es Hofbauer gemeinsam mit Kameramann Andreas Demmer ("Die Nichten der Frau Oberst" (1968)) vortrefflich gelang, den Stil des französischen Erotikfilm-Pioniers als Bindeglied zwischen dessen frühen französischen Filmen und seinem deutschen St.Pauli-Ausflug stimmig umzusetzen. Begleitet von den Pop-Jazz-Klängen Frank Valdors, die Bénarérafs Vorliebe für jazzige Filmmusik zitierten (und dazu führten, dass Valdor auch "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" vertonen sollte), beginnt der Film im Hafen Genuas mit der Einschiffung junger Frauen, die noch glauben, auf bequeme Weise ein hohes Gehalt verdienen zu können.

Dass sie nicht wieder nach Europa zurückkommen werden, sondern zur Prostitution gezwungen werden sollen, erfährt der Betrachter nur aus den Worten Haralds (Claus Tinney), der mit der Organisation der Mädchen sein Geld verdient. Die Filmstory selbst kümmert sich nicht weiter um deren Schicksal, sondern konzentriert sich auf die Machenschaften der Gangster untereinander, die versuchen die Hoheit über das lukrative Geschäft zu erlangen und sich gegenseitig bekämpfen, womit der Film wieder mitten im Bénazéraf-Universum angekommen war. Dabei gelangen den Kreativen großartige Bilder in Genua - besonders die Aufnahmen auf der Hochstraße erinnern schon früh an spätere Verfolgungsjagden im „Polizieschi“ an gleicher Stelle. Nicht nur der Handlungsort, auch die Eingangsszenen in der abseits gelegenen Albergo zitierten unmittelbar den italienischen Film. Der dicke, grobschlächtige Hausherr mit der hübschen jungen Ehefrau (Karin Field), die sich dem gutaussehenden Harald an den Hals schmeißt und mit ihm abhauen will, variierte Viscontis „Ossessione“(1942) auf eigene Weise – Harald selbst verrät dem gehörnten Ehemann die Absichten seiner Frau, um die als Betthäschen willkommene Blondine wieder bequem loszuwerden.

Willkommen in der Kälte Berlins, wohin Harald zurückkehrt, um mit seinem Compagnon die nächste Ladung Mädchen zu organisieren. Und damit kommt es zum Auftritt von Rolf Eden (natürlich als „Rolf“), der hier erstmals eine tragende Rolle spielte und sich dank seines abgeklärten Spiels als Boss in „St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“ empfahl – cooler konnten auch die Gangster in Bénazérafs französischen Streifen nicht auftreten. Die Verzahnung mit Bénazérafs Stil wird an der gesamten Anlage des Films deutlich, dessen Handlung nur wenige Orientierungspunkte benötigte, da er von den Blicken und Gesten seiner Protagonisten lebt – und dem Handlungsort Berlin (West), der selten in tristere 60er Jahre-Grautöne getaucht wurde.

In der tragischen Geschichte um die unschuldige – und damit besonders begehrte – Karin drangen noch die moralischen Fingerzeige deutscher Provenienz durch, deren Schicksal als Warnung vor den Verführungen der Moderne verstanden werden sollte, dass durch die Rolle Tilly Lauensteins als Gräfin mit lesbischen Neigungen noch eine homophobe Note erhielt, deren pädagogische Wirkung dank der unaufgeregten, auf emotionale Zuspitzungen verzichtenden Umsetzung aber zurückhaltend blieb. Bénazéraf sollte die abschließende Drogen-Sequenz der Anwerbe-Party in seinem Beitrag zum deutschen Genre-Kino „St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“ erneut variieren, befreit von moralischen Attitüden – ein signifikantes Beispiel für die gegenseitige Beeinflussung in der fiktiven Zusammenarbeit Hofbauer-Bénazéraf, deren außergewöhnliches Ergebnis dem Produzenten-Scharnier Erwin C. Dietrich zu verdanken ist. (8/10)

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