„Nächste Woche rollen hier die Bagger!“
Der Fall Nr. 36 für den Hamburger „Tatort“-Kommissar Paul Stoever (Manfred Krug), der zusammen mit seinem Kollegen Peter Brockmöller (Charles Brauer) ermittelt, ist die siebte und damit vorletzte Inszenierung des Regisseurs Ulrich Stark („Bei mir liegen Sie richtig“) für die öffentlich-rechtliche Krimireihe, der ein Drehbuch Raimund Webers verfilmte. Die Erstausstrahlung erfolgte am 30. Mai 1999.
„Auf unser Traumhaus!“
Das Ehepaar Friedel und Hanna Hebbel (Ulrich Mühe und Susanne Lothar, beide „Funny Games“) erwirbt vom windigen Makler Gunnar Engelhardt (Krystian Martinek, „Schlafende Hunde“) ein Einfamilienhaus, das jedoch erst noch gebaut werden muss. Just darauf erhält Friedel aus heiterem Himmel die Kündigung seines Arbeitgebers und sieht sich somit existenziellen Geldsorgen ausgesetzt. Seiner Frau verheimlicht er seine Arbeitslosigkeit und sucht schnell nach neuen Möglichkeiten, den Lebensunterhalt sowie den Grundstücks- und Hauskredit zu finanzieren. Drei Wochen später wird der Journalist Hans Joachim Hoffmann tot aufgefunden. Warum musste er sterben? Wusste er eventuell zu viel über die Umtriebe des Bürgermeisters Ralf Fromm (Peter Sattmann, „Bandits“), der an der Umwandlung von Brach- in Bauland mitverdiente? Oder hat Makler Engelhardt damit zu tun, der ebenfalls alles andere als sauber ist? Stoever und Brockmöller ermitteln und treffen dabei auch auf das Ehepaar Hebbel…
„Ihr Aal schmeckt ein bisschen breiig.“
Friedel Hebbel fällt alles aus dem Gesicht, als er von seiner Kündigung erfährt. Nun hat er nicht nur den Hausbau an der Backe, seine Frau ist auch noch schwanger. Mit der Gefahr einer plötzlichen Arbeitslosigkeit und den damit verbundenen Existenzängsten greift dieser „Tatort“ die Stimmung in der Republik während der durch den Neoliberalismus vorangetriebenen Massenarbeitslosigkeit der 1990er-Jahre auf und teilt zugleich gegen unseriöse, betrügerische Makler sowie Klüngelei und Korruption in der Politik aus. Sogar die Bank hängt mit drin. Nach dem Leichenfund werden Stoever und Brockmöller zunächst bei den Hebbels vorstellig, weil Hoffmann sein letztes berufliches Gespräch mit Friedel geführt hatte. Ein interessantes Detail: Hoffmann ist mit seiner eigenen Waffe ermordet worden.
Friedel Hebbels persönliches Drama steht im Mittelpunkt dieses „Tatorts“, Ulrich Mühe bringt dessen Verzweiflung hervorragend zum Ausdruck. Wenig überraschend hat Friedel mit den Todesfällen – es folgt nämlich ein weiterer – zu tun, was eine Folge seines Jobverlusts ist (von dem seine Frau erst durch Zufall erfahren wird). Um schnell wieder in Lohn und Brot zu kommen, nimmt er nämlich, ohne hier zu viel verraten zu wollen, einen ebenfalls nicht ganz legalen Job an, indem er mit nichtzugelassenen Viehzucht-Antibiotika handelt – womit auch die industrielle Massentierhaltung ein Stück weit ihr Fett wegbekommt.
Thematisch bohrt „Traumhaus“ also dicke Bretter und zeigt im Stile eines sozialdramatischen Krimis das Abrutschen eines arglosen Kleinbürgers in Verzweiflung, aus der Kriminalität erwächst. Schade, dass entweder Buch oder Regie dabei mitunter arg schludrig vorgehen (Obacht, von nun an sind Spoiler unvermeidbar):
Innerhalb von nur drei Wochen fängt Friedel Hebbel seinen neuen Job an, kommt ihm Hoffmann investigativ auf die Schliche und hat dieser schon einen Enthüllungsartikel über ihn vorbereitet? Das muss man glauben wollen… Am Ende scheint es, als wolle Friedel eine gemeinhin euphemistisch als „erweiterter Suizid“ bezeichnete Untat begehen, als er seinen beiden Kindern ein Schlafmittel einflößt und zur Schusswaffe greift. Die Polizei greift rechtzeitig ein und entwaffnet Friedel, die Kinder jedoch sind einfach nicht wachzukriegen. Dennoch glauben Stoever und Brockmöller Friedel ohne Weiteres, als dieser angibt, ihnen lediglich ein „leichtes Schlafmittel“ verabreicht zu haben, und halten es nicht einmal für nötig, einen Arzt zu rufen. Als sie Friedel in den Polizeiwagen setzen, steht dessen Frau tatsächlich mit beiden Kindern, offenbar innerhalb weniger Minuten wieder putzfidel geworden, am Fenster, ihm zuwinkend…
Schade ist es auch, dass Hoffmanns Tod, über den so viel geredet wurde, nach der Aufklärung nicht zumindest in einer Rückblende visualisiert wird. Die komödiantisch angehauchte Nebenhandlung, in der Brockmöller Stoever sein Angelhobby näherzubringen versucht, ist ebenso Geschmackssache wie die Gesangseinlage beider im Epilog. Aus dem inhaltlichen Stoff hätte man mehr können machen, insbesondere eine sorgfältigere Umsetzung wäre wünschenswert gewesen. Dennoch alles in allem und mit einem zugedrückten Auge eine ansprechende Episode.