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GRAVITY hat Filmgeschichte geschrieben! Schwerkraft? – nein, danke!

Die Begeisterung ist sehr groß und lässt sich kaum in Worte fassen und man muss aufpassen, nicht in jedem Satz das Wort "perfekt" zu gebrauchen. Bei GRAVITY stimmt (fast) alles. Ein packende Geschichte mit Hochspannung, Sandra Bullock vielleicht in der bisherigen Rolle ihres Lebens und eine visuelle Umsetzung, wie man sie noch nicht erlebt hat. Es gibt Kamerafahrten die nicht enden wollen, perfekte Schnitte sowie eine ebensolche Vertonung und Musik, die alle menschlichen Sinne auf einmal auf den Punkt komponiert ansprechen. Nebenbei wird uns das ultimative Schwarz der Filmgeschichte präsentiert und GRAVITY nutzt die 3D Umsetzung optimal und gilt für mich nun als neue 3D Referenz.

Sind dies schon genug Superlative? Es werden noch weitere folgen. Zur Story nur einen Satz um nichts zu verraten: Ryan Stone (Sandra Bullock) und Matt Kowalski (George Clooney sind nach einem Unfall an einer Raumstation in der Weite des Raums auf sich allein gestellt…Zunächst mal wurde wie nie zuvor Schwerelosigkeit so einzigartig und realistisch seh- und erlebbar gemacht. Wenn ein Astronaut in der Weite des Raumes langsam entschwindet und zu einem Pünktchen wird, ist dies in GRAVITY sensationell umgesetzt. Die präsentierten räumlichen Effekte sind es ebenfalls und nie zuvor hat 3D so viel Sinn gemacht wie hier. Deswegen ist meine Empfehlung GRAVITY nur im Kino und nur in 3D (falls möglich) zu sehen. Kein noch so gutes Heimkino wird dies wohl so gut wieder geben können.

Neben den optischen Leckerbissen wird auf einen starken Kontrast zwischen dem infernalischen Lärm in gewissen Szenen und der physikalisch bedingten totalen Stille des Raumes gesetzt. Die endlosen - teils virtuellen - Kamerafahrten prägen das Bild des Films und neben den grandiosen Totalen des Raumes gibt es unglaubliche Wege des Objektivs, wenn zum Beispiel die Kamera von außen in den Helm von Sandra Bullock einfliegt und von dort aus ihre Perspektive übernimmt und wieder zurück. Eine zentrale Actionszene ist so gut gelungen, dass man viele Sekunden durchgehend Gänsehaut hat und man sich fast duckt, wenn einem die Trümmerteile gekonnt um die Ohren fliegen. Selbst gegen Ende hin präsentiert uns GRAVITY unerwartete Actionspitzen in einer Schlusssequenz, die für Diskussionen sorgen wird.

Die nur rund 90 Minuten laufen quasi in Echtzeit ab und der Verzicht auf Überlänge war meines Erachtens eine gute Entscheidung. Bisher haben wir viel über Technik und die Umsetzung gesprochen. Was ist mit den Schauspielern, die doch oft das Entscheidende an einem Film sind? Über allem steht Sandra Bullock. Sie versteht es durch ihre Mimik und meist nur durch die Augen Emotionen wie Verzweiflung, Einsamkeit und Angst deutlich greifbar zu machen. Sie schafft es so etwas wie Klaustrophobie im eigenen Raumanzug darzustellen und agiert preisverdächtig. Auch ihre im späteren Verlauf gezeigte physische Performance ist unerwartet hoch. Wenn ihre Tränen zu gläsernen Tropfen in der Schwerelosigkeit werden und sie sich selbst darin widerspiegelt, ist dies als Metapher für Selbstreflexion kaum zu überbieten.

George Clooney wird nicht ausgiebig gefordert und lässt eher den coolen Astronauten und Charmeur raushängen und hat realistischerweise sogar auch wenige Minuten vor einer sehr ernsten Situation noch Nerven für Späße und Flirts. Fast hat es den Eindruck, er spielt nur sich selbst und ist sich zu fein wirklich völlig in eine andere, fremde Rolle zu schlüpfen. Davon abgesehen ist GRAVITY also doch der perfekte Film? Aus meiner Sicht in engerer Sinne nicht und natürlich kann man einiges zumindest diskutieren und sollte es auch vor lauter Lobeshymnen nicht vergessen. Natürlich hat der Film eine sehr überschaubare Handlung und auch in Punkto Charaktertiefe seiner Protagonisten werden keine Rekorde gebrochen. Ein gewisser Teil der Action hat wiederholende Elemente und dies untersteht alleine dem Diktat des nächsten visuell-dramaturgischen Höhepunktes.

GRAVITY ist gewollt Hollywood und Mainstream in jeder Pore, aber all diese genannten Punkte sorgen nicht für wirklich abwertende Tendenzen. Nur eine Kritik lasse ich gelten, die ich gerade im kolportierten Science-Fiction Kontext als wichtig erachte. GRAVITY fehlt die philosophisch-weltanschauliche und existenzielle Relevanz. Nur deswegen gibt es nicht 10/10 Punkten. Die Tiefgründigkeit und das Surreale eines 2001 - ODYSSEE IM WELTRAUM wird in GRAVITY durch den gestylten und letztlich sowohl banalen wie ultimativen Kampf um das nackte Überleben ersetzt. Und dies eben in der angesprochenen Perfektion. Es gibt verschiedene Mythen um GRAVITY, die mir aufgefallen sind, von denen ich nur 3 aus meiner subjektiven Sicht kurz ansprechen will:

Mythos Nr. 1: Es handelt sich um einen Science-Fiction Film. Nein. GRAVITY ist kein reinrassiger Science-Fiction, eher ein Action Drama, welches eben im Weltraum spielt. Es könnte im Prinzip aber auch an anderen Orten stattfinden. Aber das sind nur definitorische Spitzfindigkeiten die nicht von der audio-visuell geprägten suggestiven Kraft des Films ablenken sollen.

Mythos Nr. 2: GRAVITY ist ein Kammerspiel.
Nein. Er ist kein Kammerspiel im engeren Sinne. Nie war der physische Raum weitläufiger und die Bühne für Schauspieler überwältigender und größer als hier und es gibt im Laufe der Handlung mehrere physische Orte als abwechslungsreiche Zentren des Geschehens.

Mythos Nr. 3: GRAVITY wird mit 2001 – ODYSSEE IM WELTRAUM als wahrhaftiger Klassiker auf Augenhöhe stehen.
Nicht im Geringsten. Regisseur Stanley Kubrick hat in 2001 existenzielle und universelle philosophische Themenstellungen auf surreal-abstrake, aber ebenso sinnliche Weise dargestellt. In GRAVITY bezieht sich Alfonso Cuarón deutlich direkter auf menschliche Grundempfindungen wie Einsamkeit, Verzweiflung und Angst. Wenn sich Sandra Bullock in einer Embryostellung zusammen kauert ist dies optisch sehr gelungen, es gibt aber keine inhaltliche Metaebene, die dies in der Lage ist zu reflektieren. Das sehr metaphernreiche, leider hier nicht nennbare Ende macht davon jedoch auch einen gewissen Teil wett.

Regisseur Alfonso Cuarón ist der mexikanische Filmemacher, den wir spätestens noch vom 2006er CHILDREN OF MEN sehr positiv in Erinnerung haben. Er hat sich in mehr als vierjähriger Arbeit an das Projekt GRAVITY gemacht und sein Ziel war Perfektion in jeder Hinsicht. Erst jetzt war die Technik reif es in der von ihm geforderten Form umzusetzen. Es ist ihm geglückt und es wird näher an einen Platz im ewigen Regieolymp bringen. Im Abspann sieht man dann, dass 15 Stuntman für 2 Darsteller benötigt wurden. Dies ist sicherlich auch rekordverdächtig. Als Gag und als Bezug zu APOLLO 13 leiht Schauspieler Ed Harris seine Stimme der Ground Mission Control. In den Schlusstafeln danken die Produzenten von GRAVITY unter anderem den Regisseuren David Fincher und Guillermo Del Toro. An anderer Stelle darf nun diskutiert werden warum…

9,5/10 Punkten

P.S. Werde ich jetzt automatisch Sandra Bullock Fan?

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