Review

Beim Verlassen des Kinos traf ich Bekannte, die die nächste Vorstellung anstrebten. Ungebeten drängte ich ihnen meine erste Reaktion auf: „Sowas hab' ich noch nie gesehen!“ Irgendwie dachte ich an die optisch-technische Brillanz (auch noch 3D), den Minimalismus und die Konsequenz dieser „Kampf um's Überleben“-Story.

Doch im zweiten Gedanken kamen gleich die „Ja, aber's“. Ja, aber sind die Bilder nicht ähnlich wie in „2001 – Odyssee im Weltraum“, wenn ausserhalb des Schiffes das Bauteil ausgewechselt wird? Ja, aber stammen aus „2001“ nicht auch die Wiedergeburtsmotive? Ja, aber die Geschichte ist doch wieder eine weitere dieser detailgenauen Beobachtungen, wie sich die Hauptfigur durch eine feindliche Umgebung zum Überleben kämpft? Hmm, ja, all diese Bedenken sind schon richtig.

Dennoch..., GRAVITY treibt beides auf die Spitze. Dieser Kampf ist bald schon der einzige Inhalt. Und der ganze Film spielt „im Raumflug“. In meiner Erinnerung sah ich es noch nie so konzentriert. Lebensfeindlicher kann eine Umgebung doch nicht sein! Mit dem Weltraum als Szenario ist das Ende des Darstellbaren erreicht. Obwohl alles streng und äusserst realistisch und logisch wirkt – allein das ist ja schon unerhört – wartet GRAVITY mit unglaublichen Visionen auf. Hier meine persönliche Liste solcher atemberauber Zutaten! SPOILERALARM!!!

1. Ein Schauer unaufhaltsamer Flugobjekte, die im 90-Minuten-Rhythmus alles zertrümmern, was ihnen in den Weg gerät. Das aber in völliger Stille... Der Hagel tritt im gleichmässigen Takt auf, ohne Gefühl, ohne Abwendbarkeit, ohne Bosheit oder Vorsatz, so zyklisch und effektiv wie die Jahreszeiten, und damit Bild für die unabwendbaren Härten des Lebens, wie Sterben, Winter, Ebbe, Nacht, Stoffwechsel. Und dieses Bild in großartigen Bildern!

2. Die andere eiskalte Logik, die, der die AstronautInnen folgen, die sie fast selbst zu einem Teil der Technik macht, die Logik, die dann mit dem Überlebenstrieb und dem Ausfall der Systeme kollidiert. Im Bild wird das eingefangen, wenn die Tränen zwar rinnen, aber dem Gesetz der Schwerelosigkeit folgen müssen und als Wasserkugeln durch das Raumschiff treiben (übrigens faktisch bedenklich, da Tränen in der Regel durch Oberflächenspannung an der Haut haften bleiben. Ausser man beugt den Kopf vor... Aber das Bild ist gar zu schön, da hat Cuaron recht.). Dieser Logik folgend opfert sich Matt ohne grosses Aufhebens und gibt im Sterben noch klare, technische Überlebenshinweise.

3. Die Feuersbrunst im zweiten Raumschiff, grundlos, tonlos, still trotz aller Gnadenlosigkeit und Effektivität in der Zerstörung.

4. Der Feuerlöscher als winziger, kaum zuverlässiger, kaum Energie bietender Strohhalm in endlosen All.

5. Das Bild von Ryan als Embryo.

6. Ryan kann schließlich erst überleben, nachdem sie das Leben aufgegeben hat: im selbstgewählten Sterben findet sie das neue Leben, im Traum, in Vision. Die richtigen Knöpfe (chinesisch beschriftet) findet sie nur im Vertrauen auf ihre Intuition, im Überwinden der Logik.

7. Dann folgt die zweite Wiedergeburt. Sie kriecht als quasi nackte Amphibie durch Algen und Urschlamm ans sandige Ufer eines unberührt scheinenden Planeten. Zuvor musste sie sich von dem zivilisatorischen Kleid ihres Raumanzugs trennen, das sie unter Wasser zu halten drohte, in den Tod zu ziehen drohte.

Ein bewegender Moment, auch wenn mich gleich darauf die Musik wieder unerträglich nervte (für diese Zumutung vergab ich übrigens meine Minuspunkte. Dann kam leider der Abspann und so die Gelegenheit zu noch mehr ätzender, noch lauterer Krachmusik. Vielleicht ist sie ja gut/geschickt oder so komponiert, mir erschien sie aber als konventionell gemachte, überlaute, verheerende Plage, als Störung, als Missklang in einem ansonsten makellosen Konzept.)

Aber zuletzt noch „Hut ab!“ vor Sandra Bullock, die mich oft mit platten, öden, unattraktiven, tumben Komödien, Feelgood-Movies oder Selbstjustiz-Verherrlichungen genervt hat (naja, ok, ausser SPEED und CRASH). Endlich einmal bleibt sie in den strengen Rahmen eines einzigartigen Kunstwerks gebannt, das größer ist als die beteiligten Figuren. Sie hat keine Chance, den Film zu erschlagen. Stattdessen trägt sie zum Gelingen bei. Große Teile muss sie nur mit ihren Augen oder ihrem Gesicht bestreiten, viel sogar im Off, fast alles ohne Partner, doch sie trägt eine Intensität bei, die mich überwältigt hat. Und so steht letztlich für mich, wie eingangs gesagt, GRAVITY einzig da.

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