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"Noch ein Tag bis zur Revolution."

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frankreich: Jean Valjean (Hugh Jackman) wird nach 19 Jahren Haft und Zwangsarbeit entlassen, nachdem er einst ein Stück Brot gestohlen hatte. Inspektor Javert (Russell Crowe) ist allerdings überzeugt, dass sich der Sträfling nicht bessern wird und will ihn beim ersten Verstoß gegen die strengen Bewährungsauflagen wieder einsperren.
Jahre später lebt Valjean als Fabrikbesitzer unter dem Namen Madeleine. Fantine (Anne Hathaway), eine seiner Arbeiterinnen, wird von ihm unwissend entlassen und verliert sich in einer Spirale aus Not und Elend. Als sie im Sterben liegt verspricht ihr Valjean, nach ihrer Tochter Cosette (Isabelle Allen) zu suchen. Dabei sitzt ihm Javert noch immer im Nacken und die Notlage in den Armenvierteln droht zu eskalieren.

Victor Hugo's monumentaler Roman "Les Misérables", oder hierzulande "Die Elenden", gilt als eines der berühmtesten Bücher in französischer Sprache. Längst erhielt das Epos filmische Varianten und ein abgespecktes Musical. Auf Basis des Musical's präsentiert Regisseur Tom Hooper ("The King's Speech") ein bildgewaltiges Werk mit einem enorm bekannten Ensemble, das inhaltlich und dramaturgisch enorme Mängel vorweist.

"Les Misérables" ist eine zwiespältige Angelegenheit. Der Film beginnt furios, reißt das Publikum sofort ins Geschehen und verwöhnt mit den großartigen Musikstücken aus dem Musical. Dieser anfängliche Wucht weicht aber recht schnell einer äußerst gehetzten Erzählweise, die nicht sonderlich charakterfördernd ist. Erst gegen Ende erreicht die Musical-Verfilmung nochmals seine anfänglichen Stärken zurück.
Der auffällige Leerlauf ensteht durch stilistische Irritierungen sowie der nicht immer ganz sauberen Trennung zwischen Personen, Orten, Tagen und Jahren. Mit dem Verlust der Übersicht verliert sich auch die Bindung zu den Figuren. Das ist insofern schade, da sie ein enormes Potential an Verständlichkeit und Tragik beinhalten, dieses aber nur selten ausgespielt wird.

Der Roman umfasst mehr als 1500 Seiten und ist unter anderem soziale und historische Chronik, minutiöse Milieustudie, philosophische Abhandlung, epische Charakterstudie und leidenschaftliche Liebesgeschichte. Im Musical wie auch in dessen Verfilmung ist der Inhalt extrem verdichtet. Dadurch fehlt es dem ununterbrochenen Fluss der Ereignisse an klaren Konturen. Mehr als einmal bleiben Zusammenhänge und Motivationen unterbelichtet. Hinweise und Erklärungen werden, wenn es sie denn gibt, oft in wenigen Takten Musik versteckt, sodass "Les Misérables" rein erzählerisch für mit der Geschichte nicht vertraute Zuschauer extrem schwer fassbar bleibt.
Das politische Szenario in Frankreich erscheint ein wenig beliebig. Die politischen Konflikte und Dimensionen wurden eingestampft und werden somit oftmals kaum klar zum Ausdruck gebracht. Menschen hungern und verarmen, und auf den Straßen steht alles kurz vor der Explosion, die unweigerlich kommen wird und kommen muss. Viel mehr nimmt man vom historisch-politischen Rahmen der Geschichte nicht mit.

Mit seinen 49 Gesangsnummern füllt "Les Misérables" ein überaus großes Spektrum an Musik aus. Überwiegend melancholisch-tragisch aber auch eingängig bombastisch erklingen die Gesänge, die allesamt Live aufgenommen wurden. Auf eine Nacharbeit im Tonstudio wurde verzichtet, was einen sehr authentischen Eindruck hinterlässt.
Etwas störend fallen die seltenen gesprochenen Texte auf, die in einer deutschen Synchronisation wie ein Fremdkörper zu den englischen Gesängen wirken. Hier macht es Sinn, eine vollständig in englisch gehaltene Fassung zu sehen.

In seinen Schauwerten ist "Les Misérables" über alle Zweifel erhaben. Die Kostüme sind prachtvoll, die Kulissen glaubwürdig und die wenigen digitalen Effekte detailreich. In Kombination mit seinen eingängigen Melodien macht sich eine epische Atmosphäre breit.
Die Kamera fängt diese Bilder allerdings nicht immer optimal ein. Überwiegend hängen die Bilder aufdringlich nahe an den Protagonisten oder bieten ungewöhnlich sperrige Perspektiven.

Hugh Jackman ("Real Steel", "Prestige - Die Meister der Magie") agiert in seiner dankbaren Hauptrolle überaus kraftvoll und bietet eindrucksvollen Gesang. Ähnlich geben sich auch Anne Hathaway ("The Dark Knight Rises"), Amanda Seyfried ("In Time - Deine Zeit läuft ab") sowie Isabelle Allen.
Völligst überflüssig sind Helena Bonham Carter ("Dark Shadows", "Harry Potter"-Reihe) und Sacha Baron Cohen ("Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street") in überaus unpassenden Rollen. Auch die Beteiligung von Russell Crowe ("Man of Steel", "Robin Hood") ist durch seine mäßigen gesanglichen Referenzen eher fragwürdig.

"Les Misérables" ist eine gesanglich und darstellerisch recht beachtliche Verfilmung des Bühnenerfolgs. Der große produktionstechnische Aufwand kann dabei indes nicht über erzählerische und inszenatorische Schwächen hinwegtäuschen. In den etwas über zweieinhalb Stunden wird die recht komplexe Geschichte, die über zahlreiche Jahre und Charaktere verläuft, hektisch und unübersichtlich wiedergegeben. Besonders Interessenten ohne Kentnisse des Romans werden Schwierigkeiten haben, der überladenen Inszenierung zu folgen.

4 / 10

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