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Maya (Jessica Chastain) arbeitet für die CIA in der Terrorbekämpfung. Schon früh, zwei Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York, bekommt sie in Pakistan und Afghanistan mit, wie fieberhaft nach den Hintermännern des Anschlags gesucht wird. Besonders Personen mit Verbindungen, vermeintlich oder real, zu Osama Bin Laden, werden in so genannten „erweiterten“ Verhören (=Folter) zu Geständnissen erpresst. Maya ist angewidert von diesen Methoden, akzeptiert sie im Lauf der Zeit jedoch als notwendiges Übel, zumal die einzige Freundin, die sie überhaupt zu haben scheint, ihre Kollegin Jessica (Jennifer Ehle), bei einem Terroranschlag stirbt, und dies Mayas geradezu pathologische Verbissenheit bei ihrer Jagd auf Osama forciert. Nach vielen Rückschlägen und kleinen Fortschritten kommen 2009 die ersten konkreten Hinweise auf einen Kurier in Rawalpindi, der offenbar zu einer Person intensiv Kontakt hält, die nicht entdeckt werden möchte…

Wie „Zero Dark Thirty“ ausgeht, weiß man ja: im Mai 2011 wird ein Haus im pakistanischen Rawalpindi gestürmt, in dem sich, wie sich später rausstellte, der meistgesuchte Terrorist der Welt, Osama Bin Laden, versteckt hielt – in Mitten eines beschaulichen Wohngebiets mit pensionierten Offizieren der pakistanischen Armee. Als Maya bei einem Meeting mit dem CIA-Chef (grandios verkörpert von James Gandolfini) angeben soll, mit wie viel Prozent Wahrscheinlichkeit es sich bei der sich dort versteckenden Person um Osama Bin Laden handelt und z. B. nicht um einen Drogenbaron, ist sie am Tisch die Einzige, die sagt:“ Zu 100%.“ Um sich dann auf 95% zu korrigieren, denn sie will nicht maßlos erscheinen. Alle anderen Offiziellen sagen 60%. Und in diesem Moment weiß man nicht, ob Maya größenwahnsinnig oder blind ist oder einfach nur intuitiv richtig liegt. Ihre Verbissenheit ist es, die die Suche nach Bin Laden zum Ende bringt – einem Ende, an dem am Schluss nur eine große Leere und eine erstmals weinende Maya steht, die nun, nach Abfall aller Anspannung, zwar ihr Ziel erreicht hat, aber zu dem Preis, dass sie nicht weiß, wo sie überhaupt noch hingehört. Alles in ihrem Leben hat sie dieser Jagd untergeordnet. Und für mich war Maya der Ankerpunkt dieses Films, und Jessica Chastain spielt geradezu so verstörend gut, dass eigentlich der Oscar kommen müsste.
Kathryn Bigelows Film ist so komplex und schillernd, so doppeldeutig und dokumentarisch wie irgend möglich – Folter wird zwar gezeigt, verübt von Normalos und die Gefolterten sind Opfer, von deren völliger Unschuld wir dennoch nicht ganz überzeugt sind, aber die Sinnhaftigkeit (oder vielmehr Sinnlosigkeit) der Folter (Waterboarding) zeigt sich ganz nebenbei, als Maya und ihr Kollege am meisten von dem zuvor Gefolterten erfahren, als sie wie zivilisierte Menschen mit ihm bei Hummus und Taboulee-Salat sprechen. Außerdem wird diese Schnitzeljagd erst wirklich erfolgreich, als eben die alten Spuren aus der Folterzeit sich als wertlos erweisen und man sieht, wie schlampig die US-Behörden gearbeitet haben und zwei Brüder verwechselt haben. Erst dann (und als unter dem neuen Präsidenten Obama die Folter eingestellt wurde) entsteht der Druck, neue, kreativere Methoden einzusetzen (u. a. der Kauf eines Lamborghinis für einen unwilligen, aber wichtigen Mittelsmann).
Und der Film ist nicht anti-amerikanisch, aber gewiss nicht hurrapatriotisch, denn zu viele Verwerfungen, Fehlentwicklungen und Rückschläge werden gezeigt – sicherlich, am Ende liegt Maya goldrichtig, aber zu welchem persönlichen Preis? Und die Marines, die den Einsatz machen, gefallen sich nicht in peinlichen Siegerposen, sondern können nicht fassen, wen sie da gerade erschossen haben.
Anders als „Hurt Locker“ macht es Kathryn Bigelow hier dem Zuschauer, was Identifikationspersonen angeht, nicht leicht, denn Maya bleibt immer sperrig – und dennoch fiebert man mit, man spürt ihre Verbohrtheit, das Mühsame, das Kleinliche der Jagd.
„Zero Dark Thirty“ ist ein ganz schöner Brocken von Film – spannend, beunruhigend, dramatisch, mühselig – aber immer sehenswert. Obwohl man das Ende kennt…

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