Eigentlich müsste man einfach nur sagen "Sie dir den Film an. Lass Dich drauf ein". Weil Worte niemals die so gelungene Grundstimmung von ZERO DARK THIRTY wiedergeben können. Genauso wenig wie die starken schauspielerischen Leistungen diverser Protagonisten. Schon in den ersten 5 Minuten fängt der Film Dich ein oder er stößt Dich ab. Allein der lange währende schwarze Bildschirm und die authentischen Hilferufe rund um den 11. September, und die Entscheidung der Regie eben nicht mit den so bekannten Bildern von diesem Tag zu starten, ist gelinde gesagt extrem gelungen.
ZERO DARK THIRTY hat sogar eine realpolitische Dimension. US Politiker versuchten den Film vorab zu blockieren da er gegebenenfalls Militärgeheimnisse preisgibt und es gab auch Diskussion, ob und warum er gerade zur Wiederwahl von Obama erscheint. Die Ereignisse und der Ausgang in Bezug auf eine prominente Tötung sind bekannt und so erspare ich mir jegliche Inhaltsangaben. Entscheidend ist, dass ZERO DARK THIRTY nicht wie andere Filme in dem damit zwangsläufig einhergehenden Patriotismus ersäuft.
Ich kann mir kaum einen Film vorstellen, der so nah an den realen Ereignissen ist und trotzdem so wenig vor Pathos trieft. Selbst der ausgiebig gewürdigte finale Einsatz der Navy Seals läuft relativ sachlich ab und ohne heldenhafte Überspitzung und einer Zurschaustellung von falschen Trophäen. Aber trotzdem vergisst man vor Spannung fast zu atmen. Als Gegenbeispiel bietet sich der sehr ähnlich gelagerte und vorher erschienene CODE NAME: GERONIMO an. Dieser wirkt gegen ZERO DARK THIRTY und seine oben genannten Stärken wie ein primär effektgetriebener Actionfilm mit US-Soldatenpathos in Videospielästhetik.
Selten war eine deutliche Überlänge mit über 2,5 Stunden so packend gestaltet. Dazu beigetragen hat auf jeden Fall der zurückhaltende Soundtrack, der eben gerade nicht emotional überladen war wie es das Thema und die Action vorgegeben haben. Es gibt eine handvoll Gewaltspitzen die so unvorbereitet erfolgen und einem Schlag in die Magengrube des Zuschauers entsprechen. Unterhaltsamkeit und Lockerheit ist nicht das Ziel von ZERO DARK THIRTY, ich erinnere mich nur an eine Bemerkungen bei einer Personenbeschreibung eines Terroristen, die mit "Aha, also so ähnlich wie Gandalf..." kommentiert wurde.
Eigentlich haben es Filme deren Ende man kennt in Bezug auf Spannung sehr schwer. ZERO DARK THIRTY nicht, er bezieht seine Spannung aus dem WIE alles sich ergibt und WIE die Protagonisten mit ihren Entscheidungen und ihrem Gewissen kämpfen. Nüchtern und akribisch der Chronologie verhaftet, versteht es Regisseurin Kathryn Bigelow einfach die Fakten zu erzählen für die sie und die Drehbuchautoren bei dem Pentagon und der CIA recherchiert haben. Natürlich sind es vornehmlich die Fakten aus US Sicht in einem US-geprägten Film und ich hüte mich davor zu behaupten, ZERO DARK THIRTY wäre eine ausgewogene und auch die Belange der Terroristen würdigende Darstellung.
Und selbstverständlich ist das ganze Thema der Methoden der Inhaftierung von Terrorismusverdächtigen kontrovers. Aber es ist und war Realität und somit muss es im Kontext der Fakten dargestellt werden. ZERO DARK THIRTY ist eine Mischung aus Fakten und Fiktion wie es eben für einen Film aufbereitet werden muss. Dennoch ist er alles andere als ein Erfolg geworden und die Kinokassen haben nicht geklingelt. Und das obwohl schauspielerisch Jessica Chastain als Hauptfigur und Agentin Maya sehr überzeugen kann.
Sie verfügt über die Gabe starke Emotionen zu vermitteln ohne in Schreierei oder den beliebten Tränendrüsen-Modus zu verfallen. Mir ist sie auch zuletzt in MAMA und LAWLESS positiv aufgefallen. Die Entscheidung des Films, die Ermittlungen und die Erfolge so sehr auf einen Menschen, Agentin Maya, zu fokussieren ist einer der wenigen Kritikpunkte die ich machen würde. Es ist zwar eine dramaturgische gelungene Entscheidung, aber in der Realität weiss man, das dies nur durch eine enge Teamarbeit möglich ist.
Generell geht ZERO DARK THIRTY wahrscheinlich bewusst den Weg, eher Gesichter nicht aus der allerersten Reihe von Hollywood für den Film rekrutiert zu haben. Sie wirken relativ unverbraucht und nicht in anderen Rollen und deren Habitus verhaftet. Nicht auszudenken wenn Tom Cruise sich in bewährter Manier sich mit einer hübschen Agentin (ich nenne jetzt bewusst keine Namen…) durch den Film geschlagen hätte. Erwähnenswert ist auch Scott Adkins als John, der eher Actionfans aus einer Reihe von schlagkräftigen Filmen wie EXPENDABLES 2, UNIVERSAL SOLDIER oder PIT FIGHTER bekannt ist.
Die Ausnahme bietet hier eher der erfahrene Kyle Chandler, den man ja noch gut aus BROKEN CITY, ARGO und SUPER 8 in Erinnerung hat. Kathryn Bigelow, die mir erstmals mit dem Überraschungs-Genreerfolg NEAR DARK aufgefallen ist, hat sich aus meiner Sicht darüber nur selten für nachhaltig Höheres qualifiziert und daran kann auch der Oscar für TÖDLICHES KOMMANDO oder STRANGE DAYS nichts ändern. Mit ZERO DARK THIRTY ist sie aber voll da, und stellt diese Anmerkung als auch alles davor gewesene ihres Schaffens in den Schatten.
Zuguterletzt wählt sie auch die sehr angenehme Variante, eben nicht mal so nebenbei eine überflüssige Lovestory oder ähnliches emotionales Beiwerk mit einzubauen. Wahrscheinlich stößt der Film deswegen so viele ab. Er bricht dadurch eben mit gewohnten Sehgewohnheit in denen solche Nebenschauplätze für mentale Entlastung des Zuschauers sorgen. ZERO DARK THIRTY entlastet aber nicht, sondern hinterlässt uns weder mit Genugtuung oder Stolz, sondern einer beklemmenden Leere aufgrund der Komplexität und der Unausweichlichkeit des Gezeigten….
8/10 Punkten