Es war einmal ein Yakuza...
Wer kennt sie nicht, all diese edlen Gangsterbiografien. Wo Tellerwäscher und Slumkinder die Karriereleiter in der Mafia aufsteigen und danach schließlich fallen. Hollywood hat das ja in etlichen Variationen durchgenudelt. Was für mich dabei auf der Strecke blieb, war die Intensität, Hinterfragung des meist brutalen Tuns, ein Sinn hinter den ach so stilvollen Bildern.
Umso mehr begeistert mich Miikes Remake "Graveyard of Honor" eines alten Yakuzaklassikers. Wie die Yakuza als Mafia, so ist der Film inhaltlich weitaus konsequenter und intensiver als die westlichen Pendants. Es geht um Ishimatsu, der seelenruhig als Tellerwäscher einen Killer niederschlägt, und so den Boss einer einflussreichen Yakuzafamilie vor dem Tod bewahrt. Prompt steigt er blitzartig auf zur rechten Hand des Chefs, bekommt ein eigenes Revier zugeteilt und hat viele Handlanger unter sich. Doch die ehrenhafte Welt der Mafia ist nur eine scheinbare. Mit der Zeit geht Ishimatsu psychisch kaputt, wird immer skrupelloser und tyrannischer, bis er sich wegen eines Missverständnisses an seinem Boss vergreift und somit für vogelfrei erklärt wird. Von da an ist ihm klar, dass sein Leben bereits vorbei ist. Seine letzten Freunde macht er sich zu Feinden, sich selbst macht er kaputt, und von leeren Impulsen getrieben beginnt seine blutige, qualvolle Odyssee in den Tod.
In grellen und zugleich morbide-tristen Großstadtbildern porträtiert Miike Ishimatsus Jahre im Dienste der Yakuza und den gnadenlosen Absturz danach. Die Welt ist ein einziges Dreckloch. Humor wird meist im Keim erstickt, und Gewalt scheint überhaupt die einzige richtige Verständigungsmöglichkeit für diese ehrenhaften Männer zu sein. Selbst Sexualität und Liebe werden zu einem Akt des Brutalen, wie man am teils rücksichtslosen Umgang Ishimatsus mit seiner Frau deutlich sieht. Die vordergründige Glitzerwelt des Luxus und Reichtums, der Loyalität und Brüderlichkeit zerfällt vor den Augen des Zusehers zunehmend, je weiter Ishimatsu fällt, und hinterlässt ein nihilistisch-kaltes Bild einer unmenschlichen, kaputten Welt. Sinnlosigkeit, Leere und Nihilismus werden besonders deutlich in der Szene, wo Ishimatsu in Unterhose, auf Drogen auf seinem Balkon wie wild herumhüpft und auf alles ballert, was sich bewegt, bis er keine Munition mehr hat.
Hier setzt auch die kulturelle, soziale Fragestellung des Filmes an. Man kann ihn damit in gewisser Weise als Film Noir, oder viel mehr als logische Konsequenz aus dem Noir-Genre sehen: Helden gibt es keine in der dunklen, grellen Welt. Gewalt und Schmerz, aber auch Liebe werden in kühler Melancholie thematisiert, die Charaktere sind schemenhaft gezeichnet, passiv und determiniert. Doch wenn im Noir-Genre die finstere Welt mitsamt Story, Moral und den Charakteren noch in sich konsistent bleibt und dadurch einen gewissen Halt für den Zuschauer bietet, mit der Sache zurechtzukommen, bestimmte Dinge zu akzeptieren oder zu bewerten, so bricht bei "Graveyard of Honor" einfach alles in sich zusammen, bis nur noch Verbitterung und an Sadismus grenzende Kälte übrig bleiben. Der Noir-angelehnte, jazzige Saxophon-Soundtrack wirkt am Ende eigentlich nur noch zynisch.
"Was für ein Spaß - 30 Jahre Hölle auf Erden."
Ein knallhartes Mafiaepos, eine soziale Apokalypse und ein emotional aufwühlender Film. Sicherlich eine der anspruchsvollsten Arbeiten Miikes, ohne dabei den Tabubruch zum Selbstzweck zu missbrauchen.10/10