Schnellschnell
“Delitto in formula Uno” also. Ich arbeite mich derzeit mit einigem Vergnügen, aber auch manchmal nicht wenig erschüttert, durch die Giraldi-Filme.
- Jedoch nicht in chronologischer Reihenfolge, was ein „professionelles“ Rezensieren mit Blick auf das Ganze und die „Entwicklung“ der Reihe etwas erschwert (aber ich bemühe mich redlich, hier doch einiges in Zusammenhang zu setzen). Begonnen habe ich zwar mit dem - nur zu lobenden - Auftakt der Reihe, „Squadra antiscippo“ (1976), einem Poliziottesco mit viel Humor, aber auch ernsten Untertönen und einigen Härten, aber bei den Folgefilmen, es sind ganze zehn (und davon sind derzeit hierzulande nur sieben oder acht auf ziemlich käsigen DVDs verfügbar), springe ich haltlos zwischen den einzelnen Beiträgen zur Reihe.
Sie sind, wie auch der Erstling, allesamt von Bruno Corbucci inszeniert und mitunter (nicht immer!) recht klamaukig, warten aber auch stets mit ein paar schönen bis wunderbaren Momenten auf, die einem Freund des Italo-Kinos der letzten zwei Jahrzehnte kurz vor Einführung des Kabelfernsehens in Italien und dem nicht allein daraus resultierendem Filmindustrie-Totalkollaps das Herz aufgehen lassen.
Tomás Milián als Nico Giraldi, der nach einem grandios subtilem Einfall der deutschen Synchronisation in den meisten Filmen Tony Marroni heißt, in diesem Film aber rätselhafterweise wie im italienischen Original Giraldi, ist erwartungsgemäß das Argument der Reihe. Der Mann ist super - auch in seinen früheren Poliziotteschi und noch früheren Italowestern.
Ach ja, die Handlung: Monza, Formel-1-Rennen, ein Favorit stirbt. Die Mailänder Polizei vermutet Sabotage und Mord. Auch Giraldi ermittelt.
“Delitto in formula Uno”, übrigens der vorletzte der Reihe und aus dem Jahr 1984, ist in einigen Details durchaus charmant, aber leider oft auch ein billiger Stinker, sagen wir also, der Film ist ein charmanter Stinker.
Ich revidiere etwas meine - in meinen bisherigen Rezensionen aufgestellte und sicherlich nicht allzu steile - These, dass die Giraldi-Filme immer dann qualitativ absacken, wenn es nach Amerika geht (oder gar Deutschland, wie im faden Abgesang der Reihe, dem tödlichen „Delitto al Blue Gay“): Giraldi funktioniert fraglos in Italien am besten, noch besser in seinem römischen Milieu, ebenso wie man bzw. ich Commissario Rizzo am liebsten in Neapel ermitteln sieht, aber Corbucci kann auch einen Film ganz gut versemmeln, der inmitten pittoresker Ansichten römischer - und in “Delitto in formula Uno” auch mailänder - Straßen und Plätze verbleibt.
Das Drehbuch von Mario Amendolo und Corbucci ist nämlich das Pendant zu einer Pizza Margherita aus dem Kühlregal, etwas Tomatensuppe und ein paar Käsekrümel auf muffigem Teig und fertig (naja, glücklicherweise finden sich da am Rande noch irgendwo ein, zwei Peperoni). Corbucci hat die Kuh ja auch gemolken bis das Blut kam, von 1976 bis 1984 elf Filme, da kann nicht immer Visconti bei herausspringen.
- “Delitto in formula Uno” verdient leider, neben dem dann noch folgenden Film, den Stempel “schnell runtergekurbeltes Serienprodukt”, was jedoch nicht heißt, dass der Charme der Giraldi-Filme (ich wiederhole mich) hier völlig abwesend ist.
Das Problem bei “Delitto in formula Uno”, der im Deutschen „Der Superbulle in der Formel 1“ oder auch „Formel eins und heiße Mädchen“ heißt, liegt an der Inhomogenität seiner Episoden und an einigen viel zu lang ausgewalzten Szenen, die irgendwie nicht als Attraktion durchgehen wollen.
Zwei Beispiele für letzteres:
Giraldi fordert ein paar Kneipendödel beim Billard heraus und räumt mit nicht allzu erbaulichen Tricks alle Kugeln vom Tisch. Die Szene ist zu lang und sie ist fad. Die Schlusspointe, wo sein am Rande stehender kleinkrimineller Schwager gezielt die weiße Kugel in den Mund gehobelt bekommt, ist ein müder Klamauk, der schon zu Laurel und Hardy-Zeiten nicht mehr taufrisch war. Nebenher: Einen seiner unförmigen Strickhandschuhe behält Giraldi während des Spieles an, eine simple Finte der Regie - die Kamera hat oft nur Handschuh, Queue und Kugeln im Visier, statt Giraldi spielt ein im Billard Fortgeschrittener.
Eine regelrechte Prüfung ist eine elend lange Tanzszene Giraldis, wo dieser in Adriano Celentano-Manier bei einer Aerobic oder sonstwas-Stunde rumhampelt. Auch einem Sechsjährigen drängt sich bei diesem fragwürdigen Schauspiel auf, dass (Scheiß-)Musik und Gezappel nicht im Geringsten synchron sind - es aber so gemeint sein soll. Eine Choreographie wie bei Besoffenen im Altersheim. Ich muss mich jetzt aber bremsen, um mich nicht zu sehr an einem Produkt der von mir - trotz alledem! - sehr geschätzten „Superbulle“-Reihe mit zu viel harscher Kritik zu versündigen.
Den Begriff der Inhomogenität warf ich in die Runde, weil in einem Film, der einen mit seinen Albernheiten mitunter erschlägt, plötzlich die ellenlange Szene vorkommt, in der Giraldi wehmütig in seinem Auto vor seiner Stadtwohnung sitzt (er wurde gerade vom Dienst suspendiert, weil er ein Vergehen seines bekloppten Schwagers gedeckt hat), sein Eheweib (immer in dieser Rolle, diesmal mit neuer Frisur: Olimpia Di Nardo) setzt sich hinzu und dann wird etwas die Ehe gekittet, geweint und geschmust, die Szene ist bierernst. Eigentlich auch eine gute, die aber in ihrer Gefühlstiefe mitnichten zum Restfilm mit seinen Schnodderdialogen und Quatschszenen passt. So etwas hat sich in anderen Giraldi-Filmen einfach besser eingefügt.
Ich merke aber an, dass ich den Film nicht im Originalton gesehen habe, vielleicht wirkt diese Szene da nicht ganz so ins überulkige Gesamtprogramm reingepresst.
Allerdings machen die Einblicke in Giraldis Familienleben und auch dessen herrlich scheußlich eingerichtete Wohnung durchaus Spaß (da gibt es auch noch einen bösen Scherz mit einem Kollegen Giraldis) und zählen zu den Stärken dieses Filmes.
Man erfährt auch beiläufig, warum Giraldi - ein Running Gag der Reihe - jederzeit großzügig Ohrfeigen auf Venticellos rundem Gesicht verteilt (Komiker Bambolo als Kleingauner; er zählt zum talentierten Stammpersonal der Filme und fast schon zu Giraldis Familie).
Eine Szene zu Beginn des Filmes, wo Giraldi Venticello als Fahrer eines Fluchtautos entlarvt, und eine Verfolgungsjagd zu Fuß durch eine parkähnliche Anlage - auch das sind Angelegenheiten, die mir bei diesem Film unterhaltsam erschienen, ebenso wie das, wie immer recht spezielle, Gehabe von Milián-Giraldi (wenn er nicht gerade tanzt).
Ach ja, Stichwort Formel 1- gibt es da Tolles zu bestaunen? Eher nicht, das Budget war dafür wohl zu schmal. Es gibt Archivaufnahmen, ganz passabel eingefügt, ein paar Garagenbesuche und eine echte Explosion. Im Finale fahren aber immerhin zwei Bolliden in rasanter…Ich verrate zu viel.
Boxenluder? Fehlanzeige – insofern hat es der Film leider versäumt, ein paar ordentliche Italo-Titten zu präsentieren (jetzt kann man aber schwer noch sein Geld von Corbucci zurückverlangen).
In einer OFDB-externen Rezension wird festgestellt, dass der Film u.a. deshalb ganz gelungen sei, weil er doch relativ straff auf den Mordfall ausgerichtet sei, ganz im Gegensatz zum Abschluss der Reihe, der sich in Nebensächlichkeiten verliert. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dennoch bleibt "Delitto in formula Uno” ein Schnellschuss und es drängt sich wirklich alle fünf Minuten auf, dass aus dem Film vermaledeit nochmal einer der stärksten Beiträge zur Reihe hätte werden können, hätte man sich etwas mehr Zeit für die Produktion genommen.
Weil ich nicht anders kann, gebe ich ernsthaft noch fünf Punkte, man ist ja Fan, und der Glanz einiger Giraldi-Filme strahlt auch auf "Delitto in formula Uno" über