„Männer, die mit dem Krieg fertig geworden sind, mit Maschinengewehrhagel, mit Bomben, und sogar mit Kommunisten!“
Für den 1972 in deutsch-italienisch-französisch-ungarischer Koproduktion entstandenen Horror-Thriller „Blaubart – Die Bestie“ des gebürtigen Kanadiers Edward Dmytryk („Ein Mann rechnet ab“) portierte man das französische Schauermärchen in eine anscheinend fiktive, zumindest nie näher definierte Zeit Deutschlands irgendwann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und machte aus dem Antagonisten den blaublütigen und blaubärtigen Baron Kurt von Sepper (Richard Burton, „Der Schrecken der Medusa“), der als Kriegsheld verehrt wird, ranghohes Mitglied einer faschistischen Para-Miliz mit an Hakenkreuze erinnernden stilisierten Armbinden ist und in einem ausladenden Schloss im Wald lebt. Pech hat er jedoch mit den Frauen und auch seine jüngste Errungenschaft verstirbt bei einem Jagdunfall. Doch kurz darauf heiratet er die US-amerikanische Tänzerin Anna (Joey Heatherton, „Cry-Baby“), die sich jedoch schnell in der Einöde zu langweilen beginnt, zumal ihr Gatte auch keinerlei Anstalten macht, sie sexuell zu beglücken. Nachdem sie die Schlüsselgewalt über sämtliche Räume des Schlosses anvertraut bekommen hat, möchte sie gern einige innenausstatterische Maßnahmen ergreifen. Nur einen einzigen Raum darf sie partout nicht öffnen, doch die Neugier überwiegt…
„Sie waren durchwegs Ungeheuer! Sie sahen erst menschlich aus, als sie tot waren!“
In dieser den Genrefilm-Geist der 1970er aus jedem Filmkorn atmenden Verfilmung zweiteilt man die Geschichte insoweit, als die Entdeckung des schrecklichen Geheimnisses hinter der verbotenen Tür – in einer Art Kühlkammer verwahrte Leichen von Blaubarts vorherigen Frauen – nicht als Pointe oder Klimax verwendet, sondern sie in den Mittelteil platziert und fortan Blaubart durch Rückblenden erzählen lässt, weshalb er sich gezwungen sah, sie alle nacheinander zu töten. Spannung bezieht „Blaubart – Die Bestie“ fortan aus dem psychologischen Spiel zwischen von Sepper und Anna und der Frage, ob es ihr als erste gelingen wird, ihrem Schicksal zu entkommen. Für Zuschauer, die wie ich erstmals durch „Shining“ auf die blaubart’sche Erzählung aufmerksam wurden, ist das zwar arg überraschend und gewöhnungsbedürftig, jedoch kostet Dmytryk dieses Konzept voll aus. Er vermischt den gruseligen Stoff mit dramatischen Elementen, mit viel Erotik sowie sogar frechem, makabrem Witz und zieht den Faschismus kräftig durch den Kakao durch die erst gegen Ende erfolgende Aufdeckung der wahren Hintergründe von Seppers Charakteristik und Motivation: Die (Achtung, Spoiler!) Überdeckung seiner Impotenz.
„Diesen Ungeheuern in Menschengestalt verleiht nur der Tod Würde und Anstand!“
Das Schöne an „Blaubart – Die Bestie“ ist, dass sämtliche unterschiedlichen Versatzstücke wie aus dem Effeff beherrscht werden. Die prächtigen Gemäuer des Adligen verströmen wohligen Gothic-Grusel, der erst für die komödiantischen Momente aufgegeben wird, und halten manch schreiende Geschmacklosigkeit wie die „Eulenuhr“ bereit, die des Barons kranken Geist bereits symbolisiert. Für den Erotik-Anteil geben sich einige der aufregendsten zeitgenössischen Schauspielerinnen ein Stelldichein, insbesondere Joey Heatherton wurde in ansprechenden erotischen Momenten in Szene gesetzt und darf zudem sehenswerte wilde Tänze aufführen. Mit einem nicht zu knappen Augenzwinkern bekommen in überzeichnet-karikierter Form diverse Definitionen nerviger Frauentypen ihr Fett weg, um jedoch gegen Ende genüsslich eventuelle Sexismus-Vorwürfe zu entkräften, wenn der Fokus wieder auf den Baron und damit auf die derangierte Psyche hinter Faschismus und erzkonservativem Autoritätswahn gerichtet wird. Ausufernde blutige Spezialeffekte sind nicht der Stil des Films, Explizitäten wie eine Köpfung per Guillotine fanden dennoch hinein. Authentische Jagdszenen zu Beginn des Films zeigen ungeschönt und verstörend ausgiebig die Erschießung von Wildtieren und damit dem Zuschauer, wo sein Wildbraten herkommt. Viele spitzzüngige Dialoge wurden exakt auf den Punkt geschrieben und liefern viel Zitierwürdiges. Übrigens spricht fast jeder mit irgendeinem fiesen Akzent, viel mehr den Ohren schmeichelt da der gewohnt stimmige, hochwertige Soundtrack Ennio Morricones. Burton spielt seine Rolle facettenreich und versieht seinen Charakter mit der nötigen, permanent durchschimmernden Portion Wahnsinns, ohne sein Schauspiel zu diesem Zwecke allzu sehr übertreiben zu müssen. Man spürt förmlich, wie er sich in seine Rolle hineingefühlt hat; er erweist sich als der ideale Hauptdarsteller dieses Films.
Doch genug der schönen Worte – wodurch erleidet „Blaubart – Die Bestie“ Punktabzug? Zumindest während meiner Erstsichtung mit der ihr vorausgegangenen Erwartungshaltung konnte ich mich nur schwer damit anfreunden, wie wenig letztlich aus dem Motiv des einen bestimmten „Tabu-Raums“ gemacht wurde, mir erschien es beinahe ein wenig verschenkt. Diese für psychologischen Horror par excellence taugende Ausgangssituation wird kaum ausgekostet, dabei hätte sie auch auf der Grundlage dieses Filmkonzepts als großartiger Höhepunkt zur Mitte der Handlung fungieren können. Wie man so etwas perfekt umsetzt, hat einige Jahre später Stanley Kubrick mit seiner „Shining“-Verfilmung bewiesen. Mein zweiter Kritikpunkt setzt in der zweiten Hälfte des Films an, dem Überlebenskampf Annas und den rückblendenden Erzählungen von Seppers. Denn hier generiert Dmytryk eine Überlänge, die – bei allem Genuss – nicht hätte sein müssen. Der plötzlich eingesetzte episodenhafte Stil ist ein kleiner Bruch und bedient sich einiger Quasi-Wiederholungen, bei denen weniger mehr gewesen wäre. Zugeben muss ich, dass Dmytryk auch hierbei mit meiner Erwartungshaltung Achterbahn fuhr und ich bestehe auf die Option, diese Punkte bei einer nun entsprechend vorbereiteten Zweitsichtung eventuell aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.