„Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen!“
Der in Lettland geborene Holger Bernhard Bruno Mischwitzky ist wohl besser unter seinem Künstlernamen Rosa von Praunheim bekannt, unter dem er als explizit und offensiv homosexueller Künstler in Erscheinung tritt und mit seiner Mischung aus TV-Dokudrama, Aufklärungsfilm und filmischer Agitationspropaganda „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ im Jahre 1971 für zahlreiche Kontroversen sorgte. Von Praunheim führte die Regie und hatte das Drehbuch zusammen mit dem Sexualforscher Martin Dannecker verfasst. Angedacht war der Film seitens des WDR, der als Produzent in Erscheinung trat, als fiktionaler Film – vom analytischen Kommentar und den soziologischen Thesen, die zur Sprache kommen, wusste man indes nichts. Erstaufgeführt wurde der 67 Minuten lange Film 1971 auf der Berlinale, ein halbes Jahr später lief er im Fernsehen, wo er entgegen der ursprünglichen Planung auf einem unattraktiven Sendeplatz zu später Stunde im dritten Programm ausgestrahlt wurde. Ein weiteres Jahr später zeigte ihn die ARD überregional, wobei sich Bayern ausgeklammert und stattdessen einen anderen Spielfilm gezeigt hatte.
„Wir müssen versuchen, freier bumsen zu können!“
Der junge homosexuelle Daniel (Bernd Feuerhelm) zieht aus der Provinz nach Berlin und geht dort eine Beziehung mit Clemens (Berryt Bohlen) ein, die jedoch bald zerbricht. Daraufhin klappert Daniel diverse Stationen schwulen Großstadtlebens ab, sucht entsprechende Etablissements auf, lässt sich auf sexuelle Abenteuer ein und frönt Oberflächlichkeiten, wird aber auch Zeuge offener Homophobie, als er beobachtet, wie andere Schwule von Rockern brutal zusammengeschlagen werden. Doch nachdem er in einer Kneipe Paul kennengelernt hat, nimmt ihn dieser mit in seine ausschließlich aus homosexuellen Männern bestehende Wohngemeinschaft. Dort wird er in politische Diskussionen um die Emanzipation Homosexueller verwickelt, die ihn seinen bisherigen Umgang mit seiner Sexualität überdenken lassen…
Der Low-Budget-Film wurde komplett mit Laiendarstellern sowie ohne Originalton gedreht und anschließend nicht synchronisiert, es wurde schlicht über die Bilder drübergesprochen. Bei den zwei verschiedenen Off-Sprechern (einer für den kritisch-analytischen Kommentar, der andere für die episodische Handlung) ist das kein Problem, bei den Figurendialogen jedoch arg gewöhnungsbedürftig – wirklich synchron ist hier nämlich kaum etwas. Das wirkt leider sehr billig und dahingeschludert. In Verbindung mit dem kritischen Off-Kommentar macht der Film aber auch einen sehr selbstkritischen (Praunheim ist, wie bereits erwähnt, ja selbst Teil der homosexuellen Gemeinschaft), vor allem aber provokanten Eindruck. Der Kommentar behauptet, alle Schwulen sehnten sich nach Zweierbeziehungen, auch im weiteren Verlauf wird die Formulierung „der Schwule“ stets mit verallgemeinerndem Absolutheitsanspruch verwendet.
Darunter finden sich einige verdammt steile Thesen; in demagogischem, aggressivem, abwertendem Tonfall, der unangenehm an Propaganda aus dem Dritten Reich oder auch an eine Karikatur derselben erinnert, werden alle abgewatscht: Die Schwulen, die feste Partnerschaften eingehen wollen ebenso wie diejenigen, die lediglich auf Sex aus sind. Für Mode hat man sich gefälligst nicht zu interessieren, Fetischen wird jegliche Existenzberechtigung abgesprochen usw. Der mit Kraftausdrücken versehene Kommentar wirkt mitunter tatsächlich schwulenfeindlich, aber auch unfreiwillig komisch, wenn über „den Schwulen“ wie in einer Tierdokumentation gesprochen wird. Nur zeigt der Film eben nicht nur mit dem Finger auf andere, sondern nimmt die Schwulen selbst in die Pflicht. Statt die Heteros aufzuklären intendierte von Praunheim offenbar, der eigenen Gemeinschaft den Spiegel vorzuhalten und zu zeigen, wie sie zahlreiche Klischees selbst immer wieder bestätigt – um sie anschließend dazu aufzurufen, selbstbewusster mit sich und ihrer Sexualität umzugehen.
Auf technisch-formaler Ebene irritieren über die bereits genannten Punkte hinaus eine ellenlange, komplett stummgebliebene Sequenz, in der jedoch sichtbar gesprochen wird und die auf diese Weise keinerlei Sinn ergibt, sowie das Gespräch einer Gruppe Schwuler untereinander, das dank seiner Off-Vertonung wie abgelesen klingt. Dass diese Gruppe dabei nackt ist, dürfte wiederum ebenso wie ein in Großaufnahme gezeigter Zungenkuss für Irritationen angenehmerer Art, weil auf ein spießbürgerliches Publikum zielend, gesorgt haben. Leider drohen die Versuche, bestimmte schwule Verhaltensweisen zu deuten und zu erklären, angesichts mangelhafter Inszenierung und reißerischen, undifferenzierten, polemischen Kommentars unterzugehen. Als schwuleninterner Diskussionsbeitrag dürfte „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ eventuell besser geeignet gewesen sein denn als Aufklärungsfilm für ein Hetero-Publikum, demgegenüber er seinem aufklärerischen Anliegen eher eines Bärendienst erwiesen haben dürfte.
All dies ändert indes nichts an seiner Relevanz als Zeitdokument, weshalb ich seine Verfügbarkeit unbedingt begrüße.