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Wenn Rache, Romanze und Routine kollidieren

Hollywood liebt große Debüts. Wenn ein Regisseur, der in Europa bereits einen markanten Fußabdruck hinterlassen hat, die Einladung in die Traumfabrik annimmt, wird gerne groß die Erwartungstrommel gerührt. 2013 war es soweit: Niels Arden Oplev, der Mann, der mit „Verblendung“ die Millennium-Trilogie auf die Leinwand und Noomi Rapace endgültig ins internationale Rampenlicht hob, inszenierte mit Dead Man Down seinen ersten US-Film. Die Ausgangslage klingt verlockend: Colin Farrell, Noomi Rapace, Terrence Howard und Isabelle Huppert in einem düsteren Rache-Thriller, irgendwo zwischen Gangsterballade und melancholischer Liebesgeschichte. Ein Cocktail, der nach Kraft, Tempo und Emotion schreit. Serviert wird am Ende jedoch eher ein lauwarmer Mischmasch, bei dem sich die Zutaten gegenseitig neutralisieren. Ein Film, der gleichzeitig alles sein will – Thriller, Actioner, Romanze – und dadurch Gefahr läuft, nichts davon so richtig zu sein. Klingt harsch? Mag sein. Aber Dead Man Down ist eben ein Paradebeispiel für das Kino der gepflegten Durchschnittlichkeit.

Im Zentrum steht Victor (Colin Farrell), ein schweigsamer Einzelgänger, der sich in die Reihen einer kriminellen Organisation geschlichen hat, um den Mord an seiner Familie zu rächen. Klassischer Plot, eigentlich dankbar. Doch statt dem Zuschauer eine gnadenlose Spirale der Vergeltung zu servieren, schiebt der Film bald eine zweite Ebene in den Vordergrund: die geheimnisvolle Nachbarin Beatrice (Noomi Rapace), selbst gezeichnet von Gewalt und Verletzungen, die Victor mit ihrer eigenen Agenda konfrontiert. Zwischen den beiden entwickelt sich eine brüchige Romanze – halb Komplizenschaft, halb Sehnsucht nach Heilung.

Auf dem Papier klingt das wie eine spannende Mischung, in der Realität ergibt sich daraus jedoch eine Erzählung, die ständig zwischen zwei Stühlen sitzt. Mal will sie knallhartes Gangsterkino sein, dann wieder intimes Drama über zwei verlorene Seelen, und im nächsten Moment Action-Thriller. Das Ergebnis ist ein filmisches Hüftwackeln, das nie wirklich den Takt findet.

Die große Schwäche liegt im Skript. J.H. Wyman, der auch schon bei der Serie Fringe Drehbücher beisteuerte, lässt in Dead Man Down das Gespür für Timing und Eskalation vermissen. Es gibt kaum Momente, in denen die Spannung sich greifbar verdichtet. Stattdessen reiht der Film Szenen aneinander, die wie aus dem Baukasten wirken: düstere Gassen, bedrohliche Blicke, kryptische Dialoge. Atmosphäre entsteht, ja – aber eben eine generische, die man so oder so ähnlich in Dutzenden vergleichbarer Produktionen gesehen hat. Was fehlt, ist der Drive. Ein Thriller lebt vom Puls, vom Gefühl, dass jederzeit alles kippen könnte. Dead Man Down dagegen plätschert. Gerade der Mittelteil versinkt in einer trägen Erzählung, die eine gut platzierte Actionsequenz bitter nötig gehabt hätte. Ein bisschen Adrenalin, ein bisschen Chaos, ein bisschen Wumms. Stattdessen schaut man Farrell und Rapace dabei zu, wie sie schweigend über ihre Traumata sinnieren. Für ein Drama vielleicht okay, für einen Actionthriller schlicht zu wenig.

Düsternis im Hochglanz-Filter

Wenn es dann zur Sache geht, zeigt Oplev immerhin, dass er inszenatorisch sein Handwerk beherrscht. Die Schießereien sind klar strukturiert, übersichtlich und erfreulich frei vom hektischen Schnittgewitter vieler Genrekollegen. Oplev weiß, wie man Kugeln fliegen lässt, und die Inszenierung wirkt professionell. Aber so ordentlich das alles ist: die Dosis stimmt nicht. Auf 118 Minuten verteilt, sind die Actionmomente zu spärlich gesät, um den Film wirklich zu tragen. Der Zuschauer sitzt zu lange im Leerlauf, um die kurzen Explosionen an Gewalt nachhaltig wirken zu lassen. Die Kameraarbeit ist routiniert: ein paar schön komponierte Totalen, ein paar elegante Schwenks, ein bisschen Handkamera für das „hautnahe“ Gefühl. Alles technisch sauber, nichts zu beanstanden – und doch fehlt das Besondere

Optisch hat Oplev immerhin ein Gespür für Stimmung. New York erscheint hier nicht als funkelnde Metropole, sondern als kaltes, anonymes Betonlabyrinth, in dem Gewalt und Einsamkeit an jeder Straßenecke lauern könnten. Die Atmosphäre will düster sein, bleibt aber zu oft an der Oberfläche. Ein paar Neonlichter, ein paar finstere Keller, ein paar graue Hochhausfassaden – doch wirklich packend wird das Szenario nie. Wo der Film eigentlich nach Dreck, Schweiß und Herzblut schreien würde, bleibt er seltsam klinisch. Man spürt, dass Oplev bemüht ist, sein Hollywood-Debüt auf Hochglanz zu polieren. Doch während „Verblendung“ damals mit seiner nordischen Kälte und präzisen Schärfe brillierte, wirkt „Dead Man Down“ wie ein Versuch, Hollywood zu gefallen, ohne ein eigenes Profil zu entwickeln.

Zumindest darstellerisch kann der Film punkten. Colin Farrell überzeugt mit seiner melancholischen Aura, die perfekt zu einem Mann passt, der von Schuld und Rache zerfressen ist. Noomi Rapace bringt eine verletzliche Härte in ihre Rolle, auch wenn das Drehbuch ihr kaum Raum für echte Tiefe gibt. Die restlichen Nebendarsteller liefern solide ab, bleiben aber genauso blass wie die Figuren, die sie verkörpern. Ein kleines Highlight ist Isabelle Huppert als Beatrices Mutter. Sie ist zwar nur in einer Nebenrolle zu sehen, stiehlt aber mit ihrer charmanten Präsenz gleich mehrere Szenen. Ein bisschen skurril, ein bisschen warmherzig, ein bisschen unberechenbar – genau die Art von Auftritt, die man sich öfter im Film gewünscht hätte.

Fazit

Niels Arden Oplev liefert ein Hollywood-Debüt ab, das handwerklich sauber und professionell wirkt, aber weder Herz noch Biss hat. Zu wenig Action für einen Actionfilm, zu wenig Spannung für einen Thriller, zu oberflächlich für eine Romanze. Alles läuft brav und kompetent ab, doch wirklich mitreißen will es nicht. Die Schauspieler retten den Film vor der völligen Bedeutungslosigkeit, allen voran Farrell, Rapace und Huppert. Doch auch sie können nicht verhindern, dass man nach zwei Stunden mit einem Schulterzucken zurückbleibt. Kein Totalausfall, aber auch kein Geheimtipp – einfach ein generischer Rachethriller, der weder weh tut noch begeistert.

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