Review

Bei „La rose écorchée“, so der Originaltitel dieses französischen Horrorfilms aus dem Jahre 1969, scheint es sich um das Regiedebüt von Claude Mulot zu handeln, der später in erster Linie Pornofilme drehte. Dafür fiel „Horror-Maske“, der reißerisch als „Sex-Horror-Film“ beworben wurde, überraschend züchtig aus und ist eigentlich ist ein sehr atmosphärischer, düsterer, traurig-trostloser Genre-Beitrag, der sich stark am Franzosen-Klassiker „Augen ohne Gesicht“ orientiert und vom Schicksal eines einst glücklichen Paares erzählt, dessen Leben aus den Fugen geriet, als Ann schwerste Gesichtverbrennungen erleidet und fortan mit ihrer Existenz hadert – bis man den Entschluss fasst, sich ein attraktives weibliches Opfer für eine Gesichtstransplantion zu suchen. Dabei sind Mulots Regiearbeit und das Drehbuch in mehrerlei Hinsicht ungewöhnlich: Während die Handlung eigentlich in der damaligen Gegenwart zu spielen scheint, wirkt das Gothic-Horror-Ambiente des Familienschlosses von Frederic Lousac und seiner entstellten Frau höchst anachronistisch. Die Zeit scheint dort stehengeblieben zu sein, wenn man erfährt, dass die Lousacs sich beispielsweise zwei kleinwüchsige Diener halten, die zudem von Ann selbstgefällig-arrogant diskriminierend und betont als „besonders hässlich“ bezeichnet werden, man ihnen aber „gnädigerweise“ Unterkunft und Verpflegung gewährt und sie für sich arbeiten lässt. Offensichtlich treffen hier zwei Welten aufeinander: Die reiche Oberschicht, die sich fast wie im Mittelalter gebärdet, und die Ausgestoßenen, Verbannten, Rechtelosen. Dass sich die gesellschaftliche Zugehörigkeit Anns nach ihrem Unfall verschiebt und sie vielleicht noch länger zu den Reichen, nicht mehr aber zu den Schönen gehört, kann sie nicht akzeptieren und ist der Ausgangspunkt für die folgenden blutigen Umtriebe, vielleicht sogar bewusst als überspitzte Darstellung eines gesellschaftlichen Klassenkonflikts gedacht, zumindest aber als Veranschaulichung der Diskrepanz zwischen Frederic, der trotz seines gesellschaftlichen Status’, den er als Künstler erreicht hat, relativ bodenständig und wesentlich weniger oberflächlich als seine Frau erscheint. Trotz einiger Nacktszenen behält „Horror-Maske“ aber seinen poetischen Stil bei und betreibt nur wenig Effekthascherei – so bekommt man die grausam verbannte Fratze Anns beispielsweise kaum zu Gesicht, was ihre Wirkung aber nur verstärkt und im Zusammenspiel mit der fatalistischen Bitterkeit der Handlung für manch Gänsehaut sorgt. Die Schauspieler agieren glaubwürdig und wenn Ann und Frederic verzweifelt beginnen, sich im übertragenen Sinne gegenseitig zu zerfleischen und dem Wahnsinn immer näher kommen, fühlt man unweigerlich mit. Die stimmige, effektive musikalische Untermalung unterstreicht das Geschehen perfekt. Trotz seines Anachronismus und des eingeschränkten, elitären, eher unsympathischen Milieus, in dem er spielt, stellt man als Zuschauer automatisch einen emotionalen Bezug zu den Protagonisten her und es fällt leicht, das Dargebotene zu abstrahieren und auf die Realität zu übertragen. Insofern ist „Horror-Maske“ ein zwar vielleicht wenig eigenständiger, aber dafür gut gelungener, seltsamer, unangenehmer Horrorfilm und ein Geheimtipp für aufgeschlossene Genrefreunde mit einem Hang zu unglücklicher Romantik. Mein Rip der deutschsprachigen VHS-Kassette ist leider übersät mit Jumpcuts, evtl. entfaltet „Horror-Maske“ seine Qualitäten auch erst in restaurierter, ansprechenderer Form in Gänze.

Details
Ähnliche Filme