Mit UNTOLD STORY hatte Anthony Wong unter der Regie von Herman Yau gerade einen Schauspieleraward abgräumt, da ging das Erfolgsduo in eine neue Runde. Wer bisher nur noch EBOLA SYNDROME kennt, irrt aber in der möglichen Annahme, daß mit TAXI HUNTER auf Nummer Sicher ein übelster Sicko nachgeschoben wurde, was mit Blick auf die Category II Bewertung auch schon ins Wanken gerät. Ja, es handelt sich um einen Thriller und ja, Anthony Wong gibt wieder den Killer, doch der Rest hebt sich schon deutlich ab.
Vielleicht ist es kein Zufall, daß ebenfalls im Jahr 1993 der Film FALLING DOWN in die Kinos kam, gibt es doch eine gewissa Parallele im Versicherungsverkäufer Kin (Anthony Wong), dessen Tag mehrfach von miesen Taxifahrern verhagelt wird. Den Ausschlag gibt jedoch der Griesgram, welcher seine schwangere Frau wegen des nur natürlichen Austritts von Fruchtwasser nicht ins Krankenhaus fahren will, sondern einfach aufs Gas tritt. Allein hiermit hat sich Herman Yau in TAXI HUNTER schon wieder einen Eintrag in der Halle von Filmen, die man nicht vergessen wird, geschaffen. Kurz gesagt, Frau und Kind werden den Vorfall nicht überleben.
Der Groll nagt am Protagonisten, der auf der Arbeit wegen seiner Trauer in den Urlaub verdonnert wird. Als er im Suff wieder mit einem Taxifahrer aneinander gerät, eskaliert die Situation. Klar, jetzt könnte man den 08/15 Abklatsch von DEATH WISH draus machen und den mageren Meuchler massig morden lassen, doch es ergibt sich passend zu der komisch angelegten Exposition von Undercovercops in schriller Oversize-Sportklamotte und dem mit dem Versicherungsvertreter befreundeten Superbullen etwas ganz anderes.
Zunächst erklärt Herman Yau in einer wirklich zum Brüllen komischen Trainingsmontage die offizielle Umkehrung von TAXI DRIVER zu seinem TAXI HUNTER. Das ist kein fieser Bösewicht, er ist vollkommen menschlich, ein bisschen tollpatschig sogar und er meint es eigentlich gut. Er sieht sich als Rächer der unterdrückten Fahrgäste, die den fiesen Machenschaffen der Chauffeure ausgeliefert sind, schlecht behandelt oder stehen gelassen werden und oftmals viel zu viel bezahlen müssen. Seine Taten sind stets klar relativiert. So spornt ihn eine betroffene Omi sogar noch an, dem Fahrer die Ohren langzuziehen oder Kin unterbricht eine eindeutige Vergewaltigung.
TAXI HUNTER gibt somit Anlaß dazu, selbst zu reflektieren, was die gezeigten Situationen in einem selbst auslösen. Mit dem ungewohnten Straucheln des nächtlichen Rächers wird nämlich auch der Diskurs angestoßen, ob eine Schuldigkeit des Opfers legitimiert zum Täter zu werden. Nun ist es in der Hongkongzensur historisch bedingt ohnehin eine Tradition, daß niemand ungeschoren mit einem Verbrechen davon kommen darf. Es ist jedoch ungewöhnlich, daß ein Rachethriller sich derart über eine Katharsis erhebt, mit dem Erhalt der Freundschaft sogar die Frage nach einer möglichen Läuterung stellt und dann aber doch nicht ohne zynische Folge bleibt, die den Aufstand des kleinen Mannes auch explizit physisch unter Strafe stellt.
Das könnte jetzt alles sehr groß sein, bleibt jedoch durch Herman Yaus Bemühungen, recht viel in die 90 Minuten zu packen, wozu eine übertriebene Detaillierung von eigentlich nur Nebenfiguren gehört, am Ende "nur" gut, was nichts anderes heissen soll, als daß es sich bei TAXI HUNTER nie um den unangefochtenen Klassiker für die Ewigkeit handeln kann, aber immer einen sehenswerten Film, der eben um aus der Masse herauszuragen mit eingeschliffenen Mustern brechen muß. So haben wir es vielleicht sogar mit einem typischen Mitternachtsfilm zu tun, einem etwas ungeschliffenen Thriller, der ohne wahnsinnige Spannung doch überrascht und der trotz vorhandener Stuntszenen und Morde in durchaus qualitativer Cinematographie gar nicht so sehr von den Schauwerten abhängig ist. Es ist ein Werk, mit dem Herman Yau seiner Linie gegen den Strich treu bleibt und der in der Lage zu verstören ist, wenn man diesen Konflikt aus Schuld und Sühne moralisch hinterfragt.