Mit dem Begriff "Overlord" wurde eine Operation der alliierten Streitkräfte bezeichnet, die am sogenannten "D-Day", dem 6. Juni 1944, begann und die deutschen Truppen von Nordfrankreich aus zurückdrängen sollte. Dafür war es notwendig, dass die Soldaten an den Stränden der Normandie an Land gingen, unterstützt von Kanonenbooten und den Luftstreitkräften, aber direkt den Verteidigungsanlagen der deutschen Armee ausgesetzt.
Ermöglicht wurde dieser Angriff, der selbst nur Teil weiterer paralleler Operationen war, durch eine schiere Übermacht an Menschen und Material, weshalb eine jahrelange Vorbereitung notwendig war, die allein für die Herstellung des Kriegsgerätes und das Training der Soldaten benötigt wurde. Die Zahl der Toten und Verletzten ging auf beiden Seiten in die Hunderttausende, was aus heutiger Sicht ähnlich abstrakt klingt, wie es als Berechnungsgrundlage für die damalige Planung diente. Das Einzelschicksal des Soldaten verschwand unter einer Organisation, die riesige Truppenverbände unter größtmöglicher Geheimhaltung gleichzeitig verschieben musste.
Nicht zufällig widmeten sich Anti - Kriegsfilme dem Einzelschicksal eines Soldaten, um ihn aus der anonymen Masse heraus zu heben, und sein Leiden für den heutigen Betrachter erfahrbar werden zu lassen. Scheinbar ging auch Regisseur und Autor Stuart Cooper diesen Weg, indem er den einfachen Rekruten Tom (Brian Stirner) in den Mittelpunkt stellt. An dessen Beispiel demonstriert er den Abschied von den Eltern, den Drill in der Kaserne, das Warten auf den Einsatz, die lähmende Langeweile dieser Phase und letztlich den Weg an die Front. Auch die Begegnung mit einem Mädchen (Julie Neesam), das Tom beim Tanzen kennen lernt, fehlt nicht - und trotzdem ging Stuart Cooper einen ganz eigenständigen Weg.
Das begründet sich schon in der Art, wie Cooper Toms Soldatenleben beschreibt. Trotz kurzer Momente, in denen Tom der typischen Befehlswillkür ausgesetzt ist, selbst als er einmal in die Arrestzelle muss, bleibt der Stil von fast unwirklicher emotionaler Zurückhaltung. Besonders im Umgang mit seinen Eltern, aber auch im Augenblick der aufflackernden Liebe mit dem Mädchen, ist Tom in Gestik und Mimik so reduziert, als wäre er schon nicht mehr real. Sprachlich und in seinem allgemeinen Verhalten ist er ein normaler junger Mann, manchmal sogar aufmüpfig, liebevoll in seinem Brief an die Eltern, aber der Film schürt diese Emotionen nicht und versucht keinen Moment, den Betrachter auf diese Weise mitzureißen. Damit steht „Overlord“ in Opposition zu üblichen Kriegsfilmen, die ein Einzelschicksal beleuchten. Normalerweise soll durch eine hohe Identifikation mit dem „Opfer“ die Tragik hinter dem Geschehen betont werden. Tom bietet sich in seiner spröden, wenig aus der Masse hervorstechenden Art, dafür nicht an.
Damit erklärt sich auch die sehr kurze, nur wenig mehr als 75minütige Laufzeit, denn dem Leben des Tom ist gerade einmal die Hälfte dieser Laufzeit gewidmet, da der Film auf jede Ausschmückung des sehr monotonen Soldatenlebens verzichtet. Die übrige Zeit setzt sich aus Dokumentarfilmen zusammen, die direkt an der Front gefilmt wurden. Und aus Propagandafilmen beider Seiten. Cooper und sein Kameramann John Alcott verzahnen die fiktive Handlung über Tom mit den realen Szenen des Krieges so eng miteinander, dass oft die Übergänge verwischen und die klare Trennung verloren geht, obwohl klar ist, dass Tom erst zum Ende hin mit realen Kampfhandlungen konfrontiert wird. Doch neben Bomben, Ruinen und Leichen sind es vor allem die Bilder der riesigen Mengen an Kriegsgerät und der inneren Organisation, die beeindrucken und deutlich werden lassen, wie wenig der menschliche Faktor in der allgemeinen Kriegsapparatur zählt.
In „Overlord“ werden keine Argumente gegen den Krieg laut, so wie die Soldaten sich ganz selbstverständlich ihrer Rolle hingeben, auch wenn sie nicht davon begeistert sind. Selbst der kommende Tod, den Tom schon fortwährend träumt, dient nicht als Schreckensgemälde, wie auch keine Parolen gegen den Feind oder eventuelle Erfolgserlebnisse zu hören sind. Das alles benötigt der Film nicht, dem es gelingt, die beiden gegensätzlichen Pole der Kriegsmaschinerie zusammen zu bringen. Hier die große Operation, die aus einer politischen und militärischen Perspektive geplant wird, und in der Menschen und Material in aberwitziger Weise wie Spielfiguren verschoben werden, dort das Leben eines gerade 21jährigen, das schon verblasst, ehe es wirklich beginnt. Die Perversität des Krieges liegt nicht in einem Einzelschicksal, sondern in dem völligen Verleugnen jedes menschlichen Lebens – ein genereller Aspekt, dem man sich als Betrachter nur schwer entziehen kann.
Wahrscheinlich begründet sich daraus auch die Vergessenheit, in die der Film trotz seines Erfolges bei der Berlinale 1975 geriet. Nicht nur, dass der sehr reduzierten Handlung jede Emotionalisierung abging und das Kampfhandlungen nur dokumentarisch gezeigt wurden, sondern der Verzicht auf die Trennung Freund / Feind und damit auf die bis heute übliche Begründung, man hätte nur so gehandelt, weil die andere Seite einen dazu gezwungen hätte, musste vor den aktuellen Ereignissen des Vietnam – Krieges provozieren. „Overlord“ weist Niemandem die Schuld zu und spricht Keinen davon frei.(9/10)