„Wir müssen alle lebenden Kreaturen respektieren. Mit Ausnahme der Polizei, Leute die für die Regierung arbeiten, Bänker, Wucherer, und jeder der versucht die Macht des Geldes zu nutzen, um den einfachen Menschen zu schaden. Diesen Menschen etwas wegzunehmen ist erlaubt. Aber vergiss nicht: Wer zu viel will, ist verrückt. Ein Mann kann nicht mehr besitzen als sein Herz auch lieben kann.“
Wahre Worte, und der dies sagt ist Großvater Kuzya, Oberhaupt eines Clans von sibirischen Kriminellen, die in der Sowjetunion in den Südwesten des Landes deportiert wurden, und dort nun stolz, kriminell und arm leben. Kuzyas Enkel ist Kolyma, und dessen bester Freund Gagarin ist im Hause Kuzya genauso gerne gesehen. Die Erziehung der Kinder läuft dabei nach den oben genannten sibirischen Regeln statt. Und so verfolgen wir Kolymas und Gagarins Weg im Ghetto, wir sehen wie sie erwachsen werden, sich mit anderen Clans wilde Messerstechereien liefern, wie Kolyma sich in die geistig zurückgebliebene Xenia verliebt, und wie die tiefe und innige Freundschaft zu Gagarin zerbricht. Und wir sehen Kolyma, wie er einige Jahre später im Kaukasus Terroristen bekämpft. Wie er als Soldat unterwegs ist, Menschen tötet und dabei die rechte Hand eines Terroristenführers jagt. Einen Mann namens Juri Lebedev, genannt Gagarin …
Die Grundlagen der sibirischen Erziehung sind dabei ganz einfach: Nimm das Geld vom Staat und lebe davon. Lebe einfach, aber in Würde. Verkauf Dich nicht an diejenigen die Deine Feinde sind. Töte wenn Du töten musst, und liebe diejenigen, die es verdienen geliebt zu werden. Einfache und starke Regeln von Menschen, die man nicht als Feinde haben möchte, die aber unersetzliche Freunde sein können. Kolyma lebt streng nach diesen Regeln, aber er kann sie auch brechen: Als Soldaten in das Haus stürmen bedroht er einen Offizier mit einer geladenen Waffe. Ein Regelbruch, denn es dürfen keine Waffen im Haus verwendet werden. Aber mutig ist diese Tat, weswegen Kolyma mit seinem eigenen Springmesser belohnt wird, das ihn für immer begleiten wird. Was sein Fetisch sein wird.
Wir begleiten also Kolyma, Gagarin und ihre kleine Clique auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Die Bilder sind eindrucksvoll und zeigen die Armut und den Stolz dieser Menschen in etwas romantisierter Wucht, aber gerade dadurch sehr stark. Dieses „auf dem Weg ins Erwachsenenleben begleiten“ ist aber tatsächlich nur ein Teil des Filmes, der weitaus größere Teil behandelt Kolymas Leben als junger Mann. Die Freundschaft zu Gagarin, die unvollendete Liebe zu Xenia, ein Gefängnisaufenthalt, das Entdecken seiner Fähigkeiten (ihm führt die Mutter Gottes die Hand, soll heißen, er kann hervorragend zeichnen und wird zum Tätowierer ausgebildet), und immer wieder die Regeln der sibirischen Erziehung. Kein reines Coming-of-Age also, und dann ist da ja auch noch die Geschichte um den Soldaten Kolyma, die mit hässlichen Bildern von hässlichen Kriegen nicht geizt. Alle drei Handlungsstränge sind ineinandergeflochten, und fast wähnt man sich ein wenig in einem Film wie Sergio Leones ES WAR EINMAL IN AMERIKA, wenn der Lebensweg eines Mannes non-linear und umfassend abgebildet wird.
Angenehmerweise sind die Zeitsprünge nicht verwirrend, der Zuschauer weiß immer, an welchem Punkt der Geschichte er sich befindet, aber trotzdem bemängle ich ein ganz klein wenig das Futter im Film. Auf eine merkwürdige Art fehlen die großen Konflikte – Kolyma lehnt sich niemals gegen seinen geliebten Großvater auf, rebelliert niemals gegen die vorgegebenen Regeln, und auch das Zerwürfnis mit Gagarin hat eigentlich einen viel zu kleinen Rahmen erhalten, wenn man mal überlegt was aus dieser zerbrochenen Freundschaft alles folgt. Trotz des ein oder anderen tragischen Moments scheint Regisseur Gabriele Salvatores mehr an einem Bild einer glücklichen Zeit zu liegen, an der Darstellung aufrechter Krimineller, die allemal redlicher dastehen als der Staat. Die Herausarbeitung innerer Probleme und deren (gewaltsamer) Lösung fehlt aber, was schade ist, da auf diese Weise doch die Möglichkeit entfällt, den Film mit der erforderlichen Wucht zu untermauern. Auch hier möchte ich ES WAR EINMAL IN AMERIKA als Gegenbeispiel anführen, der das allmähliche Zerwürfnis der Freunde erheblicher eleganter und glaubwürdiger, vor allem aber dramatischer zeigt. In SIBIRISCHE ERZIEHUNG aber gleitet der Zuschauer auf einem weitgehend ruhigen Fluss dahin, ab und zu hat es einen kleineren Höhepunkt, aber die ganz großen Erlebnisse, die fehlen irgendwie. Ich möchte den Film in meinem Filmtagebuch nicht missen, aber ein klein wenig mehr Schärfe im Ton und eine Betonung der dramatischen Erlebnisse hätten dem Film sicher gut getan.