Einen Arbeitskollegen, Blutsverwandten, Schwippschwager oder Bruder im Geiste von James Bond könnte man auf den ersten Blick hinter Agent Barrett vermuten. Ganz wie sein berühmtes Pendant ist er augenscheinlich der Typ Mann, der gerne mal irgendwo beherzt eingreift und sich dementsprechend wohl auch nicht zu schade ist, seinen steifen grauen Anzug zu ruinieren. Prompt hängt der Fan actiongeladener Agententhriller am Haken. Was der deutsche Titel allerdings unterschlägt: Die flott in die Wege geleitete Verfilmung des damals erst drei Jahre alten Romans von Alistair MacLean hält sich überhaupt nicht groß mit (angehendem) Figurenkult auf, sondern stellt in einem einmaligen Sonderfall den Auftrag in den Mittelpunkt. Nicht den Ermittler.
So werden in der geschmackvollen Titelsequenz nicht etwa Silhouetten von Frauenkörpern geformt und elegante Schusshaltungen inszeniert, sondern die mit reichlich Suspense gesättigte Prämisse auf ein abstrahiertes und damit vereinfachtes Schaubild heruntergebrochen, das jeder Zuschauer intuitiv versteht: Ein Körper, bestehend aus Zellen, liegt auf dem Boden, infiziert mit einem Virus, das sich im Takt der paranoiden Musik von Jerry Goldsmith auf die Zellen ausbreitet, bis der gesamte Körper abgestorben ist. Sichtbar vom gleichen Studio animiert, das beispielsweise auch den „Pink Panther“ zum Leben erweckte, erfüllt der Vorspann zweierlei Funktion: Erstens legt er die Stimmung fest, die – auch wegen des Zynismus, der zwischen den Zeilen hervorkommt – im Vergleich der wichtigsten Agentenfilme der 60er Jahre ungewöhnlich nihilistisch ausfällt. Zweitens codiert er Form, Farbe und Einstellungsgrößen, die John Sturges anschließend stilsicher mit der versierten Hand eines Mannes kontrolliert, der zu jenem Zeitpunkt bereits Klassiker wie „Gesprengte Ketten“, „Die Glorreichen Sieben“ und „Der alte Mann und das Meer“ geschaffen hatte.
Der Übergang wird mit einer Überblende vom gezeichneten Bild zur Vogelperspektive auf eine reale Landstraße sogar aktiv begleitet. Und kaum beginnen die Kameras real zu drehen, entpuppt sich „Geheimagent Barrett greift ein“ als waschechtes Ausstellungsstück der 60er Jahre. Draußen herrscht die amerikanische Ödnis mit ihren Bergwipfeln und Wüstenflächen in endlosen Blau- und Rot-Paletten. Strommasten teilen die Äcker geometrisch auf; Durch funkelnde Limousinen aufgewirbelte Staubwolken verbleiben als einziges Zeichen von Leben. Der Schauplatz im Nirgendwo ist bereits ein Vorgeschmack auf das Endziel des Villains, der aufgrund seiner irrsinnigen Pläne und ihrer immensen Reichweite ernsthaft Gefahr läuft, noch ein „Super“ als Extra-Titel einzuheimsen. Mitte der 60er Jahre war eine durch den Menschen ausgelöste globale Bedrohung über das sehr reale Kalter-Krieg-Damoklesschwert „Nuklearwaffe“ natürlich längst als Horrorvorstellung etabliert. Dass allerdings ein einzelner Mann im Besitz einer zerbrechlichen Flasche die Macht über das Leben der gesamten Weltbevölkerung erlangen könnte und quasi als wandelnde Zeitbombe durch Kalifornien spazierte, musste man ja zwangsläufig als Ammenmärchen wahrnehmen. Wenn also eine vermeintliche Schwäche des Films im Laufe der Zeit relativiert wurde, dann vielleicht diese; immerhin hat die Vernetzung der Welt in den letzten Jahrzehnten rasant zugenommen und somit auch die potenzielle Macht eines Einzelnen, die Welt ins Chaos zu stürzen. Man kann, muss aber den „Satan Bug“-Virus aus dem Film nicht wörtlich nehmen, um das Szenario gar nicht mehr sooo unwahrscheinlich zu finden… ob man nun von der rasanten Verbreitung von Krankheitserregern ausgeht, irrationalen Entscheidungen geistig umnachteter Regierungsoberhäupter mit zu viel Macht oder digitaler Bedrohung, ihre Lesbarkeit haben Roman wie Verfilmung im Laufe der Zeit vervielfacht.
Wir befinden uns aber während des Eingriffs von Geheimagent Barrett mitten in den 60er Jahren, und auch die Innenausstattung verströmt den 60er-Chic noch aus jeder Pore. Bei all den blinkenden Knöpfen, Apparaturen und doppelten Sicherheitstüren glaubt man beinahe, jeden Moment käme Adam West im grauen Strampler um die Ecke geflitzt. Ein wahrhaft merkwürdiges Sehvergnügen, weil Sturges die Situationen gleichzeitig souverän und vorausschauend genug in Szene setzt, um sie nicht zum Kasperletheater geraten zu lassen. Möchte man einen aktuellen Thriller als Vergleich anführen, der ebenfalls die Stille vor dem Sturm anstatt des Sturms zum Handlungskonzept erklärt, böte sich etwa Denis Villeneuves „Sicario“ an – dem anschließend teuer produzierten SciFi-Epos „Blade Runner 2049“ vorausgehend ist dies ebenso wie „Geheimagent Barrett greift ein“ ein eher kleiner Film mit beschränkten Schauwerten. Man merkt alleine anhand der sehenswert fotografierten Schauplätze, dass der Dirigentenstab in beiden Fällen von einem Könner geführt wird.
Anzumerken ist dabei allerdings, dass Sturges seine Arbeit immer ausschließlich in den Dienst des Suspense stellt. Damit gelingen ihm in regelmäßigen Abständen immer wieder beklemmende Momente aus den Dialogen heraus, ohne große Geschütze im visuellen Sinne auffahren zu müssen. Bemüht man hingegen einen Vergleich mit Bond und Artgenossen, bleibt Barrett in nahezu jeder zählenden Kategorie zweiter Sieger. Das Charisma des Hauptdarstellers George Maharis wird durch die Fokussierung auf das große Ganze bewusst klein gehalten. Ein Sean Connery, der im gleichen Jahr in sein viertes 007-Abenteuer startete, war da schon eine ganz andere Hausnummer, gerade in Sachen Publikumsbindung. Denn wieso sollte man mehr von Barrett sehen wollen, wenn Barrett ein blasses Abbild des Primus zu sein scheint, dessen eigener Fall weit futuristischer zu sein scheint als er selbst? Das alleine würde schon als Erklärungsansatz reichen, weshalb sich nie eine Reihe rund um den Agenten entwickelt hat. Auch von Action ist über weite Strecken so gut wie nichts zu sehen; „Schnitzeljagd mit Kreuzworträtsel“ kommt da als Schlüsselbegriff schon eher hin. Das Drehbuch ist geprägt von teils holprigen Schauplatzwechseln, die Barrett vom Labor über ein Hotel an einen Fluss zum verlassenen Haus eines Laborarbeiters auf die Landstraße in ein Auto hin zu einem leeren Baseball-Stadion als klassisches Final-Setpiece führt. Wenn es einem Betrachter nicht gelingt, einfach die stark gefilmten Schauplätze zu genießen, kann er die Schnittkette von einem Ort zum nächsten leicht als ereignis- und spannungslos empfinden.
Da ist es fast ironisch, dass sich die einzige ernstzunehmende Actionszene, ein Irrflug im Helikopter über der Skyline von Los Angeles, beinahe anfühlt wie die Inspiration für die brachiale Auftaktsequenz vom 24. Bond „Spectre“. Hier versuchte Daniel Craig unter höchster Anspannung, einen außer Kontrolle geratenen Heli nicht auf einen mit Menschenmassen gefüllten Marktplatz in Mexico City stürzen zu lassen. Bei Sturges sitzt diese Nummer trotz gewisser Einschränkungen bei der Umsetzung ebenso treffsicher wie die dominierenden Dialogsequenzen mit ihren Spannungs- anstatt Entladungs-Höhepunkten. Und als besonderes Schmankerl zum Abgang setzt sich der Abspann mitten in die ungeklärten Tatsachen. Ein erneuter Bruch mit den Konventionen, der „Geheimagent Barrett greift ein“ zu einem ganz speziellen Stand verhilft. Zwar wird in gewissem Sinne ein abgeschlossenes Ende geboten, ganz sicher kann man sich aber nicht sein, ob alles seinen guten Ausgang nimmt…
Also: Bitte eher keinen reißerischen B-Movie-Bond erwarten, sondern lieber einen actionarmen Dialog-Thriller mit hohen Ansprüchen auf seinem Gebiet bei völligem Desinteresse an anderweitigen Qualitäten wie der Eignung zu einer möglichen Franchise. Die Vorlage wird sorgfältig in einen Agentenplot mit Verschwörungs-, Verwechslungs- und daraus resultierenden Suspense-Elementen gegossen. Je nachdem, wie man den dialoglastigen Ansatz und die damit verbundenen Tempoprobleme im Mittelteil bewertet, fällt das Urteil vermutlich knapp südlich oder nördlich des Mittelwerts aus. Unter Berücksichtigung der filmischen Qualitäten, die sich hier durchaus finden lassen, darf man sich aber gerne in den oberen Wertungsregionen umschauen.
(6.5/10)