Nachdem Regisseur Joel Schumacher (Die Jury) Mitte der Neunziger Batman verunstaltet hatte, lief es mit seiner Karriere nicht mehr so gut. Filme, wie seine einstigen Werke "Flatliners", "Falling Down" oder "The Lost Boys", sollte er nicht mehr vom Stabel lassen und drehte bis Anfang des neuen Jahrtausends eher mittelmäßige Kost. Erst mit "Tigerland" und "Bad Company" brachte er wieder Filme auf die Leinwand, die sich durchaus mit seinen früheren Werken messen können. Sein bester Beitrag der letzten Jahre ist allerdings "Nicht auflegen!", der zugleich auch den Beginn der Telefon-Trilogie von Drehbuchautor Larry Cohen darstellen sollte. Dieser schrieb das Skript ursprünglich für Alfred Hitchcock, kam aber mit der Story nicht zu Rande. Nach Hitchcocks Tod 1980 war das Drehbuch auch noch nicht fertig. Jahre darauf zeigten etliche Regisseure wie Steven Spielberg, David Fincher, Michael Bay und John McTiernan Interesse an dem Stoff. Bay galt als Favorit, doch als er versuchen wollte, die Handlung aus der Telefonzelle heraus zu verlagern, winkte Cohen ab, da Bay anscheinend die Geschichte nicht verstanden hatte. Und so nahm dann Joel Schumacher auf dem Registuhl Platz.
PR-Profi Stu Shepard (Colin Farrell) hat zwei Handys, verhandelt im Sekundentakt mit Klienten und Redakteuren. Nur für Flirts mit der jungen Schauspielerin Pam McFadden (Katie Holmes) benutzt der windige Macher eine der letzten Telefonzellen in New York, damit Ehefrau Kelly (Radha Mitchell) nichts davon erfährt. Als er nach einem dieser Flirts wieder los will, klingelt das Telefon. Reflexartig nimmt er den Hörer ab, womit für Stu der Horror beginnt. Der Anrufer (Kiefer Sutherland) ist nämlich ein Scharfschütze, der aus irgendeinem der umliegenden Hochhausfenster ein Sniper-Gewehr auf Stu gerichtet hat und ihn zwingt, dass er öffentlich seine Lügen gesteht. Ansonsten ist Stu tot...
Der Film gehört eindeutig Colin Farrell (Der Einsatz), der hier eine seiner bisher besten Darbietungen zeigt. Zu Beginn nimmt man ihm den arroganten PR-Zampano förmlich ab, aber auch das verzweifelte Opfer im Visier des Killers kann er hervorragend verkaufen. So beweißt Farrell, dass er eben nicht einer dieser weiteren seelenlosen Hollywood-Beaus wie Orlando Bloom oder Paul Walker ist, die sich professioneller Schauspieler schimpfen. Denn der Ire schafft es problemlos den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen, was wohl auch an dem Drehbuch liegen mag, das sich völlig auf seinen Charakter konzentriert. Sein Gegenpart wird von Kiefer Sutherland (The Sentinel) gespielt, der lediglich nur kurz vor Filmende zu sehen ist, aber dialogmäßig mit seiner diabolischen Stimme (O-Ton und Synchronstimme sind hier gleichermaßen gut) im restlichen Film einen guten Job macht. Ansonsten mimt noch Forest Whitaker (Panic Room) den verhandelnden Cop, der nur langsam schnallt, was wirklich Sache ist. Dennoch fällt auch er nicht negativ auf und macht eine routinierte Darstellung. In Nebenrollen sind noch Radha Mitchell (Highway Psychos) und Katie Holmes (Batman Begins) zu sehen, die sich gut in den restlichen Cast einfügen können.
"Nicht auflegen!" ist einer der wenigen Filme, die nahezu komplett an einem einzigen Handlungsort spielen. Die Telefonzelle, die Dreh- und Angelpunkt des Streifens ist, wird hier für Stu zum Beichtstuhl und fast auch zum gläsernen Sarg. Im weiteren Filmverlauf umschwirren Nutten, Zuhälter, Bettler und schließlich Polizei und Presse die Zelle, woraus sich vereinzelte Nebenhandlungen ergeben, in denen natürlich auch die Frauen (Kelly, Pam) von Stu eine Rolle spielen. Diese Nebenhandlungen stören nicht und ergeben mit der Haupthandlung ein gutes so wie spannendes Gesamtbild. Lediglich die drei aufgedrehten Nutten stören etwas, weshalb man sich schon bald wünscht, dass auch sie vom Killer weggepustet werden. Die Telefonzelle als Location selbst und ihre Umgebung hat man ordentlich in Szene gesetzt, auch wenn in Los Angeles und eben nicht in New York gedreht wurde. Neben der guten Darstellerleistung verlässt sich "Nicht auflegen!" auch auf das Skript von Larry Cohen, das gekonnt Spannung erzeugt, aber auch ein paar Innovationen mehr gut vertragen hätte. Somit schafft es der Film in seiner recht kurzen Spielzeit von gerade mal achtzig Minuten nervenzerreißende Thriller-Unterhaltung zu bieten, ist dafür aber auch etwas zu schnelllebig. Man hätte die Handlung ruhig etwas mehr ausbauen können, und einige Tricks und Finten seitens Stu und dem Killer mehr zur Geltung lassen können. Doch so wird das Geschehen für mich persönlich etwas zu rasch über die Bühne gezogen, wenngleich auch so die Spannung fast ihr ganzes Potential entfalten kann. Hinzu kommt, dass Joel Schumacher "Nicht auflegen!" mit seinen Schnitten ziemlich stylisch und werbemäßig daher kommen lässt, weshalb man zu Filmbeginn das Gefühl hat, eine überlange Handy-Werbung zu sehen. Die schnelle und stylische Inszenierung Schumachers ist jedoch nur ein kleiner Abstrich in der Gesamtauswertung.
Hätte man der Story mehr Zeit und Raum gegeben, hätte aus "Nicht auflegen!" noch ein Genreglanzstück a'la "Sieben" und "Saw" werden können. Dank Farrells toller Leistung, der ordentlichen Location und der Spannung ist der der Film aber immer noch spannungsgeladenes Thriller-Fastfood von hoher Qualität und Niveau.