Stu Shepard ist ein erfolgreicher PR-Berater, zumindest will das seine Workaholic-Fassade suggerieren, modisch gekleidet, cool, lässig, kontrolliert, das Mobiltelefon ist sein wichtigstes Untensil; ob Eminem-Karikatur oder Klatschkolumnistin, er ist immer Herr der Lage. Sein Hoheitsgefühl währt aber nicht mehr lange, denn seinen täglichen Besuch in der letzten übrig gebliebenen Telefonzelle der 53th Street wird er heute bereuen. Sein erster Gesprächspartner ist seine heimliche Bekanntschaft Pam, eine junge Schauspielerin, die er mit Seifenblasen des Ruhmes ködert, den er ihr kaum ermöglichen kann. Als er die Zelle verlassen will, klingelt das Telefon erneut, diesmal am Apparat: Ein psychopathischer Sittenwächter, für den Stu die Verkörperung seines Feindbildes darstellt.
Als ob das nicht schon genug Probleme wären, wird er von einer Schar Nutten und deren Zuhälter belästigt, den der anonyme Killer als Bekräftigung seines Willens hinrichtet, was natürlich die Polizei, die Medien und einen interessierten Mob auf den Plan ruft.
Ein hilfloses Opfer in den Fängen eines wahnsinnigen Killers; hört sich nicht neu an. Den Hautgout einer abgehangenen Idee kann Nicht auflegen aber glücklicherweise abschütteln, denn er beschränkt sich nicht auf die bloße Reproduktion alter Klischees.
Trotz der vielen involvierten Figuren hat der Film etwas beklemmend kammerspielartiges, wohl vor allem hervorgerufen durch die klaustrophobische Enge des zentralen Gegenstandes und die zwangsweise Untrennbarkeit der Kombattanten. Vielleicht versucht Nicht auflegen gar nicht einen neuen Typus des Bösewichts zu schaffen und wenn doch, gehört es zu den wenigen Dingen, die ihm kaum gelingen. Wer dem Sub-Genre firm ist, dem dürfte der Charakter des klassischen Psychopathen vertraut sein. Immun gegen Einschmeichelungsversuche, lehnt er es ab, analysiert zu werden und verleugnet seinen Wahn. Er spielt mit der Erwartungshaltung seines Gegenübers und gibt ihm potenzielles Futter für pseudo-psychologisches Gestammel, einzig um zu verhindern, dass seine eigene Person zum Thema wird.
Ganz im Gegenteil erwartet er von seinem Opfer, vor den Augen der Öffentlichkeit einen Seelenstrip hinzulegen.
Hier wird dann ein kleiner Unterschied des hiesigen Killers zu seinen Zunftgenossen deutlich: Nach vollzogener Selbstreflexion des Opfers lässt er befriedigt von diesem ab.
In Stu bündelt sich alles, was der Gesichtslose mit dem charismatischen Timbre an der Gesellschaft ablehnt: Die Oberflächlichkeit und Egozentrik, das Handeln nach dem Nützlichkeitsprinzip, die Hektik, bei der das Persönliche und der gegenseitige Respekt zurückstehen müssen und vor allem die großen und kleinen Lügen, die nonchalant vorgetragen wohl nur halb so schwer wiegen.
Nicht auflegen lehrt den Europäer mehr über die amerikanische Kultur, als uns der Film vielleicht zugestehen möchte. In seinem kleinen Exkurs über die tragende – oder besser: getragene - Rolle des Mobiltelefons in der heutigen Gesellschaft, macht der Film zu Beginn die unterschiedliche Wahrnehmung deutlich. Ein scheinbares Selbstgespräch transsubstantiiert vom Symptom für Wahnsinn zum sozialen Statussymbol, was das Handy zur Allegorie gesellschaftlicher Dekadenz werden lässt. Wer etwas wert ist, hat ein Stück Kunststoff am Ohr. Wer zumindest etwas auf sich hält, muss danach streben.
Die entsetzten Gesichter der New Yorker als Stu seine schmutzige Wäsche wäscht, wirken doch irgendwie verlogen und scheinheilig, denn jeder von ihnen könnte dort stehen, seine Leiche aus dem Keller holen und wieder wäre die Reaktion dieselbe.
Von Zero to Hero geht auch vice versa. Diese Erfahrung macht hier nicht nur Stu, sondern auch der eigens dafür ausgebildete Unterhändler, der sich anmaßt, den besonnenen Capt. Ed Ramey zu maßregeln und in ein Kompetenzgerangel zu verwickeln, am Ende aber zeigt, dass ihm die Maske eines devoten Handlangers besser steht.
Übrigens: Die scheinbare Inhärenz von Begriffen wie deutsch und Porno mag für Amerikaner vielleicht selbstverständlich sein, beim betroffenen Volk kann sie nur ein Schmunzeln evozieren.
Auch wenn Nicht auflegen bei einer Spielzeit von 80 Minuten wie filmisches Fastfood anmutet, ist er paradigmatisch dafür, dass eine simple Geschichte funktionieren kann. Ganz unbeteiligt daran ist sicherlich auch Colin Farrell nicht, der nach Tigerland (2000) erneut in einem Joel Schumacher-Film die Hauptrolle spielt. Durch die Zentralität seiner Figur steht und fällt der Film mit seiner Darbietung, die wahrlich überzeugend ausfällt. Ob als erfolgsorientierter Hedonist und Opfer seiner Zeit oder als Zwangsgeläuterter; in beiden Seiten seines Charakters vermag Farrell zu glänzen.
Nicht auflegen ist ein purifizierter Thriller, der sich auf seine Stärken besinnt und einer möglichen Kritik an seinen Schwächen zuvorkommt, indem er sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Ein abwechslungsreicher und unterhaltsamer Film, der einen stetig hohen Pegel auf dem Suspense-o-Meter hält und zu dem ich mir abschließend folgendes nicht ersparen kann: Nicht abschalten!