Ein Film, dessen Setting komplett nur aus einer Telefonzelle und seiner Umgebung besteht?!?
Diesen Grundgedanken hatte schon Alfred Hitchcock anno Schwarz/Weiß-Fernseher, nur kam damals keine zündende Idee heraus, wie man so etwas verwirklichen sollte. Larry Cohen, der damals beim Gedankengang von Hitchcock mitwirkte, traf irgendwann in den 90igern beim Toilettengang der Geistesblitz mit dem Element "Scharfschütze". Binnen kurzer Zeit war das Drehbuch fertiggeschrieben und 2002 begab sich Joel Schumacher (Joel durfte uns schon mit ordentlichen Filmen wie "8mm", "Falling Down" und "Tigerland" beglücken) auf die Mission, diesen Stoff zu verfilmen. Und heraus kam ein verdammt guter Thriller, der besonders auf Moral, Ehrlichkeit und Anstand wert legt.
Das Opfer namens Stuart Shepard wird von Colin Farrell dargestellt (der scheinbar extra für diesen Streifen gefühlte zehn Jahre seine Augenbrauen nicht mehr zupfte und zusammenwachsen ließ), ist ein schmieriger PR-Berater, wie er im Buche steht: "Stu" trägt italienische Klamotten, eine gefälschte Golduhr und belügt mit dieser Montur so ziemlich alles, was für ihn vielleicht mal den Aufstieg bedeuten könnte: Die Klatschpressen, seine B-Stars, kommende Sternchen, seinen Lakaien Adam (Keith Nobbs) und auch seine Frau Kelly (Radha Mitchell), denn er ruft jeden Tag aus einer Telefonzelle (weil seine Frau seine Handy-Rechnungen kontrolliert) sein heimliches Fick-Dich-Glücklich-Girlie Pam (Katie Holmes) an, mit dem Ziel, ihr mal endlich an die Unterwäsche greifen zu dürfen (natürlich, wie immer: mit leeren Versprechungen). Doch das entgeht "Dem Anrufer" (Kiefer Sutherland) nicht, da er durch seinen wahnsinnigen Gerechtigkeitssinn schon andere Leute hinrichtete. Steward hält diesen Anruf für einen Scherz - als er jedoch das Durchladen des Scharfschützengewehrs hört und das Laser-Visier auf seiner Brust spürt, weiß er, dass dieses Telefonat sein Leben kosten könnte...
"Nicht Auflegen!" fängt ziemlich harmlos an und erzählt uns, was die heutige kommunikative Technik zu bieten hat, wofür veraltete Technik (zum Beispiel eine Telefonzelle) noch dienen kann, und dann geht es auch schon los mit dem Zittern. Bei einer Rekord-Minuslänge von knapp 70 Minuten Laufzeit wird in den ersten fünf Steward höchst widerwärtig dargestellt, dass auch alle diesen Vogel hassen können, bis Sutherland als telefonierender Scharfschütze auftaucht.
Schumacher gelingt der Spagat, aus zwei wirklich unsympathischen Figuren zwei Ernie und Berts zu erschaffen, mit denen man mitfühlen kann. Auf der einen Seite der PR-Manager, der trotz seiner "menschenverachtenden" Defizite sympathisch wirkt (bis auf die Theo Waigel-Augenbrauen - achso, hab ich ja schon erwähnt), und auf der anderen Seite den Psychopath, das Monstrum, den Killer - Kiefer Sutherland. Viele wissen, wie weh es tut, belogen, verarscht und betrogen zu werden, und deswegen sind die Motive für den Psycho auch nachvollziehbar.
Dieses Kammerspiel, so muss man es ja schon nennen, entwickelt sich in diesen 72 Minuten zu einem höchst interessanten Beitrag auf Thriller-Ebene, oder was mich persönlich mehr ergriffen hat: moralische Grundwerte zählen - auch wenn sie hier nur als Mittel zum Zweck auftauchen und total überspitzt wirken. Solche Wichser wie Steward gibt es eben en masse.
Trotzdem siegt im Innerlichen die Moral, und so ist man sehr betroffen, wie herabneigende Menschen innerlich so zerbrechlich sein können. Zu dieser Emotionwalze (fuck, ich höre mich schon wie eine Pussie an) treibt auch der verhandelnde Cop Ed Ramsey (Forest Whitaker) bei, der psychische Probleme aufgrund seines Berufes und Probleme mit der Ex-Ehefrau, hinter sich hatte.
"Nicht auflegen!" legt ein flottes Tempo hin, das auch noch der Echzeit entsprechen könnte (Sutherland hat ja da mittlerweile so seine Erfahrungen mit "24") und kommt mit wenig Klischees aus.
Manche Handlungen der Hauptprotagonisten sind zwar manchmal an der Grenze des Glaubwürdigem (beispielsweise die Stimmungsweise des Scharfschützen), Katie Holmes wirkt auch völlig verschenkt und darf nur ordentlich mal durch die Zahnlücke lächeln und bangen, aber ansonsten ist "Nicht auflegen!" ein exzellenter, fieser Thriller, der durch seine Moralpredigt und dem ungleichen Duell durchaus zu fesseln mag. Was auch einen kleinen Wehrmutstropfen darstellt, ist der unbefriedigende Schluss (ah ja, der Gärtner war es also...) und das mit Kiefer Sutherland geworben wird - obwohl der nicht mal eine Minute an Screentime bekommt.
Meine persönliche Note liegt da ziemlich hoch, gerade weil es um die moralischen Grundwerte geht, auch wenn sie in diesbesagten Fall etwas überspitzt in diesem Fall wirken. Ein Thriller der alten Schule, der ohne großes Krach-Bumm-Peng auskommt und trotz kleinermschwächen zu unterhalten (manche vielleicht auch die Horizont-Fäche zu erweitern) weiß.
Satte 9/10 Punkten