Überrascht war ich ja eigentlich schon, als ich von "Nicht auflegen" Wind bekam. Weil es war in der letzten Zeit ja mehr oder weniger unmöglich, von diesem Film nichts zu hören, es sei denn, man schaut gar nicht fern und sieht daher auch den Trailer nicht. Doch der lief ja auf und ab.
Überrascht war ich daher, weil ich mir vor kurzem noch "Liberty stands still" aus der Videothek ausgeliehen habe, der trotz der Hauptrolle eines Wesley Snipes völlig unbekannt ist. Umso verwunderlicher war es dann, dass ausgerechnet ein so bekannter Regisseur wie Joel Schumacher sich wieder an das gleiche Thema macht und dass diesem Film mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als noch "Liberty stands still". Vor allem, weil sich die Stories mehr oder weniger überhaupt nicht voneinander unterscheiden. Aber wo soll es schon große Abweichungen geben.
Auch in Sachen Qualität unterscheiden sich diese beiden Filme nicht besonders. Schumachers Vorstellung ist bedeutsam kürzer, der Film bringt es ohne Nachspann auf gerade mal 71 Minuten. Das ist für die heutige Zeit ziemlich ungewöhnlich, vor allem, weil es sich ja auch um einen richtigen Blockbuster handelt. Aber Schumacher macht das einzig richtige und verstrickt sich nicht in irgendwelche unsinnigen und überflüssigen Nebenhandlungen, nur um irgendein Gardemaß zu erreichen, das ihm durch den Kopf geht. "Nicht auflegen" sollte halt einfach nur so lang sein, bis alles fertig erzählt ist, es gibt keine Längen, keine ausufernden Rückblenden oder sonstige Methoden, einen Film länger zu machen.
Es geht um Stu Shepard. Dieser ist ein Medienagent und seine Aufgabe ist es, noch unbekannte Fische ins große Geschäft zu befördern. Er ist ein richtig arroganter Macho, egozentrisch bis zum Erbrechen und er trägt teure Designerklamotter. Moral ist für ihn ein Fremdwort, er betrügt seine Frau und Respekt hat er auch vor niemandem. Eines Tages möchte er in der noch einzig existenten Telefonzelle im ganzen Umkreis seine Affäre anrufen. Wie jeden Tag, zur gleichen Zeit. Als dieses Gespräch beendet ist, klingelt das Telefon und Stu nimmt instinktiv ab. Eine Stimme am anderen Ende der Leitung mach Stu nach anfänglicher fehlender Glaubwürdigkeit immer unmissverständlicher klar, dass Stu erschossen wird, sobald er die Zelle verlässt, da der Mann, zu dem die Stimme gehört, irgendwo in einem Haus sitzt und von dort besten Blick auf die Telefonzelle hat.
Ja, wenn man das so liest, kann man es sich natürlich schwer vorstellen, dass "Nicht auflegen" selbst eine Lauflänge von nur 71 Minuten nicht ohne Längen erreichen kann, wenn man bedenkt, dass der ganze Film in einer einzigen Telefonzelle spielt. Doch heutzutage gibt es ja die schönen optischen Mittel, einen Film vor der Langeweile zu schützen. Ich bin normalerweise eher Fan von Independent-Filmen und mag solche Bildverfremdungen eher nicht, wenn ich mir dann aber schon Hollywood-Produktionen ansehe, gehören solche optischen Leckerbissen einfach dazu. Bei "Fight Club" hat sich ja auch keiner beschwert, dass man eine Kamerafahrt in einem Gasofen sieht, wieso sollte man bei "Nicht auflegen" kein Telefonnetz von "innen" zeigen.
Ob das der Atmosphäre des Films gut tut, teils doch eher rasante Einstellungen und Kamerafahrten zu benutzen, sei dahingestellt, der andauernde Dialog zwischen Stu und dem Unbekannten jedoch rettet so Einiges, dass die Bilder, die an sich wirklich sehr reizend sind, die Atmosphäre ruhig etwas dämpfen können, denn "Nicht auflegen" strotzt einfach nur so von Spannung. Man kann diesen Film einfach nicht langweilig finden.
Solche Stories sind natürlich auch immer gut für Logikfehler, die hier weitestgehend ausbleiben. Fragwürdig bleibt nur die Sache, wieso der Bösewicht nicht einfach abdrückt, wenn Stu die Telefonzelle verlässt. Ist ja meines Erachtens zweimal der Fall. Und die Erklärung des Bösewichtes für sein Verschonen Stus ist da eben nicht lückenfüllend, denn einfach zu sagen, Stu hat sich bisher besser verhalten als die anderen Opfer und daher wird ihm auch mal ein eklatantes Fehlverhalten nicht so übel genommen. Wenn wir ehrlich sind, er hätte genauso gut sagen können, dass er Stu schlecht erschießen kann, weil sonst Joel Schumachers neuestes Werk eben nur ein Kurzfilm und nicht so kinokompatibel wäre. Das hätte dem Film aber wiederum natürlich auch nicht unbedingt gut getan, daher musste sich der Drehbuchautor irgendwas einfallen lassen.
Und es ist halt einfach immer spannend, wenn Stu die Regeln des Bösewichts bricht und einfach die Telefonzelle verlässt. Der Zuschauer denkt da vordergründig danach auch nicht gleich drüber nach, wieso er jetzt nicht erschossen wird, vielmehr ist er noch viel zu sehr damit beschäftigt, dem Gezeigten zu folgen, erst noch zu verdauen, dass jetzt wahrscheinlich Schluss sein wird. Was wiederum auch paradox ist, weil der Zuschauer normalerweise wissen sollte, auch wenn er den Film vorher noch nicht gesehen hat, dass die Hauptperson halt selten schon nach gut einer halben Stunde um die Ecke gebracht wird.
Kurzum, bei "Nicht auflegen" kann man sein Gehirn durchaus ausschalten, wahnsinnig anspruchsvoll ist das Ganze nicht. Klar, der Bösewicht, der übrigens fast nicht zu sehen ist und dennoch von Kiefer Sutherland gespielt wird, hat natürlich schon seine moralischen Gründe, Stu in solch eine Misslage zu bringen, doch die Art und Weise, wie er Stu dessen eigenes Arschloch-Image endlich mal klarmachen möchte, ist über und über unmoralisch. Aber das kennt man ja mittlerweile schon aus den Filmen, dass Leuten ein eher unmenschlicher Charakterzug mit noch unmenschlicheren Methoden klargemacht und ausgetrieben wird.
Ja, dass Ende ist wohl besser als viele es erhoffen, aber verraten werde ich natürlich Nichts. Aber das ist der ganz große Pluspunkt des Films, man weiß eben einfach nicht, wie er denn ausgehen könnte, Alles scheint irgendwie so klischeehaft, aber dennoch so unvorhersehbar. Somit ist "Nicht auflegen" schon eine gewisse Kunst, der Film spielt mit dem Zuschauer, er fesselt ihn mit den einfachsten erdenklichen Mitteln, mit seiner Simplizität, seiner Einfachheit, seinem übersichtlichen Schauplatz. Man kann das Hirn ausschalten, dennoch erscheint der Film nicht sinnlos wie Actionkracher wie "The Fast and the Furious" oder Ähnliches. Ganz hintergründig mag sicher auch "Nicht auflegen" eine Botschaft haben, aber dass bösen Menschen oft Böses widerfährt bzw. sie oft Böses verdienen, ist da einfach nicht genug bzw. der Zuschauer befasst sich einfach vielmehr mit dem Film als über irgendwelche Botschaften nachzudenken. "Nicht auflegen" will nämlich gar keine richtige haben, vielmehr braucht der Film alibimäßig eine, um ein Motiv für den Bösewicht zu haben. Denn die psychologische Seite wird hier überhaupt nicht bis kaum angerissen.
Ein Film, der wirklich fesselt und zeigt, dass es nicht Explosionen oder Schießereien sein müssen, die einen in den Bann ziehen. Ein Mann in einer Telefonzelle reicht da schon aus. Und das ist doch erfreulich. Es müssen ja nicht immer Laserpistolen oder andere Produkte der Technik sein, die Filme spannend machen. Ein großes Stück Natürlichkeit, das "Nicht auflegen" auf jeden Fall darstellt, kann der Technik da mehr als das Wasser reichen. Der wohl kurzweiligste und spannendste Blockbuster seit langem. Und auch einer der Besten. 9/10 Punkte