Nordstrand
Gesehene
Version: Kino mit Gästen
Inhalt:
Nach einer
längeren Trennung lädt der ältere Bruder Marten den jüngeren
Bruder Viktor ins gemeinsame verlassene Haus in Norderny ein. Der
ältere Bruder hat die Absicht einer Familienzusammenführung, der
jüngere Bruder möchte das Haus verkaufen. Die Trennung ist durch
häusliche Gewalt entstanden. Der Vater erzog den Sohn mit physischer
Gewalt. Die Mutter und der ältere Bruder taten nichts dagegen. Mit
etwas Abstand haben die beiden 3 Tage Zeit um sich wieder kennen zu
lernen und zu Entscheiden wie ihr bisheriges Leben miteinander
weiterläuft.
Charakteristik:
Zunächst kommt Marek
am Haus an und macht dies sauber. Da das Haus wohl schon ein paar
Jahre leer steht muss auch erst einmal aufgeräumt, abgestaubt usw.
werden. Dies geschieht in ruhiger Atmosphäre und kaum geschnittenen
Szenen. Dies vermittelt so einen Anfang. Beim putzen setzt sich Marek
auf den Boden und überlegt. Dies deutet an, dass es nicht nur ein
euphorisch Putz ist. Der jüngere Bruder Viktor trifft ein und
verzieht sich gleich wieder. Die Begrüßung ist relativ kühl,
vielleicht schon unterkühlt. Dies ist nichts ungewöhnliches, wenn
man sich längere Zeit nicht gesehen hat und kaum etwas voneinander
weiß. So unterhalten sich die beiden, als würden sie sich gerade
kennenlernen. Marek: "was arbeitest du denn jetzt"
Viktor: "Industriedesigner". Doch das Interesse
interessiert Viktor nicht "ich zeig dir gar keine Bilder".
Schnell wird dem Beobachter klar, Viktor ist zwar zum Haus gekommen,
aber die Motivation sich mit dem Bruder zu versöhnen ist nicht sehr
groß. Marten ist jedoch wesentlich stärker motiviert wieder einen
Bruder zu haben. So wird auch symbolisch deutlich, dass das kümmern
von Marten dem Nicht-kümmern von Viktor gegenübersteht. In einer
finalen ersten Szene kommt es zur Rangelei. Beide wälzen sich auf
dem Boden. Dabei wird nicht geschlagen nur gerungen. Bevor es zum
Schlag kommt endet die Szene. Viktor gewinnt. Wir haben es also mit
zwei Brüdern zu tun, die unterschiedliche Strategien im Umgang mit
der Vergangenheit gewählt haben. Sie unterscheiden sich deutlich in
Charakter und Motivation. Bis hier hin werden beide Charaktere
eingeführt und es ist eine Geschichte zwischen Brüdern.
Die wirkende Vergangenheit entsteht
aus einem einzigen Fehler, so die Darstellung. Die Jugendlichen
Kinder trinken aus dem Alkoholschrank des Vaters einen kurzen. Der
Vater bemerkt dies und will nun die beiden abfüllen. Er fordert
beide auf zu-zuprosten - Stille. Der jüngere fast sich ein Herz
und prostet zu, ohne zu trinken. Der ältere Bruder tut nichts.
Dies
hat katastrophale Folgen. Der aufmüpfige jüngere Bruder wird immer
wieder vom Vater unter physischen Gewalteinfluss erzogen. Der ältere
Bruder (und Mutter) tun nichts. Auch andre Dorfbewohner tun nichts.
Dieses Muster setzt sich fort bis der Vater von der Mutter getötet
wird und die jungen nach Hamburg ins betreute Wohnen umziehen. Diese
Gewaltszenen werden immer dann eingeblendet, wenn der ältere Bruder
in Berührung mit einem Ort des Konflikts gerät.
Nun ist
nicht ganz klar welche Geschichte erzählt werden soll. Die
Motivation des älteren Bruders oder das Verhalten der beiden Brüder.
Zunächst läuft beides nebenher. Marten beginnt zu erzählen, dass
die Mutter aus dem Gefängnis kommt und er sich nach einer schweren
Krankheit vorgenommen hat sie als Familie abzuholen. Gleichzeitig
will er den jüngern Bruder "erst mal ankommen" lassen. Und
gleichzeitig ist es nur ein Wochenende. Es sind also zwei
offensichtliche und eine unsichtbare Variable die die Tiefe des
Nordstrands ausmachen.
Im nächsten Kapitel gibt es Szenen
die Spannung aufbauen. Zum einen verfestigt sich die
Gegensätzlichkeit und zum anderen entsteht doch so etwas wie eine
brüderliche Vertrautheit. Als Viktor wortkarg bleibt, beginnt Marten
von jenem Schrank Alkohol in sich hinein zu schütten. Er steht vor
dem Spiegel und betrachtet sein Abbild. Und er schüttet weiter etwas
in sich hinein. Er verträgt nicht viel und will zu seinem Bruder.
Dieser hat die Tür seines Zimmers allerdings abgeschlossen. Er liest
einfach, tut so als wäre er nicht da. Erst als Marten ihm vor die Tür
kotzt reagiert Viktor und hilft ihm auf. Er stützt ihn und bringt
ihn ins Bad. Danach folgt so etwas wie ein persönliches Gespräch.
Marek eröffnet, dass er bei der letzten Operation „fast drauf
gegangen“ wäre und er deshalb sich in den Kopf gesetzt hat
„Mutter“ als Familie vom Gefängnis abzuholen. Diese Vertrautheit
und Gegensätzlichkeit steigert sich, kühl, ohne große Gesten, ohne
große Mimiken – einfach weil die Zeit voranschreitet.
Zwischen diesen drei persönlichen und
intimen Sphären tauchen zwei Protagonisten von außerhalb der
Familie auf. Zum einen Enna und zum anderen (ich nenne sie mal) eine
Vertraute Person der Mutter. Enna ist die Dorfliebe von Viktor. Enna
taucht für kurze Momente auf und geht wieder zurück zu ihrem Mann
und ihr Kind. In einer Szene besucht sie die beiden Brüder am
Strand. Es entsteht so etwas wie eine Vertrautheit von früher und
sie setzt sich auf den Schoß von Viktor. Kurz darauf geht sie aber
auch schon wieder. Sie bleibt nicht zum Abendessen. Es bleibt eine
angedeutete Vergangenheit. Die Beziehung der beiden wirkt zwar
durchaus vertraut, aber auch ganz schön unterkühlt.
Die Vertraute der Mutter taucht einfach
auf und möchte mit den beiden reden, besonders mit Viktor. Marten
verlässt das Zimmer und lauscht an der Tür. Sie kommt relativ
schnell auf den Punkt. Deine Mutter hat es immer so dargestellt, als
ob alles in Ordnung wäre. Ich merke aber „du hast eine Wand um
dich gebaut....Weißt du warum du auf der Welt bist?“. Viktor
entgegnet nun mit der Gegenfrage. Sie antwortet „das ist so
komplex, dass kann ich gar nicht mit Worten beschreiben, aber ich
fühle einen Sinn meines daseins“. Das Gespräch endet mit den
Worten „du bist wie Gift für Enna“. Es ist überraschend, dass
die ältere Dame auftritt. Sie taucht aus der Verlassenheit der Insel
auf und liefert Informationen, bzw. eine Dramatik, die die
nachfolgenden Szenen rechtfertigen. Sie lässt den jüngeren Bruder
nicht ankommen, sondern konfrontiert ihn, nach mehreren Jahren direkt
mit den Fakten. Das wirkt ziemlich unrealistisch und auch ein wenig
unfreiwillig komisch. Viktor begegnet dem gleichgültig „ich glaub
jetzt nicht an Jesus oder so“. Diese Szene wirkt enorm, da die Frau
ja nur einmal auftaucht. Und da sie ja bisher verborgen blieb.
Trotzdem liefert sie enormes Insiderwissen und einen Blick auf den
bisher undurchschaubaren Viktor. Er habe sich eingemauert. Es gehe
nur noch um ihn selbst. Ein Egozentriker, ein Verlassener, einer der
nur seine eigenen Interessen verfolgt. Dies wird auch schlüssig,
denkt man daran, dass die Geschichte der gemeinsamen Brüder
eigentlich nie intensiv erzählt wurde, sondern nur angedeutet blieb.
Doch dabei bleibt es nicht. Mit dem Vorwurf des Vergiftens wird klar
was genau die Insiderin meint.
(…) auf zum Finale.
Kritik:
Man
darf den Titel ziemlich wörtlich nehmen. Und damit ist nicht
unbedingt der Drehort gemeint. Der Zuschauer soll das Gegenteilige
zum Südstrand wahrnehmen. Es soll das Gegenteil von Sonne, Freude,
Palme und Party sein. Es geht darum eine Geschichte zu erzählen, die
unbequem ist.
Der
Kinofilm Nordstrand erzählt die Geschichte von Marten. Er ist nach
längerer Zeit wieder nach Hause gekommen. Wie viel Zeit dazwischen
liegt erfährt der Zuschauer nicht. So bleibt es eine
undurchschaubare und gewollt, nicht ein schätzbare Distanz. Dies
verdichtet zum einen die Intensität und Kategorisiert nicht. Auf der
anderen Seite könnte man sich auch die Frage stellen, sind es jetzt
zwei, vier oder zehn Jahre. Der Zuschauer muss damit leben, dass er
eine Darstellung beobachtet, die er eben nicht mit einem zeitlichen
Vorurteil belegen kann. Dies ist meines Erachtens die größte Stärke
des Films. Ohne zu viel zu erzählen schreitet der Film voran und
lässt damit genug Raum für Interpretation und Spannung.
Die
Motivation ist die einer Familienzusammenführung. Dies gelingt
zunächst, als der jüngere Bruder tatsächlich auch ankommt. Schon
bald erfährt der Zuschauer, dass es eigentlich darum geht, dass
Marten nicht erkaltet ist und gerne die Vergangenheit aufarbeiten
würde. Viktor ist das kontrastierende Rollengegenteil. Er hat damit
abgeschlossen. In diesem hilflos wirkenden Versuch Martens und dem
kühlen abblocken Viktors entfaltet sich die Intensität, die Gewalt
des Kinofilms Nordstrand.
Hier spaltet der Film sicherlich die
Geschmäcker der Kinozuschauer. Es gibt Besucher, die sich mit dieser
leisen, subtilen Gewalt sehr gut identifizieren können und dies sehr
gut nachvollziehen, verstehen können. Und auf der anderen Seite gibt
es Zuschauer, die dies eben nicht können. Die eine drastische
Darstellung benötigen um ein gewisses Niveau von Intensität zu
erreichen. Allerdings wenn man in Gewaltkontexten unterwegs ist wird
man feststellen, dass sich die Formen von Gewalt sehr stark
differenzieren und eben nicht nur schwarz und weiß beinhalten.
Fazit:
Ein Film der nicht greifbar,
Kategorisierbar und bequem ist.