Nicht jedermanns Geschmack wäre sicherlich kein unpassendes Prädikat für Claude Millers "La Classe de Neige".
Nicolas mangelt es an Selbstvertrauen, was durch die überbesorgte Fürsorglichkeit seines Vaters zusätzlich befördert wird. In seiner kindlichen Wahrnehmung vermischt sich die Wirklichkeit mit albtraumhaften Interpretationen und Visionen grauenhafter Ereignisse und Katastrophen. Von seinen Klassenkameraden wird er gehänselt und seine Lehrer finden keinen Zugang zu Nicolas, der sich zusehends in eine eigene, andere Realität zurückzieht. Während eines Skiausflugs mit seiner Klasse freundet sich Nicolas mit dem Klassentyrann Hodkann an. Als in den umliegenden Wäldern ein ermordetes Kind gefunden wird, scheinen sich Nicolas grauenhafte Visionen zu bestätigen. Zusammen mit Hodkann macht er sich daran, den Zusammenhang zwischen dem Verbrechen und seinen Visionen zu untersuchen.
Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte des kleinen Nicolas als typische Coming-of-Age-Story, tatsächlich ist der Film aufgrund subtil eingeflochtener Mystery-Elemente und einer Konstellation aus latent beunruhigenden Konfliktsituationen ein waschechtes Psychodrama, bei dem es unter der harmlos anmutenden Oberfläche ordentlich gärt. Konsequent befördert Miller vor dem Idyll einer winterlichen Schneelandschaft das Grauen, welches den Zuschauer nicht überfallartig anfällt, sondern vielmehr wie ein kaltes Frösteln allmählich heimsucht.
Das Erzähltempo ist langsam, die Erzählweise zumeist ruhig und geradezu beschaulich. Dennoch bricht das aufgestaute Gewaltpotential in einigen Szenen in recht drastischer Darstellung hervor. Ab und an verliert der Film dann auch jegliche Verhaftung mit der Realität, da kindliche Vorstellungskraft alle Grenzen der Wirklichkeit aufhebt (exemplarisch sei eine Szene genannt, in der ein abgetrennter Kopf und andere Körperteile ein blutiges Eigenleben entwickeln). Eine andere Szene erinnert sehr an die groteske Tanzszene der Hinterwäldler in Fabrice du Welz' "Calvaire", wobei aufgrund der Entstehungszeit Millers Film natürlich du Welz die Inspiration geliefert haben muss.
Die oft bizarren, fiebrigen Phantasien des jungen Protagonisten werfen für den Zuschauer nur vordergründig die Frage auf, was real und was eingebildet ist. Viel eher sollten die Traumbilder als die Weltsicht eines Jungen an der Schwelle zur Pubertät aufgefasst werden, der sich auf diese Art und Weise eben diese Welt, seine Gefühle, seine Ängste und Nöte erklärt. Makabrer Humor spielt dabei keine untergeordnete Rolle. Allerdings bleibt am Ende des Films das beklemmende Gefühl, dass die Realität mindestens genauso grausig sein kann, wie die Phantasie. So ist "Die Klassenfahrt" nicht nur eine nostalgische Reminiszenz an die Wahrnehmung der Welt im Kindesalter und auch keine bloße Erinnerung daran, wie schwierig sich das Erwachsenwerden gestalten kann.
Denn am Ende ist nicht sicher, was tatsächlich geschehen ist und der Film bleibt eine endgültige Bestätigung des schrecklichen Verdachts schuldig, der in den letzten Szenen vermittelt wird. Hier ist die Vorstellungskraft des Zuschauers gefragt, dem die Entscheidung nicht abgenommen wird, ob sich Nicolas einmal mehr nur in eine Traumwelt flüchtet, oder ob die Ereignisse auf dem Fernsehbildschirm die Realität abbilden.
"Die Klassenfahrt" ist ein in sich stimmiges, albtraumhaftes Psychoszenario, das sich spannungstechnisch jedoch nicht allzu sehr um den Zuschauer bemüht. Die Rezeption setzt die Geduld und Bereitschaft des Zuschauers voraus, sich auf eine ruhige, gediegene, bilderbuchartige Erzählweise einzulassen, welche auf konventionelle (und verbalisierte) Erklärungen zumeist verzichtet. Wer sich den beschriebenen Inhalten zugeneigt fühlt und sich eine Interpretation ohnehin nicht gerne vorschreiben lässt, der dürfte mit "Die Klassenfahrt" nicht ganz falsch liegen. Knapp 7 / 10 Schneeflocken.