Don’t ask what your retirement home can do for you, ask what you can do for your retirement home!
Getreu diesem etwas abgewandelten, aber immer noch stark motivierenden Leitspruch machen sich Elvis Presley und John F. Kennedy auf, ihr gemeinsames Seniorenheim vor einer meuchelnden Mumie zu retten. Klingt schwachsinnig? Ist es auch. Aber darüber hinaus ist es auch überaus amüsant, was Don Coscarelli (Phantasm) da mit schmalem Budget und offensichtlich umso größerem Herz auf die Leinwand zauberte.
Allein die Idee, die hinter der „Wiederauferstehung“ der beiden Protagonisten steckt, ist so herrlich absurd, dass man sie sich schon mehrmals durch den Kopf gehen lassen sollte, um den Phantasiereichtum in voller Gänze greifen zu können: Elvis (Bruce Campbell) wollte sich in den 70er Jahren ein paar Tage Auszeit gönnen und schickte an seiner Stelle den begnadeten Elvis-Imitator Sebastian Haff auf die Bühnen dieser Welt. Alles ging gut, bis Haff eines Tages starb. Alle Welt trauerte um den King… und der eigentliche King konnte, um seine Glaubwürdigkeit und den Mythos um seine Person zu wahren, nicht wieder aus seinem „Urlaub“ zurückkehren.
Einführend befasst sich der extrem Comedy-lastige Low-Budget-Grusler „Bubba Ho-Tep“ mit eben dieser Geschichte zum tatsächlichen Verbleib des Kings of Rock’n’Roll und dem aktuellen körperlichen und geistigen Zustand des einstigen Lieblings tausender kreischender Teenies: Wir sehen dabei einen gebrochenen Mann, der nichts von dem Ruhm und Glanz früherer Zeiten verspüren lässt. Das letzte bisschen Würde wurde ihm in jenem Moment geraubt, als er – der King himself – als Elvis-Imitator auftrat und sich bei einem Sturz die Hüfte brach. Seitdem kann er sich nur unter Schmerzen und meist nur unter Zuhilfenahme einer Gehhilfe fortbewegen. Von der Krebserkrankung an seinem besten Stück und der Tatsache, dass er schon seit Jahren keine Erektion mehr hatte, wollen wir erst nicht weiter sprechen… Diese gebrochene Persönlichkeit wird verkörpert von einem Bruce Campbell (Evil Dead), der sich hier in absoluter Höchstform präsentiert. Seine zynischen, herrlich im Elvis-Style genuschelten Kommentare aus dem Off sind eine wahre Freude, auch wenn es dem deutschen Zuschauer nicht immer leicht fallen dürfte, diesen Worten gänzlich zu folgen. Ja, seine gesamte Interpretation der Figur „Elvis Presley“ (oder vielleicht doch „Sebastian Haff“?) ist einfach anbetungswürdig und macht eigentlich den Großteil des „Must-See“-Charakters von „Bubba Ho-Tep“ aus.
Ein ähnlich tragisches Schicksal wie den King ereilte den US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy (Ossie Davis), der Opfer einer CIA-Verschwörung wurde und nun, nachdem er „umgefärbt“ wurde, als Afro-Amerikaner Jack gemeinsam mit Elvis seine letzten Stunden im Seniorenheim fristet. Ossie Davis komplettiert damit in seiner Rolle des JFK das wohl kauzigste Duo seit Walter Matthau und Jack Lemmon.
Und einige Zeit „leidet“ man förmlich mit unseren beiden Helden. Man „leidet“ mit ihnen bis zu jenem Tag, an dem sie einer altägyptischen Mumie auf die Schliche kommen, die sich von den Seelen der Seniorenheim-Bewohner ernährt. Es ist der Tag, an dem für beide das Leben wieder einen Sinn zu haben scheint. Elvis hat an jenem Tag die erste Erektion seit Jahren, nicht nur durch die Gleitcreme-Behandlung der Pflegerin provoziert, sondern vor allen Dingen – wie er uns wissen lässt – dadurch, dass er sich nach langer Zeit endlich wieder für etwas wirklich interessiert… So kann man „Bubba Ho-Tep“ auch als Film über das Wieder-Aufblühen von Leben an einem Ort des Todes sehen. Ja, eine Erektion kann voller Symbolik stecken, wenn man nur genauer hinschaut. Neue Kraft fließt durch die Venen von Presley und Kennedy, und beide wollen diese neue Kraft investieren, um dem Rätsel um die mysteriöse Mumie auf die Schliche zu kommen. Und so brechen Elvis und JFK aus dem tristen Alltags-Einheitsbrei ihres Altersruhesitzes aus und mausern sich wieder zu jenen starken Persönlichkeiten, als die man sie immer in Erinnerung hatte. Es wird mit den Vorurteilen gebrochen, alte Menschen seien zu schwach, um sich gegen etwas aufzulehnen; nein, diese beiden Helden nehmen den Kampf auf und erweisen sich als Brüder im Geiste, die alles dafür tun, damit sie und ihre „Mitinsassen“ wieder ein ruhiges Leben leben können. Dass die neu gewonnene Kraft nur psychischer, jedoch ganz und gar nicht physischer Natur ist, stört unsere Helden bei ihrem Kreuzzug ganz und gar nicht, und gerade das macht ihr Unterfangen noch sympathischer.
Den „Kreuzzug“ der beiden Protagonisten inszeniert Don Coscarelli vollkommen unspektakulär und dennoch irgendwie ungemein eindringlich. Sicherlich wird der Zugang zum Geschehen durch das sympathisch verschrobene Schauspiel Campbells und Davis’ erleichtert, was den handwerklich eher mittelmäßigen Anstrich des Gesehenen weitestgehend vergessen lässt. Wenn man es dennoch wagt, an der Oberfläche von „Bubba Ho-Tep“ zu kratzen, bleibt eigentlich kein anderes Urteil übrig als das, dass Coscarelli aus dem zur Verfügung stehenden das Bestmögliche gemacht hat.
Und aus diesem Minimalistentum heraus ist – getragen durch Schauspieler, die in die Vollen gehen – eine Perle des Low-Budget-Films entstanden, die enormes Potential zum Kultfilm hat; ein Prädikat, das vielen Filmen viel zu voreilig zugesprochen wird und nur in den seltensten Fällen treffend ist. „Bubba Ho-Tep“ ist einer jener seltenen Fälle… einfach ein Film zum Abfeiern!
All is well! 8,5/10