Review

Erste Verfilmung des 1930 veröffentlichen Romanes „The Murder at the Vicarage“, der hier im Auftrag des ZDF als im Grunde bessere Theateradaption schon mit einigen wenigen filmischen Mitteln, aber im Großteil über die Wiedergabe des Stoffes per Dialog und anhand der erfahrenen Darsteller funktioniert. Die Bearbeitung des Stückes, dass sich einmal quer über das englische Provinzdörfchen St. Mary Mead und die Anwohner, vor allem auch die nähere Umgebung eines Waldes und so auch abseits des Pfarrhauses als Tatort verteilt, wird hier auf die Innenräume desselben, allen voran das Arbeitszimmer des Vikar, in dem der Tote auch gefunden wird rationalisiert. Ähnlich ergeht es dem Inhalt selber, der nun fern von Ablenkungen und trotzdem auch ohne Kenntnis des Textes, mit Sachkunde allerdings höchstwahrscheinlich noch besser funktioniert:

St. Mary Mead, ein kleines Dorf im Südwesten Englands. Gemeindepfarrer Reverend Leonard Clement [ Herbert Mensching ] findet bei der Heimkehr in seine gute Stube Colonel Hampton, mit dem er zu einem Gespräch über die Unterschlagung von Kirchengeldern verabredet war, ermordet an seinem Schreibtisch vor. Schnell gesteht der im Anbau des Pfarrers ein Atelier unterhaltende Maler Lawrence Redding [ Heinz Bennent ] die Tat, und ebenso schnell auch die nunmehrige Witwe Anne Hampton [ Edith Schneider ]. Das beiderseitige Geständnis entpuppt sich für den ermittelnden Detective Inspektor Slack [ Willy Semmelrogge ] allerdings rasch als gegenseitigen Liebesdienst, haben die beiden doch eine heimliche Affäre miteinander gehabt und passen die Aussagen nicht zur Tatzeit und -ort. Verwirrender wird das Geschehen noch, als die unmittelbare Nachbarin des Pfarrers, die Altjungfer Miss Marple [ Inge Langen ] ihre Beobachtungen und damit auch gleich mehrere Verdächtige, wie die junge Pfarrersgattin Griselda Clement [ Ingrid Capelle ], das Hausmädchen des Geistlichen, Virginia Hampton [ Helga Anders ], die aufreizende Tochter des eh überaus unbeliebten Ermordeten, und auch den Finder der Leiche selber präsentiert.

«Nichts an einem Verbrechen ist jemals gewöhnlich.»

Positiv auffällig sind dabei durchaus die Kürzungen, die nun angesichts des eingeschränkten Wirkungskreises und isolierten Schauplatzes zum besseren Nachvollziehen des engen Zeitplanes nötig sind. Gestrichen sind im Grunde die nebensächlichen Randfiguren und subplots, die das Geschriebene Wort durchaus bereichern und ein besseres Porträt der Zeit um die Dreißiger des Vergangenen Jahrhunderts, zwischen den beiden Weltkriegen zeichnen, für das kriminalistische Rätsel aber eher vernachlässigenswert sind. Auffällig sind auch und dies zwar eher seltsam die Veränderungen einiger Personennamen, wird aus Protheroe hier Hampton und aus Lettice die simple Virginia, was einhergeht mit der Eindeutschung der 'Miss Marple' zu einem 'Fräulein Marple', sind die Figuren aber dennoch einprägsam genug an das Original angelehnt, ohne sich zu sehr der exakten Wiedergabe, einer einfachen Kopie zu begnügen.

«Ich mag Miss Marple eigentlich», sagte ich. »Sie hat zumindest Sinn für Humor. » – Sie ist die schlimmste Katze im Dorf. Und sie weiß immer alles, was passiert, und zieht daraus die schlimmsten Schlüsse.»
 
Angesichts der späteren beiden britischen Verfilmungen muss man hier die Wahl der meisten Darsteller tatsächlich auch den Vorzug geben, gerade gegenüber der 2004er Fassung der ITV, die zwar auch mit bekannten Namen verteilt, aber schauspielerisch selber die große Lachnummer, das zwischen amüsant und ärgerlich schwankende Laientheater und vermehrt ein abschreckendes Beispiel ist. Hier wie dort ist nur gemeinsam, dass in beiden die Titelfigur, also die der Jane Marple am Versagen und/oder unpassend zu den meisten Vorstellungen der Leser im Kopf ist. Die Inge Langen hier ist mit knapp 45 viel zu jung, zwar passend auf eine alte Jungfer getrimmt, aber zudem recht unsympathisch, als nachspionierende, sich ständig ungefragt einmischende, kein eigenes Leben habende Jungfer mit auch einer gewissen Kälte im Wesen und Blick formuliert. Eine gelinde gesagt andere Herangehensweise (mit aber eigener prägnanter Note) an die ikonische Figur, an dessen Antlitz und Gehabe man sich erstmal gewöhnen muss, besonders auch deswegen, weil der Rest der Personen eigentlich durch ihre jeweiligen Verkörperungen gewinnt.

So ist gerade der Inspektor ein kleiner Beißer, ein aggressiver Mensch, der den zu Befragenden wenig Atempause, wenig Zeit zu Überlegungen und auch wenig Distanz lässt; bei jeder Frage gleich direkt auf die Nähe rückt und sich um so etwas wie persönliche Intimzonen keinen großen Deut schert. Redding, der in dem Buch als charmanter Frauenheld und Schwarm wirklich aller Damen beschrieben ist, wirkt hier auch tatsächlich wie ein Mann, dem dies zuzutrauen ist, und durch die junge (und jung verstorbene) Helga Anders als früh heranreifendes, provokantes, um ihre Wirkung wissendes 'Flittchen' im Minikleid mit Reiterstiefeln wird tatsächlich so etwas wie Zeitgeist und auch diesbezügliche 70er Jahre Erotik – der Text wurde auch zum aktuellen Datum, also mit Tom Jones im Radio etc verlegt – initiiert.

Selbst das Umfeld, also das Szenario, in dem das gegenseitige Belauern und Belügen und Verführen und Intrigieren stattfindet, gewinnt rasch mit der Zeit; ist das Bühnenhafte der Situation nicht abkömmlich, sondern gewinnend im späteren Moment. Eine gewisse Aufdringlichkeit der Kamera, die bei der ersten Einstellung am Esstisch und der Einführung der Handlung noch gestellt und auch anstrengend wirkt, verschwindend mit weiteren Fortgang, indem man den Darbietungen der Darsteller, besonders der männliche Verbund Semmelrogge, Haneke, Bennent, Mensching fern von Firlefanz intensiver folgt. Auch hier wirkt es zu Beginn weniger wie ein ruhiges Pfarrhaus, wenn gefühlte Hundertschaften durch alle möglichen Türen und Fenster wie auf einem Bahnhofsvorplatz hereinmarschiert kommen und ihre Sätze kundmachen tun, und ist die Einrichtung recht zusammengestückelt und fern von dekorativen Geschmack. Ein Basar, ein permanentes Kommen und Gehen. an dem kein Rückzug möglich ist und die moralischen Zersetzungserscheinungen ungehindert ihren Bann brechen.

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