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Der Stadtstreicher, der älteste noch erhaltene Kurzfilm Rainer Werner Fassbinders, beginnt mit einer einfachen, aber großen Einstellung. Eine abfahrende Tram gibt den Blick frei auf Münchens nächtlichen Straßenverkehr. Doch Fassbinder interessiert etwas völlig anderes abseits dieser pulsierenden Ader. Nur vom Verkehrslärm untermalt wird der Blick frei auf einen Mann mittleren Alters, offensichtlich angetrunken. Der Fusel neben sich und seiner Aktentasche wirkt er in seiner Aufmachung wie der feine Herr unter den Clochards. Seine Kleider schmutzig, der Stoppelbart ungepflegt, so könnte er nach einem Arbeitstag und dem ein oder anderen Saufgelage plötzlich gestrandet sein.
Sein Verlassen der Haltestelle gibt den Blick frei auf ein Warnschild feinster deutscher Amtskultur. Der Stadtstreicher legt seine Tasche auf einem Abfallkorb ab und stützt sein Gesäß gegen diesen, ganz als werfe er sein Leben auf den Müll. Er wäscht sich flugs das Gesicht in einem Brunnen, blickt kurz darauf zu Boden und findet eine Pistole. Die Klänge Händels und Beethovens untermalen fortan die Ballade von dieser armen Kreatur.

Fassbinders Absichten sind antiklimatisch, wenn man nach einem Actionschema denkt, ja verlangt, daß sich ein Mensch mit einer Waffe doch durchsetzen und einen Platz in der ihm feindlichen Welt beanspruchen würde. Für den Stadtstreicher wird die Pistole jedoch zu einer Last. Zunächst psychisch hin und her gerissen sagt das Vertrauen der Bedienung in einem der herbstlichen Witterung geschuldet verlassenen Biergarten schon vorraus, welcher Natur der Protagonist sein könnte. Just als er die Waffe weggeworfen, trägt die junge Frau ihm das Objekt nach, gestriffen von den Blicken zweier Beobachter, die später noch eine Rolle spielen werden.
Der Stadtstreicher ist kein Gangster, sondern wandelt sein verspieltes Interesse für das Mordinstrument in verlegenes Versteckspiel. Seine Nahrung besorgt er sich bettelnd. Eine Einstellung zeigt ihn im direkter Gegenüberstellung mit Jesus. Fassbinder läßt seinem Protagonisten die Pistole in dem sich lethargisch fortwalzende Kurzfilm schließlich fast schon spielerisch abnehmen, als er folgend seinem letzten Abendmahl damit liebäugelt sich das Leben zu nehmen.

Rainer Werner Fassbinder gab zu, daß Der Stadtstreicher viel mit Rohmers Im Zeichen des Löwen zu tun habe, welcher ein ganz großer Film für ihn gewesen sei. Die sehr karg ausgestattete Melancholie spricht übergreifend für Studien in Neorealismus und Nouvelle Vague. Was Fassbinder mit diesen wenigen empathischen Schwarz/Weiß-Bildern erreicht ist eine tiefe Traurigkeit über das Schicksal der Figur. Er spricht nicht direkt die Legitimation des Selbstmordes an, sondern führt vielmehr den Charakter dieses Menschen vor, der passiv ist, nicht Schwein genug, um sich durchzusetzen. Daß ihm dieses Wesen selbst bei der Aufgabe seiner Existenz noch einen Strich durch die Rechnung macht ist tragisch.
Doch führt uns diese Passion gleichwohl eine heilige Reinheit vor Augen? Obschon der Wandel dieser Figur als minimalst schadhaft erscheint, die Schuld wohl sogar bei denjenigen zu suchen ist, die es erst soweit kommen ließen, daß dieser Mensch ein ausgestoßenes Dasein fristet, so sagt uns unser menschlicher Instinkt doch auch, daß Selbstaufgabe nicht der richtige Weg sein kann. Eine Lösung wird daher immer die Wertschätzung der einen sowie den Willen der anderen Seite erfordern. Kopf hoch Stadtstreicher, auch du bist ein Mensch. Vorurteilsfrei wie dieses Werk.

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