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1965 gelang einem gewissen Roman Polanski mit "Ekel" der internationale Durchbruch, was Autor und Regisseur Sebastián Silva mit seinem thematisch ähnlich gelagerten Streifen eventuell auch gelingen könnte. Allerdings muss man sich voll und ganz auf die bedrückende Atmosphäre und die Sichtweise der Hauptfigur einlassen, denn ansonsten geht die Intention gnadenlos am Zuschauer vorbei.

Chile: Alicia (Juno Temple) wollte eigentlich ihre Cousine Sara (Emily Browning) besuchen, doch diese ist für zwei Tage in Santiago beschäftigt, während Alicia mit den Jungs Brink (Michael Cera) und Augustin (Augustin Silva) auf einer spärlich bewohnten Insel Zeit verbringen muss. Alicia isoliert sich zusehends von ihrer Außenwelt und fühlt sich alsbald von den Jungs bedroht...

Alicias Sichtweise bildet die komplette Grundlage der Erzählung, was diese teilweise ein wenig verwirrend erscheinen lässt. Nach eher bedächtiger Einführung macht sich zunehmend eine beklemmende Stimmung breit, was nicht erst mit der Attacke eines Hundes und der vermeintlichen Annäherung Brinks einsetzt. Alicia wirkt latent unsicher, blickt merkwürdig auf ihr eigenes Spiegelbild und leidet unter vehementen Schlafstörungen, wobei eventuelle Ursachen nie wirklich durchsickern. Ohnedies geschieht eine Stunde lang im Grunde nichts, was die Story entscheidend vorantreibt, - alles verläuft als schleichender Prozess, was dem Publikum eine Menge Geduld abverlangt.

Entsprechend sollte man keinen Terror erwarten, denn dieser spielt sich eher in der Phantasie des Zuschauers ab, welcher sich im Verlauf einige Erklärungen selber formen muss.
Natürlich gibt es kleinere Hinweise und an einigen Stellen spricht Alicias Körpersprache Bände, doch im Kontext mit ihrem Umfeld wird über weite Teile nicht gleich klar, wer hier wem übel mitspielt oder ob sich vielleicht doch nur alles als eine komplette Wahnvorstellung entpuppt. Insofern erwartet man gegen Ende natürlich so etwas wie einen Paukenschlag, doch dieser bleibt leider aus, was in Anbetracht des plötzlich einsetzenden Abspanns ein wenig ratlos zurücklässt oder die Pointe mit einem gleichgültigen "Ja und ?!" quittiert.

Und dabei liefert Juno Temple eine Performance par excellence ab, da sie ihre ebenfalls durchweg überzeugenden Kollegen in nahezu jeder Szene an die Wand spielt. Allein die Momente, in denen sie als Alicia krampfhaft versucht, ihre scheinbare Selbstsicherheit mit quälendem Lächeln unter Beweis zu stellen ist grandios, aber auch Michael Cera überrascht als unberechenbarer Typ, dem man jederzeit eine impulsive sadistische Ader zutraut.
Ebenfalls überzeugend ist die unaufgeregte Kamera, welche Alicias Sichtweise adäquat untermauert, wobei einige Unterwasseraufnahmen durchaus ästhetisch eingefangen sind und eine 08/15-Insel schon mal erschreckend bedrohlich erscheinen lässt.

Was bei alledem fehlt, sind glaubwürdige Charakterentwicklungen mit ein wenig Background, denn hiervon erhält der Betrachter lediglich Ansätze, jedoch nie fundiertes Material, welches in die eine oder andere Richtung lenken könnte, woraufhin der Stoff über weite Teile schlicht zu unentschlossen daherkommt. Polanskis Pendant brachte seinerzeit Anzeichen ins Spiel und ließ Taten folgen, - dieses klammert Silva bewusst aus und quittiert das Treiben mit einem undurchsichtigen Ritual, welches nur noch mehr Fragen in den Raum wirft.
Der Chilene entwirft im Endeffekt einen Grundriss, welcher nicht mehr als karge Räumlichkeiten ins Spiel bringt, - die Endausstattung bleibt mehr oder minder dem Zuschauer überlassen und da sollte sich jeder überlegen, ob er sich in der Stimmung eines Raumausstatters befindet...
5,5 von 10

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