Renny Harlins Piratenspektakel gilt auch heute noch als einer der finanziell furchtbarsten Flops aller Zeiten. Bei Produktionskosten von mehr als 90 Millionen Dollar spielte er lediglich ein Zehntel wieder an der Kasse ein.
Unter dem Strich ist das ein wenig unverdient, denn so schlecht ist der Film nun auch wieder nicht, aber offensichtlich sind seine Fehler schon.
Harlin setzt auf das totale Spektakel, Action ohne Pause und davon reichlich. In einem richtigen Actioner muß immer was los sein und Renny macht was los.
Und dafür setzt er jedes bekannte Bild und damit auch jedes Piratenfilmklischee in Szene, das die Welt je gesehen hat. Für so etwas muß man klotzen und nicht kleckern, weswegen auch gleich zwei Piratenschiffe in Originalgröße gebaut wurden, ein Finanzwahnsinn, den sich nicht mal James Cameron gegönnt hat.
Die treten dann natürlich gegeneinander an mit vollen Breitseiten und dicken Kanonenkugeln. Da wird geentert und gefightet und sich in den Masten umhergeschwungen, daß es eine wahre Freude ist. Einen Schatz gibt es natürlich zu bergen und der ist versteckt auf einer geheimen Insel samt dreiteiliger Schatzkarte, gehetzt wird man dabei von einem bösartigen Verwandten der Heldin, der Papa muß auch noch gerächt werden, die königlichen Truppen stören zusätzlich und Meutereien müssen auch sein. Hatte ich das Maskottchen-Äffchen der Hauptdarstellerin schon erwähnt.
Knackebunt ist das und gut zusammengesucht. Zu gut, denn nicht nur haben wir das schon bei Errol Flynn und Burt Lancaster tausendmal gesehen, es wirkt auch dermaßen überfrachtet, daß der Film nie zur Ruhe kommt.
Da können auch die Hauptdarsteller wenig helfen, denn die sind hier der größte Schwachpunkt.
Harlins langjährige Ehegattin Geena Davis griff zu des Piraten Töchterlein Morgan, die es voll drauf hat. Und wie so oft, wenn sich Eheleute selbst inszenieren, war die Fehlbesetzung komplett. Davis war nicht nur längst zu alt für diese nach Charme und Exotik verlangende Kunstrolle, sie wirkt auch meist wie eine robuste Landangestellte, die partout auf rotziges Gör mit Jungsmanieren macht. Nur selbst für die härtesten Jungs dürfen flotte Mädels auch mal weiblich sein und das schafft Davis nie. Wenn ich bedenke, was Catherine Zeta-Jones in dieser Rolle hätte erreichen können, das treibt die Hormone in die Höhe...
Nicht viel besser kommt da Matthew Modine weg, der den Dieb und Aufschneider William gibt, der sich als recht hilfreich und ironisch erweist und natürlich mit Morgan happy endet. Zur Ehrenrettung sei gesagt, daß nach Bekanntgabe von Regie und Hauptrolle die männlichen Helden scharenweise die Flucht ergriffen und Matt nicht zweite, sondern eher siebzehnte Wahl war.
Optisch sieht er dem ironischen Sidekick-Helden zwar ähnlich, aber so steif darf kein augenzwinkernder Love Interest mit überraschenden Fähigkeiten daherkommen. So plump Davis zur Sache geht, sieht Modine dagegen nur noch biederer aus.
Gleich zwei gesichtslose Helden in einem nur aus Action bestehenden Film ergeben unter dem Strich dann auch leider eine Null, da hilft auch Frank Langellas unterhaltsame Schurkenrolle des Dawg nicht mehr viel. Auch er muß sich (wie alle anderen) in jedem erdenklichen Klischee suhlen, während um ihn herum der Film uns um die Ohren fliegt. Dazu orgelt ein unsäglich gleichförmiger Score den ganzen Film über, bis wir ihn nicht mehr wahrnehmen.
Wer allerdings auf reichlich Säbelrasseln und Knallerei wert legt, kann sich schön zudröhnen lassen, das schafft Harlin allemal (und hat dies in der gleichen Heiratskombination mit "Tödliche Weihnachten/The Long Kiss Goodnight" auch ein wenig besser hinbekommen). Nur auf einen prickelnden Einfall wartet man vergebens, der will und will nicht kommen. Und so lechzt man trotz buntester Farben, einfallsreichster Kamerafahrten und lautesten Crashs doch nach einer Neuaustrahlung des "Roten Korsaren". Andererseits: wie viele Piratenfilme haben moderne Actionfans denn schon gesehen in den letzten 20 Jahren? Einen vielleicht: "Dotterbart"! (4/10)