Season 1
erstmals veröffentlicht: 22.12.2014
Unverbindliche Themenwechsel, sich willkürlich ablösende oder auch ineinandergreifende Plotstränge und primitive Apelle ans emotionale Zentrum machen das Kleinstadt-Whatever zur unwiderstehlichen Trashbrause, die im Bauch wild und unberechenbar prickelt. Visuell-handwerklich allerdings ist von Trash nur selten etwas zu spüren; der ständige Adrenalinbedarf zieht wahlweise hervorragend inszenierte und punktgenau getimte Actionsequenzen nach sich, die so manchen ernstzunehmenden Genrevertreter alt aussehen lassen, oder packende David-gegen-Goliath-Konstellationen, deren totale Durchschaubarkeit überhaupt erst den Spaß an der Sache ausmachen. Hinzu kommen total überdrehte Gewaltexzesse, die aber so dicht mit Augenzwinkern eingepackt sind, dass sie ausgelassenes Abfeiern ermöglichen.
Antony Starr ist eher noch eine Unbekannte, sein offenbar in Mode gekommener Haupthaar-geht-in-Bartwuchs-über-Affenlook lässt ihn auch weiterhin nicht zwangsläufig aus der Reihe tanzen, allerdings beherrscht er das Modell Boxsack nach Stirb-Langsam-Manier (Motto „Fresse polieren lassen und dabei noch cool aussehen“) 1 a. Die Unglaubwürdigkeit seiner Figur bedient er mit bestmöglicher Glaubwürdigkeit, was ihn nicht zwangsläufig zu einem sympathischen Charakter macht, aber doch zu einem hochinteressanten Satz Sprengstoff.
Mit der Verteilung von Sympathien wird der Zuschauer über 10 Folgen generell eher sparsam bleiben, spielt doch auch Ivana Mili?evi? einen sprichwörtlichen Eisblock, und dies ausgerechnet in der Rolle einer zweifachen Mutter. Allenfalls Frankie Faison strahlt als loyaler Helden-Sidekick etwas Liebenswertes aus, insbesondere in Kombination mit dem herausragenden Hoon Lee, der als schlagfertige Killertunte sogar Nelsan Ellis’ „Lafayette“ aus „True Blood“ in den Schatten stellt.
Alleine aufgrund der Richtungslosigkeit der ersten Staffel gleitet sie automatisch in Case-Of-The-Week-Muster ab, muss sie doch gleichzeitig den komplizierten Werdegang des Hauptdarstellers aufrollen, sich mit Machenschaften in Indianer-Casinos und auf Amish-Farmen auseinandersetzen, mindestens zwei Hauptbösewichte beleuchten (herausragend und ambivalent: Ulrich Thomsen) und natürlich pro Folge nicht nur einen fiesen Antagonisten (Highlight und beinahe schon Spartacus-arenawürdig: Der hünenhafte Albino in Episode 6) , sondern auch mindestens eine ausgiebige Sexszene einbauen, wobei der Selbstzweck dieser Sequenzen lediglich aus der Handlung hervorgeht; tatsächlich ist man darum bemüht, Charaktereigenschaften in die Akte einzubauen, weshalb sie oft deutlich mehr über eine der Figuren verraten, als wenn die gerade ihre Kleidung trägt.
Schnellebiges „Campy-Tainment“ also, das scheinbar gar keine Ordnung finden möchte und mit seiner hochtourigen Fahrweise zumindest über das kurze 10-Episoden-Format als schrille Abendunterhaltung sehr gut funktioniert. Es wird spannend sein zu beobachten, ob die zweite Staffel ein wenig hinter der ersten aufräumen wird oder selbst noch mehr Chaos verursacht. Beide Wege bergen ihren Reiz.
Season 2
erstmals veröffentlicht: 06.01.2017
Man entschied sich also dafür, hinter der wahnwitzigen ersten Staffel ein wenig aufzuräumen. Regelrecht zahm lässt es die zweite zum Auftakt angehen; vom Scenario-of-the-Week jedenfalls ist man deutlich abgewichen, auch wenn rückblickend doch wieder viele Dinge geschehen sind und haufenweise skurrile Nebenfiguren eingeführt wurden.
Dass ein Grande Finale mit Geballer in der Kirche, Zeitlupe und melancholischen Goodbye-Chören dann wieder nicht die kompletten Ereignisse tangieren, sondern nur einen Teil der Erzählung, ist eben doch typisch Banshee, ebenso wie die gewöhnungsbedürftigen Parallelmontagen zweier oftmals völlig unterschiedlicher Handlungsstränge. Dass neuerdings auch öfter mal intime Zwiegespräche (derer gibt es einige, nicht selten von Tränen begleitet) mit den daraus resultierenden Konsequenzen und Folgehandlungen verschnitten werden, gehört dann zu jener Sorte cooler Stilmittel, die bei übermäßiger Anwendung uncool wird.
Ansonsten ist „Banshee“ aber wieder Stil pur – tolle Bild- und Farbkompositionen, unberechenbare Wutausbrüche und Alleingänge (speziell vom Hauptdarsteller, grundsätzlich ist aber jeder verdächtig), Selbstjustiz, wohin das Auge blickt (dito), besinnungsloser Sex ohne Ende (Lili Simmons mit Auszieh-Abo), reinster Rock'n'Roll – und nicht die kurzen Teaser vergessen (nach dem Abspann sitzen bleiben).
„Small Town. Big Secrets“ klingt irgendwie immer noch nach der Mystery-Idylle von „Twin Peaks“. Nach wie vor fungieren Amish-Gemeinde, Indianerstämme und Dorfpolizei als Eckpfeiler der Serie, was die falschen Eindrücke noch weiter vorantreiben kann. Dabei ist „Banshee“ selbst in gedrosselter Ausführung immer noch völlig verrückter Action-Trash mit vielen Problemen und schnellen Lösungen.
Season 3
erstmals veröffentlicht: 12.05.2019
Nehmen wir die wie ein Fresko inszenierte Kirchenballerei im Finale mal heraus (und natürlich diverse Sexszenen), ging es in der zweiten Staffel ausnahmsweise mal nicht um Entladung, sondern um Spannungsaufbau. Die Differenzen zwischen den beteiligten Parteien wurden vor allem unter der Oberfläche zum Kochen gebracht, was eine durchaus spannungsreiche, aber auch eskalationsarme Struktur zur Folge hatte. Bei einer solchen Steilvorlage lässt sich die dritte Staffel nicht lange bitten und liefert wieder eine Dauerejakulation von ausgelebten Rachefantasien.
Zu diesem Zweck werden alte Feindschaften zwischen den amerikanischen Völkern und Lebensstilen neu entflammt und gleich noch ein paar zusätzliche mit in den Topf geworfen. Nazis werden neuerdings am Rande behandelt, bei weitem aber nicht leidenschaftslos; das Militär zeigt seine verschlagene Seite in einem Heist-Subplot, der in der finalen Folge seinen Höhepunkt erfährt. Hacker jagen sich gegenseitig, Vater-Tochter-Probleme werden thematisiert und natürlich rappelt es immer noch unentwegt, wo immer sich Kai Proctor (Ulrich Thomsen) gerade aufhält. Seine Nichte Rebecca (Lili Simmons) sorgt für Ärger im Business und Proctors Untergebener Clay (Matthew Rauch) liefert sich mit Nola (Odette Annable) einen der intensivsten Zweikämpfe der gesamten Serie, und zwar in einer Inszenierung und mit solch einer gnadenlosen Härte, dass einem der Atem stockt. Nicht zuletzt lässt Geno Segers als außer Kontrolle geratener Kriegerhäuptling die Grenze zwischen dem Handeln nach Tradition und reiner Psychopathie zusammenstürzen und mausert sich so zum härtesten Widersacher unseres falschen Sheriffs, so dass man eine finalen Konfrontation über viele Folgen hinweg herbeisehnt.
Das ist reaktionärer Wahnsinn, ein Bullentanz durch die bunte Vielfalt ländlicher Reviere mit der Selbstjustiz als einzig gültigem Gesetz. Mehr als je zuvor baut "Banshee" auf das befriedigende Gefühl, Arschlöcher dabei anzufeuern, wie sie noch viel größere Arschlöcher um die Ecke bringen. Und weil explodierende Dinge so viel schöner anzusehen sind als implodierende Dinge, ist dies vielleicht die beste Staffel bisher.
weitere Staffelbesprechungen können folgen.