Review

Wenn Regisseur Danny Boyle zum Filmevent ruft, dann sind wahre Cineasten und Genrefilmfans nicht weit. So war es bei TRAINSPOTTING, 28 DAYS LATER, SUNSHINE, SLUMDOG MILLIONÄR und 127 HOURS um nur mal aus meiner Sicht die wichtigsten zu nennen. Er erzählt große Geschichten publikumswirksam, aber gibt nicht seinen eigenen Stil auf. Seine Handschrift ist unverkennbar, aber er biedert sich nicht an den Zuschauer an und irgendwie ist das Endergebnis nicht massengerecht aufbereitet und polarisiert. So wird es auch TRANCE gehen. In typischer Boyle'scher Kombination von rauschhaften bunten surrealen Bildern und pulsierendem Soundtrack erleben wir einen trippigen Psychothriller zwischen Realität und Wahnvorstellungen.

TRANCE entwickelt einen hypnotischen Sog und wer sich in ihn fallen lassen kann wird mit Kopfkino belohnt, welches aber gleichzeitig gänzlich kopflastig ist. TRANCE ist aber auch alles andere als massenkompatibles Kino und Freunde gewöhnlicher Thriller werden unter Umständen Reißaus vor der im späteren Verlauf oft beliebig wirkenden und scheinbar unverständlichen Bilderflut nehmen. Boyle Fans wissen aber, auf was sie sich einzulassen haben und werden ihn wie ich in ihr Herz schließen. Die Geschichte in der Kombination eines Kunstraubs und Hypnose ist einerseits so einfach, andererseits in den Details so komplex, dass ich auf eine hier schon vorhandene Inhaltsangabe aus Platz- und Spoilergründen verzichte.

Interessenten werden sich sowieso mit dem Trailer auseinandergesetzt haben. Wie so oft, verrät dieser meines Erachtens viel zu viel und auch ich habe ihn nach der Hälfte abgebrochen um nicht noch mehr Vorabinformationen zu bekommen. Diese Informationsbeschränkung hat sich gelohnt. Direkt und zunächst ohne Vorspann beginnt die Handlung und Simons (James McAvoy) Stimme aus dem off erklärt das Business des Kunstdiebstahls. Sofort wird mit einigen Mainstream-Regeln des Films gebrochen, er schaut dabei teilweise in die Kamera. Aber sogleich ist man mitten im Film und in der Geschichte, in der neben Simon noch Gangster Franck (Vincent Cassel) und Ärztin Elisabeth (Rosario Dawson) das darstellerische Dreigestirn bilden.

Durch die Betonung der audiovisuellen Komponeten geraten die schauspielerischen Leistungen etwas in den Hintergrund, aber die 3 Protagonisten gefallen und bilden ein gutes Team. Cassel gewohnt "over-the-top", McAvoy solide bis angenehm psycho und Dawson als Femme Fatale, die ich persönlich nicht für eine Idealbesetzung halte und auch ihre werbemäßige Synchrostimme wirkte für mich zu manieriert. Das Erstere geht allerdings im Filmrausch unter, zum Zweiteren kann TRANCE ja nichts. Regisseur Boyle ordnet sowieso der Geschichte alles unter. Er schert sich nicht viel um eine sonst übliche mehr oder weniger ausführliche anfängliche Charakterentwicklung seiner Hauptfiguren. Dabei bietet alleine schon das Basis-Grundgerüst der Story eine komplexe Vorlage die für einen ganzen Film ausreichen würde.

Aber für Boyle ist das erst der Anfang einer traumartigen Reise in der er den Zuschauer entführt. Andere würde daraus 3 Filme machen, er packt alles in einen und dementsprechend vielfältig wirkt TRANCE auf uns. In dieser Weise erinnert er mich an INCEPTION und dessen Eigenheit, dass man auch bei nur 3 Sekunden nicht vorhandener Aufmerksamkeit dachte etwas zu verpassen. Der Sound spielt bei Danny Boyle eine wichtige Rolle in seiner audio-visuellen Bombardierung des Zuschauers und auch bei TRANCE gibt es den typischen Elektro- bzw. tranceartigen Sound mit pulsierendem Rhythmus und auch mal ruhigere Passagen. Generell sind fast alle Bilder (außer den Dialogen) mit Musik unterlegt, was sonst deplaziert oder überfrachtet wirkt, oder auch nicht vorhandene optische Aussagekraft oder Spannung versucht künstlich zu pushen.

Nicht so bei Boyle. Er ist der einzige Regisseur, bei dessen Filmen ich dieses Soundtrack-Dauerbombardement ertragen kann. Stilistisch und optisch erinnert TRANCE natürlich etwas an seinen eigenen Film TRAINSPOTTING. Aber für mich gibt es auch Anklänge an David Cronenbergs spätere Thriller und deren düstere und undurchschaubare Mischung und vereinzelten Bodyhorrorschocks sowie starker, teils unterschwelliger erotischer Komponente. TRANCE mixt sogar Genreelemente und so gibt es sogar auch mal eine unerwartete Splatterszene zu bewundern, die durch ihre gute Umsetzung und den Überraschungseffekt besticht.

Boyd bleibt aber auch hier in gewisser Weise bescheiden und suhlt sich im weiteren Verlauf des Films nicht in ähnlichen expliziten Sequenzen auch wenn es noch einige unnachgiebige Gewaltspitzen am Ende gibt. Nicht alles ist perfekt an TRANCE, aber mit normalen Logikmustern lässt sich dem Film nur schwierig gerecht werden. Schnell entstehen auch unrealistische Konstellationen der Figuren untereinander und es gibt Handlungsmotive von Hauptpersonen - wie von Elisabeth - die zunächst völlig im Dunkeln bleiben. Später wird aber quasi nebenbei dieser Widerspruch etwas aufgelöst. Sie ist die komplexeste Figur in TRANCE und optisch sogar "full frontal" im Bild und selbst diese an sich eindeutige Pose wird später nicht zufällig in eine Parallele zum Filmthema der Kunst umgewandelt.

Technisch ist auch die Kamerarbeit geradezu als berauscht im positiven Sinne zu bezeichnen. Sie spielt mit den Motiven, umgarnt sie und nutzt das Gegenlicht, Überblendungen, Spiegeleffekte und noch vieles mehr um die tranceartigen Bilder noch zu verstärken. Man könnte noch seitenweise über TRANCE philosophieren. Im letzten Drittel verschwimmen Wirklichkeit und Wahn zu einer undefinierbaren Einheit, wer weiß noch was real und was Vorstellung ist? Im Nebeneinander von Traum, Hypnose, Trance und surreal rauschhaften Bildern läuft alles auf ein ekstatisches Finale zu, in dem man fast vergisst zu atmen. Filme sollen verzaubern und die Welt vergessen machen. Dafür ist TRANCE ein gelungenes Beispiel. Boyle Fans werden und müssen hier zuschlagen. Es ist einer seiner besten Filme.

8,5/10 Sackschüssen….äh,….Punkten

Details
Ähnliche Filme