Man kann es mit den Doppelbödigkeiten auch übertreiben.
Am Ende kommt immer noch ein Twist. Oder zwei. Oder noch besser drei? Und in der Mitte auch schon einer.
So geht das spätestens seit „The Usual Suspects“ für ein kunstvoll verschachteltes Drehbuch einen Oscar gewann. Zurecht gewann! Es gehört inzwischen zum guten Thrillerton, das Publikum zu irritieren, in die Irre zu führen und jede Menge rote Heringe auszulegen, auf das man nicht eine ev. Schon mal dagewesene und jetzt wieder verwendete Pointe zu früh erkennen würde.
Der Aufbau wird manchmal zunehmend auf derlei Übertölpelungen ausgerichtet und so mancher erträgt die volle Spielfilmlänge schon nur noch unter der Prämisse: da muß aber gleich noch ein dickes Ding kommen, das alles auf den Kopf stellt!
Klar, sogenannte „Plot-Twists“ sind eine tolle Sache, verändern den Blickwinkel, stellen offensichtlich Eindeutiges in Frage, regen zum Mitdenken an. Sie funktionieren aber am besten, wenn sie unerwartet kommen und überraschend einen scheinbar stringenten Erzählfluß auf den Kopf stellen.
Das ist aber bei Danny Boyles „Trance“, seinem zweiten Spielfilm seit dem Oscar-Triumph mit „Slumdog Millionär“, leider nicht der Fall.
Der Film, im Übrigen das Remake eines britischen TV-Films aus dem Jahre 2001, schreit nach einer wortreichen Exposition geradezu in jeder Szene laut heraus, daß da ja noch was kommen muß, um die aufwändige Prämisse zu bedienen.
Die wiederum liest sich ziemlich straight im ersten Moment: bei einer Auktion wird ein Gemälde von Goya gestohlen. Das heißt, es soll gestohlen werden, doch der Angestellte Simon, der es in Sicherheit bringen soll – und nebenbei mit den Räubern gemeinsame Sache macht – hat offenbar andere Pläne. Er kompliziert die Übergabe, bekommt von seinem Anführer Franck mit dem Gewehr auf den Kopf und wacht später im Krankenhaus wieder auf. Leider sind seine Kumpanen derweil schon ziemlich auf dem Kriegspfad, weil das Gemälde eben nicht in seiner Hülle war, sondern Simon das Bild offenbar anderweitig versteckt hatte – woran er sich aber jetzt nicht mehr erinnert. Da Folter nichts bringt, entscheidet sich Simon für eine professionelle Kopfdurchwühlung durch die Hypnosetherapeutin Elizabeth. Und die steigt alsbald in den Fall mit ein…
Bis dahin ist es ein Krimi, relativ geradeaus, schnörkelarm, wenn auch etwas zerlabert, denn wo andere Regisseure enorm auf Drive setzen, muß Simon dem Publikum hier zusätzlich erzählen, was es jetzt präsentiert bekommt – was letztendlich so überflüssig ist wie irreführend, denn so gaukelt man dem Publikum vor, daß man es bei Simon mit der Hauptfigur zu tun hat.
Hat man aber nicht, zumindest nicht so eindeutig. Zwar steht James McAvoys Auktionator im Zentrum, doch bald schiebt sich Rosario Dawson als Therapeutin in den Fokus und führt den Zuschauer alsbald in Simons Kopf hinein, auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Amnesie. Und auch der lakonisch-brutale Franck wird nach und nach nicht als der übliche hassenswerte Schlagetot angeboten, sondern entwickelt durchaus unterhaltsame Charakterzüge.
So gestaltet sich das Protagonistentrio recht ambivalent – und nicht eben sympathisch. Simon gerät zunehmend zum wechselhaften Enigma, was Gemütszustände angeht, Franck ist zwar an der Kohle interessiert, fokussiert aber zunehmend auf die Therapeutin und die gute Elizabeth hat ihre eigene Agenda im Schrank, die aus gutem Grunde lange Zeit ein Geheimnis bleibt.
Das Problem: so spannend am Ende die Auflösung des Geschehens ist, so dramatisch, verwirrend, verquast und verworren ist sie auch. Gewisse Teile des großen Twistkonstrukts wirken vollkommen an den Haaren herbeigezogen und obwohl tatsächlich über den Film eine Menge Hinweise und rote Heringe verstreut werden, ist man bei dieser „Auflösung“ am Schluß nicht in der Lage, anhand der Tipps auch nur irgendeine Prognose zu erstellen, was ALLES passiert ist bevor und nachdem Simon auf den Kopf gehauen wurde.
Sollte also jemand durch die Tür kommen und breitärschig behaupten, er hätte das ja nach 30 Minuten alles genau so kommen sehen, dann schmeißen Sie ihn gleich wieder raus. Denn genau das glaube ich ihm dann nicht für eine Sekunde.
Das heißt aber nicht, daß das den Film besser macht. Sicher, Joe Ahaerne ist hier ein knackig-kompliziertes Konstrukt eingefallen, das wirklich jeder Vorhersage spottet, aber das macht die Affäre nicht weniger überkompliziert und überkonstruiert. Unwahrscheinlichkeiten gehen hier mit Leichtigkeit durch die Decke und der Film gerät gerade durch das (notwendige) Zurückhalten fast aller relevanten Informationen in einen dermaßenen Erklärungnotstand, daß die letzten 15 Minuten fast komplett dazu aufgewendet werden müssen, das Geschehen zusammenhängend und scheibchenweise zu erklären – um dann noch einen Actionschlußpunkt zu setzen, damit nicht ganz so dröge wird.
Für Leute, die sich von spektakulären Auflösungen gern an die Wand drücken oder wegspülen lassen, wird „Trance“ ein echtes Fest sein, der Rest wird das Problem haben, daß sie mit so gut wie keiner der Figuren irgendeine Beziehung aufbauen können, da Motivationen und Vorgeschichte bis kurz vor Schluß ein echtes Mysterium bleiben. Dazu kommt erheblicher Nachanalysebedarf, denn was noch enthüllt wird, bezieht sich auf alle Zeiträume: vor dem Raum, danach und schlußendlich sogar zwischen dem fatalen Kopftreffer und dem Wiedererwachen in der Klinik.
Als knifflige Momentaufnahme mag das noch funktionieren, vielleicht auch, weil Boyle es mit den leicht verfremdeten psychischen Innenwelten Simons zumeist nicht übertreibt, sondern sie halbwegs realistisch zeichnet. Allerdings hat das den Nachteil, daß man immer weniger unterscheiden kann, was denn nun Psyche und was Realität ist.
Darstellerisch ist zumindest alles auf solidem Level – McAvoy deliriert erfolgreich zwischen Euphorie, Verzweiflung und Hintergründigkeit; Cassel zieht seine bewährte Mieser-Typ-Masche ab, bei der er aber diesmal nicht verhindern kann, daß man ihn mit jeder Minute mehr mag und Rosario Dawson zieht nicht nur blank, sie pendelt auch erfolgreich zwischen Femme Fatale, Strippenzieher und vergnügungssüchtigem Opferlamm.
Ein zeitweise sehr reizvoller Film, von dem man außer dem im Anschluß nachzuvollziehendem Puzzlespiel aber nicht sonderlich viel mit sich nehmen kann und der nur so viel Reiz ausübt, daß man erneut sehen will, um zu überprüfen, ob man ihn verstanden hat, nicht weil er so sensationell überzeugend und innovativ war.
Ein Verwirrspiel in fast jeder Hinsicht – am Ende jedoch an Miss Dawsons lockiger Haarpracht herbei gezogen. (6,5/10)