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Die deutschen Titelgeber wollten die Erwartungshaltung zusätzlich kanalisieren, indem sie den "Nebenwirkungen" des Originaltitels noch ein "tödlich" hinzufügten. Vordergründig lagen sie damit richtig, da die Psychopharmaka, die Dr.Jonathan Banks (Jude Law) seiner Patientin Emily Taylor (Rooney Mara) verschreibt, zum Tod eines Menschen führen, doch der allgemeiner gehaltene Originaltitel vermittelt, worum es Regisseur Stephen Soderbergh tatsächlich ging - um die vielfältigen Nebenwirkungen unserer Sozialisation.

Als Basis seines Films dient die typische Erfolgsgeschichte eines jungen Paares. Martin Taylor (Channing Tatum) arbeitete erfolgreich als Broker und konnte die hübsche Emily schnell von sich überzeugen, als er ihr seine Yacht zeigte und sie zu einer Reise einlud. Die zartgliedrige junge Frau und der trainierte Finanzjongleur wurden ein attraktives, keineswegs unsympathisches Paar, dass schnell heiratete und ein luxuriöses Leben führte. Ihr Niedergang kam überraschend, als Martin Taylor verhaftet wurde und im Gefängnis landete, weil er verbotene Absprachen getätigt hatte. Ein Fakt, den nur ein Insider wissen konnte, aber wer ihn verraten hatte, weiß Martin Taylor bis heute nicht.

Soderbergh erzählt diese Vorgänge erst im Rückblick, aber er zeigt die Konsequenzen daraus. Emily lebt in einem einfachen Appartement in einer wenig attraktiven Gegend von New York und verdient ihr Geld mit einem Bürojob, während ihr Mann für vier Jahre im Gefängnis einsitzt. Der Film beginnt mit ihrem letzten Besuch bei ihm, bevor er kurz danach entlassen wird, bereit ihre unhaltbare finanzielle Situation wieder zu ändern. Doch anstatt das eine Besserung eintritt, verschlechtert sich Emilys Zustand zusehends, obwohl sich ihr Ehemann sehr um sie bemüht. Als sie früh zu ihrer Arbeit fahren will, verliert sie die Kontrolle über ihr Auto und rast ungebremst in eine Wand der Tiefgarage. Die körperlichen Folgen sind gering, aber sie gerät in den Verdacht, sich umbringen zu wollen und wird dem Psychotherapeuten Dr.Banks zugewiesen.

Obwohl Emily widerspricht, sie hätte einen Selbstmordversuch unternommen, genügt ihre Geschichte, um daran zu zweifeln. Keinen Moment hinterfragt irgendein Beteiligter, wieso es Emily schlecht geht, obwohl die junge Frau keineswegs in Armut lebt und ihr Mann inzwischen wieder bei ihr ist. Im Gegenteil scheint dessen Entlassung die alten Wunden wieder aufzureißen, die ihr durch den Verlust ihres früheren Lebens zugefügt wurden. Unmittelbar danach war sie schon bei Dr.Victoria Siebert (Catherine Zeta-Jones) in Therapie, die sie damals erfolgreich gegen ihre Depressionen behandelte, aber seit Martins Auftauchen zeigen sich wieder die damaligen Symptome bei ihr.

"Side effects" funktioniert deshalb so gut, weil Emiliys Verlust eines luxuriösen Lebens generell als gerechtfertigter Grund für eine Depression angesehen wird. Soderbergh verzahnt ihr Erleben mit einer Vielzahl guter Ratschläge anderer Menschen, für die der Griff zur Tablette so normal ist wie die tägliche Morgentoilette. Sobald Stimmungsschwankungen den äußerlichen Anschein eines erfolgreichen Lebens nicht aufrecht erhalten lassen, hilft der Griff zur glücksbringenden Tablette - eine Konsequenz die auch Dr.Banks aus Emilys depressiven Stimmungen zieht, indem er ihr ein neu auf dem Markt erschienenes Medikament verschreibt. Damit nimmt Soderbergh eine zweite Ebene hinzu, denn Dr.Banks Entscheidung wird davon beeinflusst, dass er vom Hersteller viel Geld dafür bekommt, um die neue Psycho-Tablette erfolgreich auf dem Markt einzuführen, dabei die Nebenwirkungen außer acht lassend.

"Side effects" entwickelt ein Konglomerat aus Geldgier und Erfolg, so wie er von der Gesellschaft definiert wird. Soderbergh wählte dafür die äußere Form eines spannenden Thrillers, der - von sehr guten Darstellern getragen - überraschende Entwicklungen nimmt, aber das Krankheitsbild, das sich darin zeigt, ist nicht allein das seiner Protagonisten, sondern einer Sozialisation, die erst die Grundlage dafür bereitet. Weder werden echte Probleme angesprochen, noch die Erwartungshaltungen hinterfragt. Auch der Erhalt von Beziehungen jeder Art, hängt an der jeweiligen finanziellen Situation, was zu ständig wechselnden Konstellationen führt - und damit zum Verlust und Missbrauch von Vertrauen. Wie schon in seinem letzten Film "Magic Mike", verbindet Soderbergh geschickt Gesellschaftskritik mit dem äußeren Anschein eines Unterhaltungsfilms. (8,5/10)

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