Man kennt ihn als etablierten Topos aus unzähligen Western: Den Steppenläufer. Wo er von links nach rechts durchs Bild weht, da herrscht allenfalls noch ein trockenes Pfeifen, wenn nicht absolute Totenstille. Als einziges dynamisches Bildelement symbolisiert das rollende Gestrüpp traditionell die Inaktivität seines Umfelds. Aber wehe, man lässt mitten in Harlem einen Baumwollballen auf der Straße liegen! Plötzlich gerät der ganze Ameisenhaufen in Bewegung und es entsteht ein regelrechter Tanz der Partikel um das unbewegliche Objekt herum. So sind sie eben wohl gepolt, die Organismen im Viertel.
Wenn so ein Ballen Baumwolle in Harlem landet, dann landet damit natürlich im übertragenen Sinne ein Stück afroamerikanische Geschichte in der postindustriellen Großstadtrealität. Schließlich sah man noch weit über das verfassungsrechtliche Ende der Sklaverei hinaus schwarze Arbeiter, die auf Baumwollplantagen täglich unzählige Stunden für die Ernte eingesetzt wurden. Nur ein weiterer Topos des Kinos, gewissermaßen. Solche Bilder stehen heute sinnbildlich für Armut, Abhängigkeit und Ausbeutung. Das Harlem des Jahres 1970 müsste von derartigen Zuständen zumindest durch die zwischenzeitlich aufgekommene Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er isoliert sein. Die hohe Kriminalitätsrate sprach aber dafür, dass immer noch eine sehr konkrete Verbindungslinie zur blutigen Vergangenheit bestand.
Wenn es also heißt „Cotton Comes To Harlem“, dann geht es auch um die Eroberung eines ehemals weißen Stadtteils in Manhattan durch die afroamerikanische Bevölkerung. Regisseur und Drehbuchautor Ossie Davis (dem jüngeren Publikum vor allem bekannt als John F. Kennedy an der Seite von Bruce Campbell in „Bubba Ho-Tep“) verwandelt das kleine Stück vom New Yorker Kuchen mit tatkräftiger Unterstützung durch die Anwohner in ein buntes Potpourri, das mit viel Schwung und kräftiger humoristischer Schlagseite von jenen Themen erzählt, mit denen es sich am besten auszukennen meint: Betrug und Scharlatanerie.
Versucht man im Nachgang, sich die Eckpunkte der Handlung in Erinnerung zu berufen, so bleibt erstaunlich wenig Handfestes zurück. Im Wesentlichen geht es um einen Prediger namens O’Malley (Calvin Lockhart), der auf der Straße als Heilsbringer in Erscheinung tritt, dem aber zwei argwöhnische Detectives mit den einprägsamen Namen Gravedigger (Godfrey Cambridge) und Coffin (Raymond St. Jacques) nicht so recht über den Weg trauen. Ihr Instinkt trügt sie nicht, denn während die Öffentlichkeit den Baum vor lauter Wolle nicht sieht, durchschauen die Detectives sofort, dass es O’Malley nicht etwa um das Wohl des Viertels geht, sondern ausschließlich um sein eigenes, das mit dem Diebstahl einer stattlichen Spendensumme von 87.000 Dollar gesichert werden soll.
Mehr ist da nicht, und mehr scheint auch niemand beabsichtigt zu haben. So durchziehen deutlich spürbare Brüche die Handlung und teilen sie in grobschlächtige Rudimente auf, die nur lose miteinander verknüpft sind; wie unverbindliche Skizzen, bei denen eine assoziativ zur nächsten führt. Situationen werden wie Mauersteine aufeinander gestapelt, derer es letztlich nur wenige braucht, um die Mauer zu vervollständigen; hier eine Kundgebung auf offener Straße, dort eine Theateraufführung, dazwischen einige Verwicklungen, et voilà. Nuff said. Nein, mit der nackten Story gewinnt „Cotton Comes To Harlem“ keinen Blumentopf. Eher schon mit den vielen obskuren Situationen, die nebenbei ablaufen. Sie sind zwar kaum entscheidend für den Handlungsfortgang, verleihen der temporeichen Krimikomödie aber erst ihren Zunder.
Dass Ossie Davis bezugnehmend auf die Romanvorlage von Chester Himes weniger ein realistisches Straßendrama als vielmehr dessen Überzeichnung im Sinn hat, macht er von der ersten Minute an klar und deutlich. Als Melba Moore zu den Pre-Title-Credits die Zeilen von „Ain’t Now But It’s Gonna Be“ schmettert, trägt die Collage aus Bild und Ton bereits den postmodernen Hauch von Quentin Tarantinos „Jackie Brown“ in sich, obwohl der 1969 gedrehte Streifen selbst zu den ersten nativen Werken jener Welle des schwarzen Kinos gehört, auf die sich ein Tarantino eigentlich bezieht. Letztlich ist das ein Indiz dafür, dass schon Davis als aktiver Filmemacher von innerhalb der Szene dazu in der Lage war, über den Horizont des eigenen Radius hinauszublicken und den übergeordneten Kontext zu begreifen. Denn was er da in Klein- und Kleinstepisoden hinter dem Aufhänger um einen unmoralischen Prediger verbirgt, ist das Portrait eines ethnografischen Wandels, der nicht etwa still und heimlich die US-Bevölkerung unterwandert, sondern mit dem Megafon angekündigt wird. Der Wechsel der Machtverhältnisse vollzieht sich schrill und laut durch steile Kontraste aus schwarz, weiß und bunt, weiblich und männlich, alt und jung, Autoritäts- und Arbeitervolk. Dynamiken, wohin das Auge blickt.
Obwohl die verspielte Regie mit ihren Einfällen zu einem regelrecht comichaften Ergebnis führt, betont sie dabei durchaus die Lebensrealität der Einwohner Harlems. Es mag extrem karikaturistisch wirken, wenn eine alte Dame von einem Straßenkünstler abgelenkt wird, während ein Komplize ihr Kleid von hinten aufschneidet, um an die (in weiser Voraussicht) gut versteckten Wertgegenstände zu gelangen, aber dieses Aufwiegeln von Überlebensstrategien stellt lediglich auf übertriebene Weise dar, was die Realität vorgibt; ebenso wie das Gefeilsche um die Baumwolle, dessen Ausgang durch Verhaltensnormen praktisch derart vorgeskriptet ist, dass beide Parteien den Endpreis der Ware bereits kennen, bevor er überhaupt vorgeschlagen wurde.
Diese Stilmittel werden ganz im Geiste von Chester Himes in erster Linie dazu eingesetzt, Machtverhältnisse ins Gegenteil zu verkehren, gewissermaßen also die Karten neu zu mischen. In einer bemerkenswerten Sequenz soll ein weißer Polizist die schwarze Freundin des Predigers bewachen und muss praktisch willenlos miterleben, wie seine durch Law and Order legitimierte Dominanz nicht nur auf die gewiefte Frau übergeht, sondern er im Verlauf der Auseinandersetzung auch noch jegliche Würde verliert.
Calvin Lockhart passt als Aufschneider natürlich ideal in dieses Schema, bedient er doch einen Rollentypus, wie Burt Lancaster ihn zuvor („Elmer Gantry“, 1960) und Richard Pryor („Car Wash“, 1976) oder Steve Martin („Leap of Faith“, 1992) ihn danach erfolgreich bedient haben. Derartige Charaktere ohne jedwede Moral braucht ein jeder Film über Revolutionen, um zu zeigen, dass ein Umbruch der Machtverhältnisse auch in den eigenen Reihen schwarze Schafe hervorbringen kann. Was Godfrey Cambridge und Raymond St. Jacques anbelangt, wirken deren Ermittler bereits dann wie Serienfiguren, wenn man gar nicht weiß, dass es tatsächlich Serienfiguren sind; die Romanvorlage ist nämlich der sechste Teil einer ganzen Krimireihe und daraus die erste, die verfilmt wurde. Im Chaos der Neuordnung, das Davis fast schon mit der Verschrobenheit späterer Spike-Lee-Filme einfängt, treten die Cops als Hüter der Balance auf. Im Trubel der Masse wird diese Berufung in sehr schönen Einzelmomenten festgehalten – so beispielsweise, als einem Taschendieb die Beute gleich wieder abgenommen wird und das Diebesgut postwendend zum Besitzer zurückkehrt… der die ganze Szene aber gar nicht mitbekommen hat, weil er in beiden Händen Getränke balanciert, weshalb ihm der Arm des Gesetzes die entwendete Börse kurzerhand in den Mund schiebt. Der gelangweilte Blick, den insbesondere Godfrey Cambridge dabei aufträgt, ist reines Comedy-Gold, was die Lust auf eine Fortsetzung anregt… und die sollte ja zwei Jahre später in Form von „Come Back, Charleston Blue“ tatsächlich auch folgen.
Ansonsten lebt „Cotton Comes To Harlem“ von seinen authentischen Sets, dem manchmal ins Experimentelle reichenden Zusammenspiel aus Schnitt und Kamera, den recht aufwändigen Massenszenen (inklusive Show-Finale) und den rasanten Verfolgungsjagden, die im völligen Kontrast zu den lässigen Ermittlungen der Detectives stehen. Die Bierdeckel-Story rückt schnell in den Hintergrund, wenn man erst einmal die Vibrationen im Viertel spürt. Ob man das nun wirklich den Startschuss der Blaxploitation-Welle nennen möchte oder schlicht einen flotten Actionkrimi mit reichlich selbstironischem Humor, ist wahrscheinlich einfach Wortklauberei.