Nach Kenia und Wien nun die österreichischen Berge: im dritten Teil seiner Paradies-Trilogie schickt Regisseur Ulrich Seidl die Tochter der Heldin des 1. Films (Paradies: Liebe) und Nichte der Heldin des 2. Films (Paradies: Glaube) in ein Diätcamp in den Bergen, um abzuspecken. Melanie (Melanie Lenz) ist eine übergewichtige, völlig normale Teenagerin, die etwas lustlos in das Abspeck-Camp zieht, dort aber bald Freundinnen findet und sich in den Doktor der Anstalt (Joseph Lorenz) verliebt. Im Gegensatz zum sarkastischen Drill-Instructor ist er freundlicher und fühlt sich offenbar auch durch ihr Interesse etwas geschmeichelt…
Ich habe nun alle drei Paradies-Filme gesehen, z. T. wirklich gelitten, z. T. sehr gelacht, manchmal mitgelitten und mich in einem doch recht typischen Seidl-Universum wiedergefunden. Ich kann mit seinem dokumentarischen Ansatz wesentlich mehr anfangen als mit Michael Hanekes eher dozierenden Ansatz, dem anderen großen zeitgenössischen Österreicher im Regiestuhl.
Die Trilogie behandelt am Beispiel dreier Frauen die unterschiedlichsten Facetten der Themen Liebe, Glaube und Hoffnung. „Glaube“ ist ganz sicher der schwerste und verstörendste Film der Trilogie (und das will bei Seidl eh schon etwas heißen), „Liebe“ der witzigste, bei aller Traurigkeit und Fremdscham.
Nun also „Paradies: Hoffnung“. Er liegt in dieser Paradies-Welt irgendwo dazwischen, zeigt aber an manchen Ecken auch die Grenzen der Seidlschen Herangehensweise. Wie immer dominieren lange Einstellungen, ein etwas statische, dokumentarische Regie und ein improvisiert wirkender Dialog. Seidl verlangt auch von seiner Teenager-Darstellerin Melanie Lenz wirklich viel Mut. Die meiste Zeit des Films ist sie in Bikinis, Shorts, Unterwäsche oder knappen Kleidern zu sehen – sehr mutig von einem Teenager, denn gerade als Mädchen ist in diesen Jahren das Gewicht ein permanentes Thema.
Niemals liefert Seidl seine übergewichtigen Protagonisten der Lächerlichkeit aus, er filmt sie einfach in diesem asketischen, strengen Drill-Umfeld, filmt sie beim Quatschen über Jungs, über Alkohol, beim Trinken, beim Tanzen und Flaschendrehen. Dabei ist er nie entlarvend, sondern wie immer ganz neutral. Allerdings: so gut das Improvisieren bei erwachsenen Schauspielern klappt, so stößt es hier an seine Grenzen. Improvisiert und spontan wirken die Dialoge der Mädchen nicht, eher eben doch geschauspielert und hölzern, fast ein wenig soap-mäßig. Das ist nicht die Schuld der Mädchen, sondern hier ist eben vielleicht ein leitender Regisseur gebraucht, der Anweisungen geben kann. So wirkt das, was sonst immer funktioniert (ich liebe z. B. „Hundstage“ und „Import/Export“) hier eher zäh und bemüht.
Im Zentrum des Films steht Melanies Verknalltheit in den Arzt, der locker dreieinhalb Mal so alt ist wie sie – manches Mal benimmt er sich wirklich nett ihr gegenüber, manches Mal fühlt er sich geschmeichelt, doch er ist latent unheimlich – was sich in einer Szene im Wald auch zeigt. Er oszilliert zwischen positiv fürsorglich und unangenehm. Aber Melanies Schmerzen und ihre 1. Liebe samt Freude schafft Seidl hervorragend einzufangen.
Auch gibt es manch wirklich amüsante Szene, v. a. am Anfang des Films, aber wie so oft liegen bei Seidl Tragik und Komik ganz nah beisammen.
Somit bleibt ein relativ gelungener Abschluss der Trilogie, der aber zu keiner Zeit an den grandiosen Auftakt mit „Paradies: Liebe“ heranreicht. Und der Mittelteil ist ein Härtetest – zermürbender fast als „Martyrs“, weil er so verstörend intensiv eine Welt des Glaubens zeigt, aber einen Glauben, der so absolut gelebt wird, dass er zum Surrogat für all die Leere im Leben der „Heldin“ wird.
Eine 6,5.