Review
von Leimbacher-Mario
Du bist, was du isst
In dem feinen, eigenständigen (und sogar besseren!) US-Remake eines mexikanischen Kannibalengruslers trifft Bergmann auf Craven, „The Beguiled“ auf „Raw“, Familiendrama auf Menschfresserschock. Wir folgen hier eigentlich den Bösewichten der Geschichte, einer Familie mit zwei jugendlichen Töchtern und einem kleinen Sohn, die sich schon seit jeher von Menschenfleisch ernährt. Doch als die Mutter an einer seltenen Krankheit und indirekt wegen genau diesen ungewöhnlichen Nahrungsvorlieben stirbt, gerät die delikate Balance ins Ungleichgewicht, die Mädchen der Familie stellen ihren strengen Vater in Frage, der Dorfarzt vermutet Schlimmstes und der Kleinste fürchtet sich vor dem „Monster“, das im Keller angekettet zu sein scheint...
„We Are What We Are“ geht andere Wege als das Original, ist sein ganz eigenes Biest und schon allein deswegen muss man den Hut leicht anheben. Ziehen muss man ihn dann, wenn man die enorm dichte Atmosphäre, den ungewöhnlich (positiv-)lethargischen Aufbau und die äußerst hochwertigen Schauspielleistungen betrachtet. Das ist ein klasse Niveau, weit über durchschnittlicher Genreware. Audiovisuell eine echte Wohltat, atmosphärisch als ob „The Witch“ auf „The Hills Have Eyes“ treffen würde. Post-Horror vom Feinsten, beunruhigend und eindringlich, gekonnt und intensiv, wertig und geduldig. Arthouse-Horror mit Biss. Der Teufel sitzt hier definitiv im Detail, die Schauspieler spielen bis in die (prominent besetzten!) Nebenrollen groß auf und der Regen prasselt unaufhörlich. Alles wirkt grau, trist, karg und um Hoffnung muss arg gekämpft werden. Thematisch und allegorisch klar auf einer Linie mit „Hereditary“. Wenn auch dann doch nicht ganz so nachhaltig und auf dessen Niveau. Aber beachtenswert!
Fazit: von Löchern im Magen zu den Schatten auf unseren Seelen, von der Bürde des Stammbaums zu gesellschaftlichen Tabus - „We Are What We Are“ ist ein schockierendes, sich langsam zuziehendes Moodpiece, dessen Atmosphäre wie unaufhörlicher Regen in uns eindringt, uns schwächt und angreifbar macht. Kannibalenschocker als Gourmethappen. Schwer verdaulich und kalorienreich. Zäh aber auszahlend.