LEIF JONKER’S DARKNESS
Abgesehen von NEKROMANTIK gibt es kaum einen Amateurbeitrag, der meine Liebe zu dieser Art von Film so stark geprägt hat wie dieser hier, wo ein engagierter Horrorfan sich so ins Zeug legte, dass er einigen Berichten zufolge bei einem missglückten Stunt oder Effekt fast einen Arm verloren hätte. Gedreht wurde das gute Stück 1992, in Europa veröffentlicht 1995, wo ich es auch dank des genialen Covers gleich gekauft habe und bis heute als Kronjuwel des amerikanischen Homemade Splatters ansehe.Irgendwo in den USA treibt sich ein Vampirfürst herum, der eine ständig wachsende Heerschar gebissener Anhänger zurück lässt. Als dieser Obervampir eines Nachts auf einer Tankstelle ein Blutbad anrichtet, schwört ihm ein junger Mann, der einzige Überlebende dieses Massakers, Rache und verfolgt ihn mit Schrotflinte, Kettensäge und Weihwasser. Dabei stößt der junge Mann immer wieder auf neue Vampire, die sich z.B. in Farmhäusern einnisten. Ganze Landstriche sind bereits infiziert. Ein paar Jugendliche, die gerade von einem Rockkonzert kommen, müssen ebenfalls mit Entsetzen feststellen, dass in nur einer Nacht ihr kleines Heimatstädtchen komplett umgewandelt wurde. Zusammen mit dem Vampirjäger fliehen sie vor den Blutsaugern ins Ungewisse und hoffen, diese Nacht irgendwie zu überleben.
Was Jonkers Vampirsplatter von sämtlichen anderen amerikanischen No Budget Gore Streifen unterscheidet, ist zum einen die Sorgfalt bei der Inszenierung und zum anderen das Gespür für die richtige unheimliche Horrorstimmung. Allein schon das Tankstellenmassaker zu Beginn offenbart eine erstaunliche Mischung aus Action, Hochspannung, Dramatik und einem immensen Gefühl von Bedrohung. Ähnliches gilt gleichfalls für eine Stelle, wo die Jugendlichen um ein Auto herum stehen und auf eine schier unermessliche Anzahl unsichtbarer Gegner im Dunkeln schießen. Aber auch die wunderschön gefilmten ruhigeren Momente, wie etwa auf der morbiden Farm oder als ein Paar nach dem Konzert auf einem leeren Highway entlang läuft, bis ihnen immer mehr Gestalten den Weg versperren, sind von der Stimmung her phänomenal eingefangen worden und leben von einer erstaunlich intensiven Bildersprache, die sehr viel Regietalent erkennen lässt. Natürlich weist die schlichte Story diverse Plotholes auf, doch welcher Film auf diesem Produktionslevel hat nicht mit diesem Manko zu kämpfen? Dass es fast keine Charakterentwicklung bei den von jungen Laien verkörperten Figuren gibt, ist vollkommen verzeihlich. Kritische Stimmen hingegen bemängeln die Darstellung der Vampire, denn während der charismatische Obervampir noch dem klassischen Bild eines Blutsaugers entspricht, sind seine gerade zu Ende pubertierenden Diener nur mit Blut herumsudelnde Straßenpunks, die sich beim Akt des Fressens kaum von Zombies unterscheiden. Im bluttriefenden Finale, wo eine ganze Horde der Vampire auf offener Straße von einem frühen Sonnenstrahl überrascht wird, werden die menschlichen Darsteller zudem teilweise gegen groteske (aber liebevoll gestaltete) Stabpuppen ausgetauscht, um die drastischen Auswirkungen der Sonne auf das schmelzende Vampirfleisch zu verdeutlichen, was fast schon surreal wirkt, aber bei manch einem Betrachter offenbar nicht so gut angekommen ist. Hinzu kommen happige Bladder FX und Darsteller, die sich schreiend am Boden winden, während sie sich ihre matschige Haut vom Leib reißen. Überhaupt sind viele der Bilder durch ein zu dunkel gedrehtes Super 8 Material, grobkörnige Kameraauflösung und schmierende Lichtquellen arg befremdlich und wirken in Verbindung mit verzerrten Geräuscheffekten und psychedelischen Loops auf der Tonspur wie ein verfilmter LSD-Trip, was aber auch einige Zuschauer an dem Film nicht zu schätzen wissen. Ich hingegen empfand es als erfrischend anders und zumindest ist DARKNESS nicht mit Schnitten, optischen Spielereien und Perspektivenwechseln maßlos überladen. Die rohe Kraft dieses ungeschliffenen Diamanten wird noch durch einen düsteren Synthesizer Score sowie sehr klangvolle Heavy Metal Melodien unterstrichen, wobei man sich auch dabei angenehm von einer vordergründigen Verbindung von Gore und Metal distanziert, weil die Songs hier wirklich stimmungsvoll und musikalisch hochwertig sind und perfekt zum Geschehen passen. Außerdem bekommt der Film von mir den Kettensägen-Bonus. Übrigens wurde er seinerzeit mit der Tagline „THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE meets NEAR DARK“ beworben, was auch durchaus zutrifft.Vor ein paar Jahren erschien erstmals der längere „Vampire Cut“ für die internationale DVD-Auswertung, wo ein paar mehr Dialoge zu Beginn und wesentlich mehr Nebenplots bei der Verfolgungsjagd am Ende gezeigt werden, aber die alte Version auf Tape gefällt mir etwas besser, da sie kompakter ist.Warum ausgerechnet Leif Jonker hiernach kein weiteres Filmprojekt mehr realisieren konnte, ist mir absolut schleierhaft. Genügend Magazine haben damals für DARKNESS Werbung gemacht und es gab viele positive Kritiken, aber weder das bereits vor Jahren angekündigte Sequel noch ein unabhängiger Film über Dämonen kamen bislang aus dem Quark. Und schließlich kann man sich nicht ewig lang auf irgendwelchen Lorbeeren von einst ausruhen. Aber ich bezweifle, dass nach 15 Jahren eine Fortsetzung noch einmal die gleiche geniale Stimmung erreichen könnte, zumal die verantwortliche Truppe von damals sich bestimmt längst aus den Augen verloren hat.
Eins noch: Finger weg von der laschen deutschen Synchro, die den Film fast komplett ruiniert.
9 von 10.