„100 Prozent Zeichentrick!“ Das war wohl der effektivste Werbespruch, den man sich in der Marketingabteilung für die Promotion von „Werner – Das muss kesseln“ ausdenken konnte. Schließlich war man sich bewusst, dass die Realszenen den Original-“Werner“ durch und durch versaut haben.
Auch ich war glücklich ob des Wegfallens von Brösels „Oginool-Fresse“ und machte mich freudestrahlend auf den Weg ins Kino, um ein Stück deutscher Proletenkultur endlich in purer Zeichentrick-Reinheit erleben zu dürfen. Als ich das Kino jedoch wieder verließ, hatte ich mein Grinsen aber offensichtlich auf meinem Kinositz liegen lassen. Denn das Sequel kommt nicht einmal annähernd an die Klasse der Zeichentricksequenzen aus „Werner – Beinhart“ heran.
„Das muss kesseln“ basiert im Wesentlichen auf dem Comic „Wer bremst, hat Angst“. Im Mittelpunkt steht hier ein Rennen zwischen dem Mercedes-Fahrer Nobel Schröder und den Brüdern Werner und Andi, die sich mit ihrem „Metülisator“, einem bis zum Haaransatz aufgemotzten Raketen-Motor-Ding, der Herausforderung stellen. Nobel Schröder stellt den verachtungswürdigen und verlogenen Kontrapunkt des „echten“ Rockers Werner dar und nimmt dabei dieselbe Position ein wie ein Ferrari-Fahrer in einem Manta-Film. Im Prinzip wird sogar das gesamte Konzept des Schweiger-Prollfilms „Manta Manta“ übernommen: Schröder macht sich an Werners Freundin heran, provoziert immer wieder zum Zweikampf und lässt nicht locker, bis es zur finalen Konfrontation kommt. Ob das nun reine Kopie ist, oder ob der Proletenfilm an sich einfach nicht mehr Variation bezüglich der Story zulässt und immer auf das Proll-gegen-Proll-Schema hinausläuft, weiß ich nicht („Manta – Der Film“ funktioniert übrigens ganz genauso).
In jedem Fall passt es zur Figur Werner. Er und sein Erfinder Brösel sind Technik-Narren, stehen auf handgemachte Motor-Power und teilen in dieser Hinsicht Eigenschaften mit einem gewissen Tim Taylor. So erlangt die Rock-Attitüde einen gewissen Unterbau, der das Gehabe rechtfertigt und „true“ erscheinen lässt. Der Wettbewerbsgedanke (nicht aus Zufall auch ein Verhaltensmuster, das schon den Neandertaler beherrscht hat) steht dem in nichts nach und passt wie die berühmte Faust aufs Auge.
Leider ist die Rockergemeinde wirklich nur eine Minderheit in unserer Gesellschaft, weshalb die Geschichten um Werners Privatleben nie so sehr den Nerv der Masse getroffen haben wie die Stories rund um Meister Röhrichs Sanitärfirma. So ist es nicht verwunderlich, dass stets der Wunsch nach Auftritten von Röhrich auftaucht. Und der kommt in „Das muss kesseln“ zwar vor, aber viel zu selten, um wirklich nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Nun mag der beinharte Fan sich auch mit den schließlich aus den Comics bekannten Tüfteleien für den Eigenbedarf zufriedengeben. Welcher Werner-Fan kennt schließlich nicht die „satte Literschüssel“ oder eben den „Metülisator“?
Aber: selbst dieser zweite mögliche Ansatz, also das Privatleben Werners anstatt seines Azubi-Daseins, wird im zweiten Kinofilm nicht zufriedenstellend ausgebaut. Im Gegensatz zum Originalfilm kann die Story um den Aufrüst-Kampf zwischen Nobel Schröder und den Gebrüdern Werner und Andi niemals die Comicvorlage übertreffen. Denn – wahrscheinlich verursacht durch das Aufplustern der Geschichte auf Kinoformat – werden die Handlungsstränge derart weitergestrickt, ausgebaut und überarbeitet, dass ein einfaches Wettrennen in eine Time-Travel-Story mutierte.
Welch grausamer, unverzeihlicher Fehler!
Jeglicher Charme, der Brösels Langnasen umgeben hatte, war mit einem Mal verflogen. Die Realitätsnähe war flöten gegangen, und mit ihr jegliche Konsistenz des Werner-Universums. Episodenweise sorgen vereinzelte Nebencharaktere immer mal wieder für Lacher, darunter erwartungsgemäß der Liebling der Massen, Meister Röhrich, oder auch ein Bauer mit einem Dialekt, den wohl nur er selbst versteht; das Hauptgeschehen bleibt aber seltsam fade. Der Subplot um Werners Freundin verflüchtigt sich im Nichts, irgendwie gelangt das Hausschwein „Borsti“ in den zentralen Handlungsstrang und wird zum knusprigen Einsatz der Wette, womit das Geschehen erst an Ernst und Emotionen gewinnt. Im Comic fehlt das Schwein, womit alles deutlich lockerer und unbekümmerter wirkt. Hier ist nur der von den Rasern verursachte Kollateralschaden von Bedeutung, der meistens zu Lasten des Igels mit den Bügeleisen, der beiden Polizisten Helmut und Bruno und des Unternehmers Günzelsen geht. Jene „Opfer“ kommen größtenteils im Film zwar auch vor, fungieren aber dort nur als nebengeordnete Randerscheinung. Ansonsten wird die Konzentration des Zuschauers an der Sorge um das Hausschwein vergeudet, was irgendwie nicht ins Werner-Universum passt.
Mal ganz abgesehen von dem Finale, denn hier wird es im Rahmen der aufgeworfenen Zeitreisethematik absurd. Der Grundgedanke, der dahintersteht, ist noch nachvollziehbar: das Herausholen der ultimativen Speed. Okay, das passt zu unserem Bölkstoffexperten, genauso wie das perfekte Amalgam von Alkohol und Technik (der „Metülisator“ ist ein durch Bölkstoff angetriebenes Gefährt). Dass man den Ansatz aber unbedingt noch weiter ausbauen musste und sich damit zwangsläufig in Fantasy-Gebilde wagte, zeugt davon, dass die Story von „Wer bremst, hat Angst“ zum Spielfilm verarbeitet nichts taugt. Daran ändern auch die diversen Subplots um Röhrichs Arbeitermangel, die Tankstelle, den Golfplatz und das ganze Winterambiente nix.
Fazit: „Werner – Das muss kesseln“ scheitert an dem Versuch, Film zu sein. Die episodialen Zeichentrickabschnitte aus „Werner – Beinhart“ funktionierten, weil sie in ihrer Kürze nicht auf zeitfressenden Ballast angewiesen waren und ganz frei von Hürden ihre Trümpfe voll ausspielen konnten. Das Rennen gegen den Nobel-Snob Schröder hingegen mutiert in der Vorgabe, das Zeitfenster eines Spielfilms füllen zu müssen, zu einem absurden Zeitreiseabenteuer für Kids, die bunte Geschichten mögen. Mit Werner hat das Ganze aber nur noch wenig zu tun. Die Kultrestbestände sind nur noch in Form von Relikten vorzufinden und nicht wirklich der Rede wert. Somit ist der zweite Teil weniger den Fans des ersten Teils als vielmehr Kindern mit Wunsch nach Märchengeschichten zu empfehlen.
4/10